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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., H. 11-12 / 1997, S. 68-72

 


GENUS- UND NUMERUSINTEGRATION RUMÄNISCHER SUBSTANTIVTRANSFERS

IN DER DEUTSCHEN UMGANGSSPRACHE

BZW. SIEBENBÜRGISCH-SÄCHSISCHEN MUNDART AUS PETERSDORF/ MÜHLBACH


Adina-Lucia Nistor

 

 

Anhand des erhobenen Wortmaterials, das auf einer Anzahl von ungefähr 700 Grundwörtern stützt, werden wir im Bereich der grammatischen Transferenz untersuchen, wie sich rumänische Substantivtransfers nach Genus und Numerus in die deutsche Umgangssprache und siebenbürgisch sächsische Mundart von Petersdorf/Mühlbach, einem Ort im südwestlichen Siebenbürgen, integriert haben.
Da solche Substantive auch im Umgangsdeutschen und im Siebenbürgisch Sächsischen anderer siebenbürgisch-sächsischer Orte vorkommen können, dürfte das weiter unten Behauptete nicht nur für den von uns untersuchten Ort gelten.

Die Berührung der Grammatik ist ein Zeichen tiefgreifender Transferenz (1), wobei grammatische Transferenzen in der gesprochenen Sprache viel häufiger als in der geschriebenen Sprache vorkommen (2). Auch in diesem Fall handelt es sich um die Durchläßigkeit (3) des entsprechenden Sprachsystems zu einem gewissen Zeitpunkt. Zu den grammatischen Transferenztypen gehören die: 1. morphematische Transferenz von gebundenen Morphemen 2. morphologische Transferenz von Wortbildungsmustern 3. syntaktische Transferenz.

Bei der morphematischen Transferenz muß die Idee der relativen Gebundenheit von Morphemen akzeptiert werden, da der Transfer eines vollständigen grammatischen Paradigmas aus einer Sprache in die andere nirgendwo festegestellt worden ist (4). Um dieses näher zu erläutern bringen wir zwei verschiedene Flexionsbeispiele: die Deklination des siebenbürgisch sächsischen “Krotzewetz” (Gurke) < rum. mda. (mit Metathese) “crastaveti” (Pl.) und die Konjugation im Präsens Indikativ von deutsch und siebenbürgisch-sächsisch “pornin” (beginnen, losfahren) < rum. “a porni” (ebenso):

 

Sg.

N.

der Krotzewetz

c(r)astavetele

 

G.

der Krotzewetz

c(r)astavetelui

 

D.

dem Krotzewetz

c(r)astavetelui

 

A.

den Krotzewetz

c(r)astravetele

Pl.

N.

de Krotzewetz

c(r)astaveþii

 

G.

de Krotzewetz

c(r)astaveþilor

 

D.

dien Krotzewetz

c(r)astaveþilor

 

A.

de Krotzewetz

c(ra)astaveþii

 

ech pornin

eu pornesc

ta pornist

tu porneºti

hi, et, et pornit

el, ea porneºte

 

mir pornin

noi pornim

ir pornit

voi porniþi

sa:i pornin

ei, ele pornesc



Auch in Transferenzfällen erfolgt das Sprechen nicht nach willkürlichen Regeln, weil der Sprecher unbewußt in die Lage versetzt wird, Transfers in Grundbestandteile zu zerlegen und nur das zu transferieren, was sein System zuläßt, wofür günstige, strukturelle Bedingungen vorliegen.

Demnächst werden wir anhand der Substantivklasse untersuchen, wie sich fremde Morpheme eingliedern. Daß sie integriert werden ist zweifellos, denn in den Sprachen mit ausgebautem Flexionssytem ist es Regel, daß Transfers die Form eines bestimmten Flexionstyps annehmen und erst so in die Sprache eindringen. Mehr als die Hälfte rumänischer Transfers im Deutschen und Siebenbürgisch-Sächsischen von Petersdorf sind Nomina.

Unter Genusintegration verstehen wir die Einordnung transferierter Substantive in das Genussystem der Empfängersprache. Die wesentlichen Faktoren, die zur Zuweisung des Genus bei Rumänismen im Deutschen und Siebenbürgisch Sächsischen führen, sind:

• 1. das natürliche Geschlecht;
• 2. die morphologische Wortform;
• 3. die Analogie zum naheliegendsten Äquivalent oder verdrängten Synonym.

