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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 73-75

 

 

DER EINFLUSS DES RUMÄNISCHEN AUF DAS IN AGNETHELN-WERD GESPROCHENE SÄCHSISCH


Anneliese Poruciuc



Alle Wörter, die ich hier anführen werde, entstanden in einer sehr kurzen Zeitspanne und sind stark mit den geschichtlichen Ereignissen verbunden, die Rumänien, aber vor allem die Sachsen Rumäniens betrafen. Für eine Sprache ist die Zeitspanne 1945-1989 (1945 - Agrarreformgesetz, 1948 - Sozialisierungsgesetz, 1989 - Auswanderung fast aller Sachsen) eine sehr kurze Periode.

Vor 1945 lebten die meisten Sachsen in geschlossenem Lebenskreis unter ihresgleichen, deshalb konnte man früher von wenigen rumänischen Einflüssen auf das Sächsische sprechen. J. Haltrich (1878: 8-9) führt eine geringe Anzahl von rumänischen Wörtern im Sächsichen an und fügt hinzu, daß die meisten rumänischen Wörter, die in die ss-Mundart (1) eingegangen sind, sich in komischen Redensarten oder Ausdrücken, ”Schelten, und Necknamen über Berufsarten, dann über körpeliche und geistig sittliche Gebrechen Einzelner” finden lassen. Ein wichtiges Charakteristikum der Mundart ist ja auch die Tatsache, daß das Volk nicht gerne lobt, es sieht in dem Guten das Normale, während alle Abweichungen davon, also von Sitte, Brauchtum und Recht gescholten werden. Tadel und Kritik sind beliebter. Das Negative bereichert den Wortschatz nachhaltiger als das Positive.

Nach dem Agrarreformgesetz von 1945 wurde das SS (2) sehr stark vom Rumänischen beeinflußt: “Während man früher auf dem Acker mit dem Nachbarn sächsisch sprach, ist das allen geläufige Rumänisch die Umgangssprache im Betrieb und am Arbeitsplatz geworden. In vielen Orten gilt das weitgehend auch für das Gespräch auf der Straße und bei geselligen Veranstaltungen, sobald ein nicht-sächsischer Nachbar oder Kollege hinzukommt” (Wagner 1976: 334). Mit Einsetzung des Urbanisierungs- und Industrialisierungsvorgangs wird der geschlos-sene Lebenskreis aufgehoben. Die hoch eingeschätzten Sitten und Bräuche, die von der Kirche im Zaum gehaltene Gemeinde, fängt an sich aufzulösen und es entstehen bisher unbekannte oder seltene Verhaltensweisen. Dasselbe gilt auch für Alltags- und Sonntagstracht oder Wohnkultur.

Die Sachsen standen seit Beginn ihrer Einwanderung unter Bedingungen von Diglossie und Bilinguismus (Zweisprachigkeit). Im Falle der Sachsen aber sind diese beiden sprachlichen Phänomene nicht so eindeutig. Was Diglossie anbelangt, muß man hier mit einer vielfältigen Art rechnen, denn die meisten Sachsen sprachen lange Zeit nur Mundart, und so war der Gebrauch der deutschen Hochsprache für sie eine fast ebenso große Umstellung, wie im Falle einer Art Bilinguismus. Diglossie gab es zwischen den Mundarten der einzelnen Dörfer, sowie auch zwischen “Bauernmundart” (wa åf dem Dorf) und “Städërësch” als Soziolekte. Bilinguismus kann hier nur verstanden werden, wenn die geschichtlichen Ereignisse berücksichtigt werden. 1688-1867 war Siebenbürgen ein Großfürstentum unter Habsburg. Erst 1784 ersetzt Kaiser Joseph II. nicht aus nationalistischen, sondern aus rein praktischen Erwägungen in Ungarn und Siebenbürgen das tote Latein durch Deutsch als Amtssprache... Durch seinen 31. Gesetzartikel aus 1791 erweitert der siebenbürgische ständische Landtag den Gebrauch des Magyarischen als Amtssprache. Durch den I. Gesetzartikel aus 1847 wird Latein voll durch das Magyarische als Amtssprache des Landstages ersetzt, während im Gebiet der Nationsuniversität und in der Landeskirche weiterhin Deutsch als Amtssprache gilt (im mündlichen das Gemeinsächsische) (Wagner 1976: 196).

Ab 1918 gehört Siebenbürgen wieder Rumänien an, und die Amtssprache ist Rumänisch.
Aus den drei nichtdeutschen Amstsprachen sind aber nur wenige Wörter im SS erhalten geblieben. Was jedoch blieb, sind der Einfluß auf Syntax und eine große Anzahl von Lehnübersetzungen und Lehnbildungen. Mundart ist nich statisch. Die Grenzen sind weit geöffnet, und es werden ständig neue Wörter gebildet. Die meisten Dialekte haben keine festgesetzten Normen, keine Regeln, die befolgt werden müssen, sondern sie können von den Sprechern ziemlich frei angewandt werden. Mundart scheint also eine zensurlose Form der Sprache zu sein. Selbtverständlich gibt es auch hier eine Tradition von richtig-falsch, aber diese ist “natürlich” und stellt keine Forderungen an den Sprecher. Dialektale Formen sind frei von dem, was Herzen (siehe Keller 1961: 18) “die Absicht auf Überbrückung verschiedener horizontaler oder vertikaler Sprachschichten” nennt.

