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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 1-2 (13-14) / 1998, S. 53-61

 

 

 

DIE SYMBOLIK DER FRAUENGESTALTEN IN GOETHES ROMAN WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE

Diana Buºe



Die Frauen sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen. Meine Idee von den Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern sie ist mir angeboren oder in mir entstanden, Gott weiß wie. Meine dargestellten Frauencharaktere sind daher auch alle gut weggekommen, sie sind alle besser, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind (1).

Dieses Bonmot Goethes ist sowohl Zeichen für die Anziehungskraft, die Frauen zeitlebens in seinem Werk auf ihn ausgeübt haben, als auch das Ergebnis seiner geistigen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Weiblichkeit. Die Lehrjahre sind geradezu ein Kompendium von Weiblichkeitsdarstellungen. Das Hauptanliegen des Beitrags besteht darin, die Bedeutung der Frauengestalten in den Lehrjahren hervorzuheben und ihre Symbolik zu entschlüsseln. Goethes Lehrjahre haben zu unendlichen Kontroversen geführt, und bei vielen seiner Zeitgenossen heftige Proteste hervorgerufen, wobei die meisten Stimmen sich gegen die Frauengestalten gerichtet haben. Charlotte von Stein beklagte sich über das “unschick-liche Betragen” der weiblichen Figuren:

Übrigens sind seine Frauen drin alle von unschicklichem Betragen, und wo er edle Gefühle in der Menschennatur dann und wann in Erfahrung gebracht, die hat er alle mit ein bißchen Kot beklebt, um ja in der menschlichen Natur nichts Himmlisches zu lassen (2).

Herder wandte sich gegen Wilhelms “schlechte Gesellschaft”:

Die Marianen und Philinen, diese ganze Wirtschaft ist mir verhaßt (3).

Goethes Schwager, Schlosser, empörte es, daß Goethe der Stiftsdame

einen Platz in seinem Bordell zugewiesen hat, das nur zur Herberge dienen sollte für vagabundierendes Lumpengesindel (4).

Nach Schiller bestand “der allgemeine Stein des Anstoßes, den die feine Welt an dem Meister nimmt” darin, “daß er sich so gern bei dem Schauspieler Volk aufhält, und die gute Sozietät vermeidet” (5)

Goethe ist von manchen seiner Zeitgenossen mißverstanden worden. Ein Fragment aus seinen Gesprächen mit Eckermann ermöglicht einen tieferen Einblick in die von Goethe den Frauengestalten zugeschriebene Funktion und in die künstlerische Gestaltung des Romans:

An diesem Roman (Wilhelm Meisters Lehrjahre; D.B.) tadeln sie (Goethes Kritiker; D.B.), daß der Held sich zu viel in schlechter Gesellschaft befinde. Dadurch aber, daß ich die sogenannte schlechte Gesellschaft als Gefäß betrachte, um das was ich von der guten zu sagen hatte, darin niederzulegen, gewann ich einen poetischen Körper und einen mannigfaltigen dazu. Hätte ich aber die gute Gesellschaft zeichnen wollen so hätte niemend das Buch lesen mögen (6).

Daß Goethes Frauengestalten Trägerinnen einer Utopie sind, ist bereits in diesem Fragment leicht erkennbar. Die Kontroverse um die Bewertung des goetheschen Frauenideals, bestätigt durch die verschiedenen Forschungstendenzen im 20. Jh., bleibt bis heute bestehn.

Bei einer näheren Analyse des Forschungsstandes fällt sofort auf, daß die Interpretation des goetheschen Frauenideals als positiver Ausdruck weiblicher und menschlicher Selbstentfaltung zunehmend vor allem von weiblichen Wissenschaftlern in Zweifel gezogen wird, da man geneigt ist, Goethe mit Schiller zu assoziieren und ihm somit Schillers Frauenideal zu unterstellen. Die oft anzutreffende Reduzierung der gesamten Romanwelt führt unvermeidlich zu einem “Wilhelmzentrismus”, demzufolge “sich die Frauengestalten zu bloßen Bildungselementen abwerten” lassen, wie auch Christoph Lorey bemerkte. Ihre eigenen Lebensschicksale können dann freilich je nach angelegtem Wertmaßstab als ideale Vorbilder oder als abschreckende Warnungen für Wilhelm und die Leserschaft gelten, und ihr körperliches Leiden läßt sich gar nicht wirklich, sondern eben “nur symbolisch” verstehen (7). Diesen Standpunkt vertritt, unter anderen, Anneliese Dick, mit folgender Stellungnahme zur oben zitierten Aussage Goethes:

Goethe distanziert sich von der geforderten ‘christlichen’ Darstellungsweise, indem er auf der Differenz von Kunst und Moral besteht. Sein poetischer Körper ist nicht dazu geschaffen, zeitgenössische Moral offen zu propagieren. In seiner literarischen Inszenierung der ‘sogenannten schlechten Gesellschaft’ beabsichtigt Goethe wahrhafter Moralität dadurch zum Sieg zu verhelfen, daß er sie auf dem Boden ihres Widerparts, ihres Lasters entstehen läßt: Jede Frau in deren ‘schlechter Gesellschaft’ sich Wilhelm befindet, ist für Goethe nur Anlaß, seine ideale Frau realistisch erscheinen zu lassen. Er verleiht seinem Frauenbild Glaubwürdigkeit und Wahrheit nicht in der poetuischen ‘Übertreibung’ moralisch integrer Weiblichkeit, sondern weibliche Identität entsteht im Ringen um sie. In den ‘Lehrjahren’ gewinnt das klassische Frauenbild also durch einen Kunstgriff Goethes ästhetische Qualität. Keine Frau genügt den Ansprüchen des Meisters: weder Mariane, noch Philine, auch nicht Aurelie oder Therese. Jedes Ende einer Liaison Wilhelm Meisters unterstreicht die Unzulänglichkeit einer jeden Frau vor den Maßstäben idealer Weiblichkeit. So erteilt Goethe erwünschter klassischer Weiblichkeit in den ‘Lehrjahren’ die höhere Weihe, indem er weiblicher Tugend und Sittsamkeit erstens als ewiggültigem Kampf um diese Werte Nachdruck verleiht und zweitens sein Frauenideal letztlich positiv in Natalie aufgehen läßt (8).

Anneliese Dick sieht die Frauen in Wilhelm Meisters Lehrjahre mit dem philosophischen Kontext der Zeit eng verbunden und beschränkt sie auf die Funktion als Inkarnation von Entwicklungsstufen des Helden, als von Natur aus dem Manne dienstbares Wesen. Sie behauptet, Goethe habe zur Ideologie beigetragen, welche die Unterdrückung der Frau in der entstehenden bürgerlichen Kleinfamilie mitbefördert hat.

Meines Erachtens kann man aber dieser These aus mindestens zwei Gründen nicht zustimmen: erstens entzieht sich Anneliese Dick einer Interpretation Mignons und der schönen Seele, die als Figuren diese These nicht zulassen (was auch für die anderen Frauengestalten gilt); zweitens trifft ihre Aussage, jede Frau, in deren “schlechter Gesellschaft” sich Wilhelm befindet, sei für Goethe nur ein Anlaß, um seine ideale Frau realistisch erscheinen zu lassen, nicht zu. Bei einer näheren Betrachtung ist die Funktion der Frauencharaktere als Trägerinnen einer Utopie nicht zu übersehen und die “Unzulänglichkeit einer jeden Frau vor den Maßstäben idealer Weiblichkeit” nicht belegbar.

Barbara-Becker-Cantarino spricht von einer Ausgrenzung und Vereinnahmung des Weiblichen in der patriarchalen Utopie von Wilhelm Meisters Lehrjahren, verbildlicht anhand der Biographie der “schönen Seele” (9).

Michael Neumanns Behauptung, die schöne Seele “sprengt durch ihre naturwissenschaftliche Neugier die rollenspezifischen Konventionen”, ist ein Beleg für den Fortschritt der Frauen in Richtung Gleichberechtigung (10).

Goethe hat in seinem Roman ein Gegenmodell zur idealisierenden Dichotomie, zur “natürlichen” Unterscheidung der Geschlechter, die Theorien seiner Zeitgenossen vertraten, schaffen wollen. Die Frauencharaktere sind als Spiegelung einer Erneuerung der Geschlechtsrollenvorstellung und als eine umfassende Evolutionsidee zu verstehen. Das von Goethes intellektuellen Zeitgenossen wie Humboldt, Kant, Schiller in ihren philosophischen Schriften verbreitete Frauenideal, weist der Frau Eigenschaften wie Gemütstiefe und Harmonie mit der Natur zu, deren Folge der Ausschluß der Frau von jedwelchem intellektuellem Bereich ist. In seiner Geschlechterphilosophie leitet Humboldt, ausgehend von den unterschiedlichen natürlichen Funktionen von Mann und Frau, die geistigen und emotionalen Unterschiede ab. Die zeugende Kraft ist mehr zur Einwirkung, die empfangende mehr zur Rückwirkung gestimmt. Was von der ersten belebt wird, nennen wir männlich, was die letztere beseelt, weiblich. Alles Männliche zeigt mehr Selbsttätigkeit, alles Weibliche mehr leidende Empfänglichkeit (11).