In manchen Fällen können diese Faktoren miteinander konkurrieren. Sowohl das Deutsche und Siebenbürgisch-Sächsische als auch das Rumänische verfügen über ternäre Generaoppositionen: maskulin, feminin, neutrum. Der bestimmte Artikel, woran das Genus der Substantive erkennbar ist, ist im Deutschen und Siebenbürgisch-Sächsischen proklitisch und im Rumänischen enklitisch:

 

der/der

ul  für maskulin Sg.,

die/de

a  für feminin Sg.,

das/det

ul  für neutrum Sg.,

die/de

le  für Plural

Die Formen des unbestimmten Artikels sind:

ein/ing

un  für maskulin Sg.,

eine/en

o  für feminin Sg.,

ein/en

un  für neutrum.

Eine Pluralform des unbestimmten Artikels besizt nur das Rumänische: “niºte”.

Einige rumänische Substantive im Deutschen und Siebenbürgisch Sächsischen haben das Genus aus dem Rumänischen übernommen. Der hohe Bilingualismusgrad der Sprecher könnte ein wesentlicher Grund dafür sein. Wir führen hierzu einige Beispiele auf:

rum. N, maskulin > dt. und sieb.-sächs. N, maskulin

• ardei (grüner Paprika) > Ardee (ebenso)
• crastavete (Gurke) > Krotz(e)wetz (ebenso)
• colac (1. Rettungsring, 2. geflochtener Weißbrotkranz) > Kolak (ebenso)

rum. N, feminin > dt. und sieb.-sächs. N, feminin

• alimentara (Lebensmittelladen) > Alimentara (e-benso); autoservire (Selbstbedienungsladen) > Autoserwire (ebenso); avere (Vermögen) > Awäre (ebenso); bursa (Stipendium) > Bursa (ebenso); colinda (Weihnachtslied) > Kolind\ (ebenso); cosarca (Fruchtkasten) > Koscharka (ebenso); cresa (Kinderkrippe) > Krescha (ebenso); cerere (Gesuch) > Tscherere (ebenso), ciuda (Verdruß) > Tschuda (ebenso), gogoasa (Krapfen) > Gogoascha (ebenso); livada (Obstgarten) > Liwada (ebenso), maslina (Olive) > Mas(z)lina (ebenso); parcare (Parkplatz) > Parkare (ebenso); pepiniera (Baumschule) > Pepinjera (ebenso), pomana (gutes Werk zum Gedächtnis der Toten)>Pomana (ebenso); stîna (Sennhütte) > Stîna (ebenso); urda (süßer Schafkäse) > Urda (ebenso)
rum. N, neutrum > dt. und sieb.sächs. N, neutrum
• definitivat (zweites Staatsexamen) > Definitiwat (ebenso); livret (Ausweis, gewöhnlich beim Militär) > Liwret (ebenso); regim (Diät) > Regime (ebenso)

Sehr viele Transfers die im Rumänischen Neutra sind, erhalten im Deutschen und Siebenbürgisch Sächsischen ein maskulines Genus. Da das rumänische Neutrum im Singular eine Maskulinform und im Plural eine Femininform hat und weil die rumänischen Transfers im Deutschen und Siebnbürgisch Sächsischen meistens in der rumänischen Singularform transferiert werden, behalten sie in der Empfängersprache das “Genus” der Singularform.

rum. N, Sg. neutrum > dt. und sieb.-sächs. N, Sg. maskulin

• colectiv (LPG) > Kollektif (ebenso), ciubuc (Trinkgeld) > Tschubuk (ebenso), depozit (Lager) > Deposit (ebenso); fî[ (Windjacke) > Fîsch (ebenso); ibric (Wasserkanne mit Stiel) > Ibrik (ebenso); impozit (Steuern) > Imposit (ebenso); lipiu (Fladenkuchen) > Lipi: (ebenso); lot (Parzelle) > Lot (ebenso); obstacol (Hindernis) > Obstakol (ebenso), opaiþ (primitive Lampe) > Opaitz (ebenso), plocon (Geschenk einer Wöchnerin) > Plokonn (ebenso); parastas (Seelen-messe) > Parastas (ebenso); parbriz (Windschutzscheibe) > Parbris (ebenso); recensamînt (Volkszählung) > Retschensamînt (ebenso), santier (Baustelle) > Schantier (ebenso); salar (s Gehalt) > Salar (ebenso); tribunal (Gerichtsamt) > Tribunal (ebenso); volan (s Steuer) > Wolan (ebenso)