Eine stilistische Schichtung gibt es in jeder Mundart, genauso wie innerhalb der Hochsprache. Slang oder Argot sind auch im Dialekt vorhanden. Denn eher unter solchen Namen könnte ich die analysierten Wörter anführen. Phantasie, Witz, Zorn, Wut, Schmerz und Spott führen zu immer neuen Wendungen, und die rumänische Sprache gab ihnen reichlich die Gelegenheit zu solchen Neubildungen. Es gibt Lautzusammensetzungen hier, die ihnen fremdartig klangen und zu positiven oder negativen Ableitungen verführten. Es kam schon zu Haltrichs Zeit zum Mißgebrauch vieler unschuldiger Wörter. Der Klang dieser Laute beeindruckte das Gefühl nachaltiger als das Logische, und hinzu kommt noch der Mangel an Abstraktionswilligkeit. So wurden Wörter wie Charakter, Columbus, oder Privatmann von Sachsen “über’n Zaun” ausgesprochen, zu schweren Scheltwörten, die viel böses Blut gemacht haben.

Kommen wir nun zurück zu dem Zeitpunkt, als die Sachsen manchmal auch untereinander Rumänisch sprechen mußten, also am Arbeitsplatz. Wie fast überall benutzte man kaum Taufnamen, sondern Diminutivformen, und viele von denen immitierten rumänische Ableitungen auf -uþ / -uþã (siehe Dãnuþ, Petruþ, Lenuþã, Mãriuþã). Der rumänische Namenschatz hat aber auch bäuerlich-archaische Vertreter wie Palaghia oder Paraschiva, deren Diminutivformen Chivã und Chivuþã von den Rumänen selbst als “hart” empfunden wurden. Besonders der Konsonantismus dieser Namen klang dem ss-Ohr fremd und es nahm Anstoß daran. Berücksichtigt man nun die wichtigsten Merkmale jedwelcher Mundart, ist es kein Wunder, daß aus den zwei obenerwähnten, ursprünglich ehrwürdigen Namen mit Hinzufügung des häufigsten rumänischen Diminutivsuffixes -uþã, eine Paluþã entstand, von den Sachsen als Palutz aufgenommen. Der Name wurde zum Scheltwort und war nur auf Sächsinnen gemünzt, die sich nicht nach Sitte und Brauch kleideten. Wie ich oben schon erwähnte, lösen sich die Gemeinden auf, Sonntagskleidung und Alltagskleidung sind nicht mehr voneinander getrennt, Tracht wird nicht mehr getragen, weder von Sachsen noch von Rumänen. Man kleidet sich “ca la oraº“. Der rumänische Name für die neue, “sinnlose” Art von Kleidung war, in und um Agnetheln, þolinã, die eine durchsichtige Beziehung zu dem rum. þol, þoale hat. Das rum. þolinã war expressiv genung, um es von den Sachsen, als zolinë (mit derselben Aussprache und demselben Sinn), aufgenommen zu werden. Dazu muß ich noch etwas erwähnen, das vom Standpunkt des ss Sprachbewusstseins und der kindlichen Volksetymologie bedeutungsvoll sein kann. Also, für mich, als sächsischsprechendes Kind, rief zolinë eine Assoziation nicht nur mit þol und þoale hervor, aber auch mit der lokal-rumänischen Diminutivform Linã (von Ileana, oder Cãtãlina) und mit etwas Langem und Losem (wie die weibliche Kleidung zu der Zeit aussah).

Neben den schon erwähten expressiven Fremdsuffixen -uþ / -uþã und -inã, sehr beliebt bei den Sachsen war auch rum. -ãlanã (die weibliche Form eines Doppelsuffixes, -ãl + -an): prostãlanã und tontãlanã wurden sehr oft verwendet, und nicht weit davon ent-fernt war auch pustãlanã. Das letzte wurde sowohl von Rumänen als auch von Sachsen gebraucht, im Sinne von ‘Müßiggänger’. (Merkwürdig ist es, daß pustãlanã nur eine weibliche Form hat, während die entsprechende deutsche Zusammensetzung nur als Maskulinum verwendet wird.)
Interessant ist die Tatsache, daß solche Wörter im Sächsischen meistens Frauen betreffen. Das ist aber nicht schwer zu verstehen, wenn man die geschichtlichen Ereignisse im Auge behält. Sächsiche Frauen hatten keinen Beruf, sie arbeiteten auf dem Feld oder in der Küche. Ihr Leben war strengen Regeln unterstellt. Jetzt aber arbeiten viele in der Stadt, somit können sie diese Regeln nicht mehr einhalten, sie gehen manchmal in die “Kondi” oder sogar ins Kino. Solche Frauen werden oft als Pustëlanë von den ländlich-sittlichen Sächsinnen bezeichnet. Der Ausdruck pustig Hojft bezeichnet (wieder!) eine Frauenperson, die mit dem Kopf in den Wolken lebt. Obwohl die Wurzel des Wortes pustig sehr wahrscheinlich ungarischer Herkunft ist (siehe ung. puszta ‘Wüste’), wurde pustig sowie pustãlanã von den Sachsen als rumänisch empfunden.