Ähnliche Meinungen vertritt auch Kant. Er bezieht zwar 1783 in seiner Schrift Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? auch die Frauen in die Kategorie derjenigen ein, die er aufforderte, “den Schritt zur Mündigkeit” zu wagen (12), in seiner Anthropologie jedoch kritisiert er den Anspruch weiblicher Gelehrsamkeit:

Was die gelehrten Frauen betrifft: so brauchen sie ihre Bücher etwa so wie ihre Uhr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, daß sie eine haben; ob sie zwar gemeiniglich still steht oder nicht nach der Sonne gestellt ist (13).

Vorurteile gegen die weibliche Geistesfähigkeit kommen hier deutlich zum Ausdruck. Goethe hat in seinem Roman ein Gegenmodell zu dem von seinen Zeitgenossen entworfenen Frauenideal geprägt. Die Frauengestalten in Wilhelm Meisters Lehrjahre sind nicht nur als Entwicklungsstufen des Helden zu verstehen, sondern sie entwickeln im Laufe des Romans eine eigene Biographie und somit kann man von einer Selbstständigkeit und Individualität der weiblichen Figuren sprechen, die nicht nur den Werdegang Wilhelms beeinflußen, sondern über eine gewisse Unabhängigkeit verfügen (s. Philine) oder durch die Titelfigur des Romans selbst beeinflußt werden (s. Mariane, Gräfin).

Nun soll eine Analyse der einzelnen Frauengestalten – ihrem chronologischen Auftritt im Roman nach – vorgenommen werden.

Die erste für das Leben Wilhelms bedeutsame Frau ist Mariane, welche im Laufe des Romans einen Perspektivenwandel durchmacht. Den Aussagen des Erzählers nach trägt sie zunächst pikareske und pathetische Züge. Als Barbara Norbergs Geschenke für sie ausbreitet, gewinnt man den Eindruck, daß es sich um eine von einem Verehrer ausgehaltene Schauspielerin handelt, die materialistisch veranlagt ist und von deren Abenteuer berichtet wird. Auch ihr theatralischer Ausbruch Barbara gegenüber erweckt beim Leser Zweifel über ihre Tugendhaftigkeit:

Wenn Norberg zurückkehrt, bin ich wieder sein, bin ich dein, mache mit mir was du willst, aber bis dahin will ich mein sein ... Ich will mich dieser Leidenschaft überlassen, als wenn sie ewig dauern sollte.

Später jedoch erfahren wir, daß Wilhelm daran zweifelt, ob Mariane ganz so unwürdig, d.h. physisch untreu war, und selbst Untreue erscheint ihm in einem sanfteren Licht:

Ihr Stand, ihre Schicksale haben sie tausendmal bei mir entschuldigt.... Wer weiß in welchen Zustand ich sie versetzt habe, und erst nach und nach fällt mir’s aufs Gewissen, in welcher Verzweiflung, in welcher Hilfslosigkeit ich sie verließ!

Erst bei der Begegnung des Helden mit der alten Barbara erfahren wir die eigentliche Geschichte Marianes, erzählt von der Alten im 7. Buch. Marianes Entschluß, lieber in Armut zu sterben als weiterhin ihre Gefühle zu unterdrücken, läßt ihre Hingabe zu Norberg bedeutungslos werden. Im Ringen um den rechten Weg gewinnt sie an Individualität. Mariane will mit ihrer Vergangenheit angenommen werden, so wie sie sie selbst annimmt. Das erklärt sie Barbara, als sie den Entschluß faßt, Wilhelm mit ihren Verhältnissen vertraut zu machen:

Verdien ich nicht ... heute in Mannstracht zu erscheinen? Habe ich mich nicht brav gehalten? Mein Geliebter soll mich heute wie das erste Mal sehen ... ich muß ihm alles entdecken ... und wäre sein Gefühl mich zu verstoßen fähig, so würde ich alsdann ganz wieder mir selbst angehören ...

Selbstbewußt befreit sich Mariane von Normen, die ihr Verhalten verurteilen. Ihr Tod jedoch beweist, daß sie ein Opfer einer vom Aufrechterhalten der Keuschheitsideale geprägten Gesellschaft ist. Mariane wird somit zum Sinnbild der Notwendigkeit einer Umorientierung der Gesellschaft, die sich nicht nur auf Keuschheitsideale stützt, sondern auch bereit ist andere, wertvollere Tugenden zu schätzen.