Die morpholgisch-lexikalische Wortform kann auch eine Rolle in der Zuweisung des Genus bei Rumänismen im Deutschen und Siebnbürgisch Sächsischen spielen.

rum. N, Sg., mask. > dt. und sieb.-sächs. N, Sg. mask.

• controlor (Aufseher) > Kontrollor (ebenso), comandant (Befehlshaber) > Kommandant (ebenso); mahar (Drahtzieher) > Macher (ebenso); navetist (Pendler) > Nawetist (ebenso); procuror (Staatsanwalt) > Prokuror (ebenso); pluguºor (Wünschengehen am Neujahrsabend) > Pluguschor (ebenso); suplinitor (Aushilfslehrer) > Suplinitor (ebenso)

Die Suffixe -ant, -er, -ist, -or markieren im Deutschen Maskulina (5).

rum. N, Sg., fem.>dt. u. sieb.-sächs. N, Sg. fem.

• alocaþie (Kinderbeihilfe)>Alokatzie (ebenso); frizerie (Herrenfriseurladen)>Friserie (ebenso), farmacie (Apotheke)>Farmatschie (ebenso); gogoºerie (Kiosk an dem Krapfen verkauft werden)>Gogoscherie (ebenso); librãrie (Buchhand-lung)>Librãrie (ebenso); neurologie (Neurologiestation)>Neurolodgie (ebenso)

Aufgrund der Analogie zwischen dem rum. Suffix -ie und dem gr. lat. Suffix -ie im Deutschen, erhalten rumänische Transfers im Deutschen und Siebenbürgisch Sächsischen ein feminines Genus.

rum. N, Sg. neutrum >dt. u. sieb.-sächs. N, Sg., neutrum

• carnet (Notenheft)>Karnet (ebenso); tratament (Behandlung)>Tratament (ebenso)

Es entsteht auch in diesem Fall eine Analogie zwischen den rum. -et, -ent Suffixen und denselben Suffixen im Deutschen, die hier ein Neutrum bezeichnen.

Die Übereinstimmung von Genus und Sexus kann an folgenden Beispielen ersehen werden:


rum. N, mask.>dt. u. sieb.-sächs. N, mask.

• Albu (Pferdename) > Albu (ebenso); baci (Senne) >Batsch (ebenso); colonel (Oberst beim rumänischen Militär) > Kolonell (ebenso); cortorar (Wanderzigeuner) > Kortorar (ebenso); curvar (Hurenbock) > Kurwar (ebenso); cioroi (Zigeuner)> Tschoroi (ebenso); cioban (Hirte) >Tschoban (ebenso), locotonent (Leutnant) > Lokotonent (ebenso), mutalau (Stummer, Dummkopf) > Mutalau (ebenso); profesor (Lehrer) > Professor (ebenso); primar (Bürgermeister) > Primar (ebenso), pre[edinte (Vorsitzender) > Preschedinte (ebenso); somer (Arbeitsloser) > Schomer (ebenso)

• ciobaniþa (Hirtenfrau)>Tschobanin (ebenso)(r Tschoban=Hirte); Dumana (Name für am Sonntag geborene Kuh)>Dumana (ebenso); Florica (Kuhname)>Florika (ebenso); Joiana (Name für am Donnerstag geborene Kuh)>Joiana (ebenso); lola (groß gewachsenes, dummes Mädchen)>Lola (ebenso); lele (Tante)>Lele (unordentlich gekleidete Frau); moasa (Hebamme)>Moascha (ebenso); Rujana (Name rotbräunlicher Kuh)> Ruschana (ebenso); soacra (böse Frau)>Soakra (ebenso), strigoaie (Hexe)>Strigoaie (ebenso).