Weil hier viel über Suffixation gespro-chen wird, wäre es auch interessant inwieweit rumänische Suffixe im Sächsischen produk-tiv wurden. Zum Beispiel rum. -iþã und das schon erwähnte -uþã als -iz und -utz im SS, erscheinen in ss Ableitungen von deutschen Namen: Maritz von Maria, Karutz von Karin. Solche Necknamen wurden aber auch, durch das germanische -chen (ss -ken oder -tschen) weiter abgeleitet, und so gibt es auch die doppelsuffixierten Maritzken und Karutzken. Merkwürdig ist es, daß die zwei Suffixe auch im Sächsischen (wie im Rumänischen) betont bleiben, sogar mit Tonverschiebung in Kárin > Karútz. Im Gegensatz, wenn man rumänische Familiennamen durch das ss weibliche suffix -an (d.h. -in) ableitet, bleibt -an tonlos wie im Germanischen. Also ist die Frau für die Sachsen von einem Radu dë Ráduan und die von einem Popescu dë Popéscuan.

Den rumänischen Suffixen -inã, -iþã, -uþã, -ãlanã hält das deutsche Suffix -ig (wie in pustig) sicher die Waage. Es gibt eine sehr große Anzahl von ss Ableitungen mit diesem Suffix, und viele von ihnen sind von rumänischen “expressiven” Wörtern abgeleitet worden. Der Sinn bleibt meistens der aus dem Rumänischen. Auch hier kann man über eine bedeutungsvolle Einteilung weiblich-männlich, oder femininum tantum und masculinum tantum sprechen. Zum Beispiel, avutig (von dem rum. avut ‘reich’ + -ig) bleibt nur männlich (und exklamativ, in doj avutig! ‘der Reiche!’) sowie prãprãditig (von dem rum. prãpãdit) im Zusammenhang mit armseligen Zuständen, vor allem kränklichen Tieren (in welchem Fall auch das rein rumänische o, sãracu! von den Sachsen verwendet wurde). Vergessen wir nicht, daß pustãlanã exclusiv weiblich war. Und ein anderes Merkmal von rumänisch-sächsischer “Konvergenz”, împuþîtig blieb doch nur männlich (wie in dem sehr zornigen împuþîtiger Hund! ‘stinkender Hund!’). Im Gegenteil, das sehr oft verwendete prostig (von dem rum. prost ‘dumm’) machte keine Sexdiskriminierung, also konnte man ruhig (oder eben nicht so ruhig) sagen: dä, prostig Kä! ‘du, dummme Kuh!’ zu einer Frauenperson ebenso wie prostiger Häund! zu einem Mann.

Es gibt im SS - vor allem in Redewendungen und Reimpaaren verwendet - noch sehr viele weitere Beispiele von Wörtern rumänischer Herkunft, die in unseren nächsten Beiträgen angeführt werden sollen. Was durch vorliegende allgemeine Einführung sowie durch die erläuterten Beispiele nachgewiesen werden sollte, ist hauptsächlich der Umstand, daß die rumänisch-sächsischen Kontakte nicht rein linguistisch, sondern auch sozio- und psycholinguistisch bedingt worden sind.

 

Literatur:

1. Agricola, E. et al., 1969: Die deutsche Sprache, Leipzig: Bibliographisches Institut.

2. Haltrich, J., 1878: Sächsischer Volkswitz und Volkshumor (Vorlesung “in der Generalversammlung des Vereins für siebenbürgische Landeskunde”), Schäßburg.

3. Keller, R.E., 1961: German Dialects, Manchester U.P.

4. Nägler, Th.: Die Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen, Bukarest: Kriterion.

5. Platz, H. / B. Stegmann: 1975 (1912), Såksesch Wält e Wirt uch Beld, Bukarest: Kriterion.

6. Schuller, J.E.: 1840, Gedichte siebenbürgisch-sächsischer Mundart, Hermannstadt: Credner.

7. Wagner, E.: 1976, Quellen zur Geschichte der Siebenbürger Sachsen. 1191-1975, Wien: Böhlau.

 


 

ANMERKUNGEN:

 

(1) ss = siebenbürgisch-sächsische Mundart.

(2) SS = das Siebenbürgisch-Sächsische.

 

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Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga 

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