Manche Transfers erhalten ihr Genus in der Empfängersprache aufgrund der Analogie zum naheliegendsten Äquivalent oder zum verdrängten Synonym. Dabei widerspiegelt sich in dieser Art von Genuszuweisung das Prinzip der Sprachökonomie. Eine Konkurrenz zwischen diesem Faktor und anderen ist durchaus möglich. In der zweiten Klammer des betreffenden Beispieles steht jeweils das naheliegende Äquivalent oder das verdrängte Synonym der Empfängersprache.

rum. N>dt. u. sieb.-sächs. N

• accelerat (Schnellzug) > r Aktschelerat (Zug); bufet (Wirtshaus) > s Bufet (Wirtshaus); baraj (Staudamm) > r Barasch (Damm); calorifer (Heizung) > r Kalorifer (Heizkörper); corcodu[ (gelber Mirabellenbaum) > r Korkodusch (Baum), coridor (Hausflur) > r Korridor (Flur); ca[ (süßer Käse) > Kasch (Käse);cotet (Stall für Kleintiere) > r Kotetz (Stall); camion (LKW) > r Kamion (Lastwagen); cabana (Hütte) > e Kaban(a) (Hütte); cojoc (Pelzmantel) > r Kojok (Mantel); ceaun (hängender Kessel) > r Tschaun (Kessel); ferma (Farm) > e Ferm (Farm); gasca (Clique) > e Gaschka (Clique); marfar (Güterzug) > r Marfar (Zug); maieu (Turnhemd) > s Majo (Hemd); ocazie (Mitfahrgelegenheit) > e Okasie (Gelegenheit); pix (Kugelschreiber) > r Pix (Kugelschreiber); personal (Eilzug) > r Personal (Zug); paparada (Eierspeise) > e paparada (Eierspeise); Robinet (Wasserhahn) > r rubinet (Wasserhahn); tricou (T-shirt) > s Triko (Hemd); talcioc (Trödelmarkt) > r Taltschok (Markt)

Der Begriff für die rumänische Währungseinheit im Deutschen und Siebenbürgisch Sächsischen (r Leu) ist maskulin, weil im Deutschen alle Geldeinheiten maskulin sind (6). Eine andere Erklärung für das maskuline “Leu” könnte die Beibehaltung des rumänischen Genus im Deutschen sein.Die Diminutivmorpheme dt. -chen, sieb-sächs. -(t)chen oder (t)schen nach Liquiden, Nasalen, Labialen, Dentalen und Vokalen (Lefeltchen, Löffelchen; Kainjtchen, Kindchen) und -ken nach f-, s-, sch-, z- (Bleschken = kleine Rumänin; Harzken, Herzelein ) (7) haben außer einer Wortbildungsbedeutung (Verkleinerung; emotional-kosend, positive Konnotation) auch eine genuszuweisende Bedeutung:

• dt. u. sieb.-sächs. -(t)chen: das/det Borkantchen (kleines Dunstglas) < rum. neutr. borcan, -e; det Fluterchen (kleiner Schmetterling) < rum. mask. fluture, -i; das/det Puichen (Liebling) < rum. mask. pui, -; das/det Dgetachen (weibl. Kosename) < rum. PN. Geta
• sieb.-sächs. -ken: det Nutschken (Kleine Nuß) < rum. fem. nuca; det Kutsken (kleiner Hund) < rum. mask. Kindersprache; cutu < catel (Hund)

Da mehrere Prinzipien zutreffen können, sind Mehrfachzuordnungen von Genus möglich. So werden z. B. die Substantive “Kukurutz” (Mais) und “Kollektif” (Kollektivwirtschaft) nicht streng einem einzigen Genus eingegliedert. Das Substantiv “Kukurutz” schwankt zwischen maskulinum und neutrum (um Hermannstadt sowohl maskulin wie auch neutrum, in Petersdorf - neutrum) (8) , während “Kollektif” zwischen feminin (z. B. bei Hermannstadt) und maskulin (in Petersdorf) oszillieren kann (9). Die meisten Substantiv-Transfers werden in ihrer Nominativ-Singular-Form transferiert. Eine kleine Anzahl von rumänischen Transfers gelangen ins Deutsche und Siebenbürgisch Sächsische mitsamt ihrer Pluralform. Es ist dies ein Zeichen einer geringeren morphematischen Integration; als Folge einer kompetenten Beherrschung des Rumänischen seitens der Siebenbürger-Sachsen.


rum. N Singular- und Pluralform>dt. u. sieb.-sächs. N, ebenso

• autoservire, -i > Autoserwire, -i
• basculanta, -e > Baskulanta, -e
• ibric,-ce > Ibrik, -tsche
• livada, -zi > Liwada, -zi
• moa[a,-e > Moascha, -e
• maslina, -e > Maslina, -e
• obstacol, -e > Obstakol, -e
• plocon, -oane > Plokonn, -oane
• pufoaica, -ce > Pufoaika, -tsche
• soacra, -e > Soakra, -e
• salvare, ari > Salware, -ari

Wir vermuten, daß auch wegen der Übereinstimmung des rum. und dt. Pluralmorphems -e sich im Nominativ dieses Morphem in obigen rumänischen Transfers im Deutschen und Siebenbürgisch Sächsischen erhalten hat. Andere rumänische Transfers bleiben im Deutschen und Siebenbürgisch Sächsischen im Plural unmarkiert. Diese Kategorie von Transfers gliedern sich zur deutschen Pluralgruppe der Substantive auf -0:

• rum. N. coºarca,-ci > dt. u. sieb.-sächs. Koscharka, -0
• creºa, -e>Krescha, -0

Bemerkenswert ist die Übernahme im Deutschen und Siebenbürgisch-Sächsischen rumänischer Transfers in ihrer Pluralform, wobei dieser Plural in der Empfängersprache Singularbedeutung hat. Es handelt sich vor allem um ältere Transfers:

• dt. u. sieb.-sächs. Ban (< rum. Pl. bani = Währungseinheit); Buretz (< rum. Pl. bureti = schwammartige Pilze); Krotzewetz (< rum. Pl. mda. crastaveti = Gurken), Tschutschuletz (< rum. Pl. ciuciuleti = Pfifferlinge); Gogoschar (< rum. Pl. gogoºari = runde Paprikaart; Nutsch (< rum. Pl. nuci = Walnüsse); Opintsch (< rum. Pl. opinci = Bundschuhe).

Sie wurden in ihrer Pluralform transferiert, weil beim Handeln z.B. auf dem dem Markt, niemals nur ein einziges Stück in Frage kam, sondern immer nur eine Masse oder ein Paar. Einige dieser Transfers werden dem deutschen Pluralsystem angepaßt und erhalten die Substantivpluralendungen: -en, -er (e Nutsch, -ker; e Opintsch, -en). Auch sei erwähnt, daß diese Pluralsubstantive aus dem Rumänischen ohne dem unbetonten Pluralmorphem -i ins Deutsche und Siebenbürgisch Sächsische übernommen wurden, da dieses den meisten Siebenbürger Sachsen Ausspracheschwierigkeiten bereitet.

Der größte Teil rumänischer Transfers, die in der Singularform transferiert werden, erhalten im Plural ein deutsches Substantiv-Pluralmorphem:

dt. u. sieb.-sächs. -er:

• r Awis, -er (< rum. aviz, -e = Benachrichtigungsschreiben); r Aprosar, -er (< rum- aprozar, -e = Obst- und Gemüseladen), r Aktschelerat, -er (< rum. accelerat, -e = Schnellzug); r Aktschident, -er (< rum. accident, -e = Unfall); r Aragas, -er (< rum. aragaz, -e = Gasherd); r Buletin, -er (< rum. buletin, -e = Personalausweis), s Bilet, -er (< rum. bilet, -e = Fahr- oder Eintrittskarte)

dt. u. sieb.-sächs. -en:

• e Koperativa, -en (< rum. cooperativa, -e = Dorfladen); e Fasoi, -en (< rum. fasole = Bohnen); e Ekip, -en (< rum. echipa, -e = Mannschaft); e Platschinta, -en (< rum. placinta, -e = Fladenkuchen)

Rumänische Transfers sind in allen Gruppen der deutsch sächsischen Pluralbildung der Substantive integriert, weniger in der letzten Pluralgruppe auf -s.

Ausgehend von der Untersuchung einzelner Morpheme kann die Frage gestellt werden, ob sich einige Formklassen mehr und andere weniger zum Transfer eignen. Daß die Substantivklasse das eigentliche Kontingent an morphematischen Transferenzen ausmacht, ist kein Zufall. Diese Tatsache bewies Haugen zahlenmäßig an verschiedenen englischen Transfers im amerikanischen Norwegisch und Schwedisch (75% Substantive, 1,4% Interjenktionen). Für den deutsch-rumänischen Sprachkontakt sieht die Situation nicht anders aus (10). Der Grund weshalb mehr Substantive transferiert werden (11), ist nicht grammatischer, sondern viel mehr lexikalischse-mantischer Natur. Aufgrund kultureller Gemeinsamkeiten werden die meisten konkreten “Dinge” in den europäischen Sprachen durch Substantive bezeichnet.

Eine Hierarchie im morphologischen Bereich der Transfers läßt nach der Spitzenstellung des Substantivs, das Verb und das Adjektiv in mittlerer Stellung erkennen, während Adverbien, Konjunktionen, Präpositionen und Interjektionen nicht sehr häufig als Transfers vorkommen.



Literatur:

 

1. Gerda Bretz, Entlehnungen aus dem Rumänischen in der siebenbürgisch-sächsischen Mundart von Rosenau differenziert nach Generationen, in: FVL, Bd. 16, Nr. 2, Bukarest 1973, S. 99–106

2. Berhard Capesius, Wesen und Werden des Siebenbürgisch-Sächsischen, in: Germanistische Linguistik in Rumänien 1958-1983. Eine Textauswahl, Hg. Helmut Kelp, Bukarest 1993, S. 56-80.

3. Michael Clyne, Forschungsbericht Sprachkontakt. Untersuchungsergebnisse und praktische Probleme, Hg. Renate Bartsch; Wolfgang Klein, Cristoph Schwarze u.a., Kronberg 1975.

4. Eugenio Coteriu, Sprachliche Interferenz bei Hochgebildeten. In: Sprachliche Interferenz. Festschrift für Werner Betz zum 65. Geburtstag, Hg, Herbert Kolb, Hartmut Lauffer u.a., Tübingen 1977, S. 85-100.

5. Günter Drosdowski u.a, Duden Grammatik, Mannheim 1995.

6. Bernd Gregor, Genuszuordnung. Das Genus englischer Lehnwörter im Deutschen, Tübingen 1983.

7. Emil Grigorovitza, Rumänische Elemente und Einflüsse in der Sprache der Siebenbürger Deutschen. Eine kritisch-philologische Untersuchung, Heidelberg 1901.

8. Einar Haugen, The Norwegian Language in America, Philadelphia 1953.

9. Monika Kirchmeier, Entlehnungen und Lehnwortgebrauch untersucht am franzözischen Einfluß auf die württembergischen Mundarten, Tübingen 1971

10. Karin Ney, Rumänische Transferenzen in vier siebenbürgisch-sächsischen Ortsmundarten des Kreises Hermannstadt/Rumänien, Marburg 1984

11. Adolf Schullerus u.a., Siebenbürgisch-Sächsisches Wörterbuch, Bd. 1–6 (A–L), Hermannstadt-Bukarest 1924–1993

12. Gerd Tesch, Linguale Interferenz. Theoretische, terminologische und methodische Grundfragen zu ihrer Erforschung, Tübingen 1978

13. Brigitte Volland, Französische Entlehnungen im Deutschen. Transferenz und Integration auf phonologischer, graphematischer, morphologischer und lexikalisch-semantischer Ebene, Tübingen 1986

14. Uriel Weinreich, Sprachen in Kontakt. Ergebnisse und Probleme der Zweisprachigkeitsforschung, Hrsg. A. de Vincenz, München 1977


ANMERKUNGEN:

(1) Eugenio Coºerio, 1977, S. 92.

(2) Uriel Weinreich, 1977, S. 66.

(3) Eugenio Coºerio, 1977, S. 92.

(4) Uriel Weinreich, 1977, S. 65.

(5) Duden Grammatik 1995, S. 202-203.

(6) Ebd., S. 198.

(7) Berhard Capesius 1993, S. 70.

(8) Siebenbürgisch Sächsisches Wörterbuch 1975, Bd. 5, S. 392.

(9) Ebd., S. 256.

(10) So: Emil Grigorovitza, 1910, S. 40-41; Gerda Bretz, 1973, S. 103.

(11) Uriel Weinreich, 1977, S. 58.

 

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Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga 

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