Als zweite Figur tritt die Gräfin auf, die anfangs zunehmend galante Züge aufweist, die insbesondere durch ihre äußere Darstellung hervorgehoben werden. (Schmuck, Kleidung) Doch auch sie erlebt einen Wandel und zwar einen Wesenswandel. Die Begegnung mit Wilhelm führt zu einer inneren Zerissenheit, entstanden aus dem Widerspruch zwischen adligen galanten Konventionen und der in ihr keimenden Liebessehnsucht. Aus diesem inneren Konflikt lassen sich die Mängel der adligen Konventionsehen ablesen. Goethes kritische Stellung gegenüber des von Gefühlskälte kennzeichneten Adels, für den nur äußere, materielle Dinge einen Wert besitzen, ist nicht zu übersehen. Der Verlust des inneren Gleichgewichts führt die Gräfin auf einen neuen Weg. Sie entfernt sich von der widersprüchlichen Welt und wendet sich einer religiösen Gemeinschaft zu, die eher ihren Bedürfnissen entspricht, da hier die Empfindungstiefe zur christlichen Pflicht gehört. Allerdings muß man einsehn, daß es sich in ihrem Fall um einen negativen Bildungsgang handelt, weil sie in eine trivialisierte, nur auf Geldspenden beschränkte Religiosität flieht. Der Weg zum Harmonisierungsversuch der Gräfin zwischen den Standeskonventionen und ihren individuellen Bedürfnissen führt zu einer Sackgasse. Die Weltflucht ist als ein Zurückschrecken vor einer Neuorientierung zu verstehen, aber die Notwendigkeit einer Evolution wird ihr dennoch bewußt und diese Erkenntnis kann als progressives Element gewertet werden.

Wie noch an weiteren weiblichen Personen in Wilhelm Meisters Lehrjahre zu zeigen sein wird, scheint es Goethes Prinzip gewesen zu sein, die Frauenfiguren mit der Eigenschaft der Bildbarkeit auszustatten, die nicht als Schwäche, sondern als Voraussetzung des Vortschritts erscheint und somit ihre Funktion als Trägerinnen gesellschaftlicher Erneuerungen hervorhebt.

Aurelie befindet sich, wie auch Mariane und die Gräfin, auf der Suche nach einer Möglichkeit der Harmonisierung von Modernität und Tradition, doch daran wird sie bis zuletzt scheitern.

Goethe hat Aurelie mit Eigenschaften versehen, die sie zu einem Gegenmodell des Frauenideals des 18. Jahrhunderts werden lassen. Das mag vielleicht ein Grund dafür sein, weshalb Aurelie sich einer Sympathie bei den Zeitgenossen Goethes und auch in der Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts nicht erfreuen kann. Schiller bezeichnet sie als denaturiert (14), auch Wilhelm von Humboldt mag sie wenig (15) und immer wieder wird sie als Hysterikerin abgestempelt.

Bereits ihr sozialer Status macht sie zu einer Außenseiterin. Als Schauspielerin zu arbeiten war zu Goethes Zeit höchst verpönt. Der gesellschaftliche Stellenwert, der Schauspielern zugemessen wurde, war sehr gering. Im Roman selbst zeigt sich das in dem Verhalten der Eltern Madame Melinas, als sie einen Schauspieler zu heiraten gedenkt, aber auch der Adelskreis um die Gräfin behandelt die Schauspieler als Gesindel. Die Vertreterinnen dieses Berufs galten als verworfen, weil sie die Inszenierungskunst ausübten, in einer Zeit die natürliche Unschuld und Moral im Verhalten der Frau erwartete.

Ihre erziehungsbedingte Männerfeindlichkeit (z.B. der von Serlo beschriebene prügelnde Vater) und ihre Intelligenz sind weitere Indizien für ihre Funktion als Gegenbild des von Goethes Zeitgenossen entworfenen Frauenideals. Der absolute Mißerfolg ihrer Ehe führt zum Rückzug Aurelies in die Welt ihrer Gefühle, wobei ihre Innerlichkeit, Leidenschaft, Phantasie und Theatromanie nicht als Warnung vor übersteigertem Subjektivismus zu verstehen ist, sondern ihre empfindsame Veranlagung ist die Voraussetzung für die Entwicklung von Fähigkeiten und Geistesgaben, die auf ein zukünftiges Frauenbild verweisen. Das emotionale Potential ist die Basis auf der ihr großes psychologisches Einfühlungsvermögen wurzelt. Aurelie weiß ihre eigenen Gefühle zu analysieren und zu charakterisieren. Um diese analytische Fähigkeit und ihre Sensibilität hervorzuheben, läßt Goethe Aurelie häufig in direkter Rede ihr Leben und ihre Gefühle schildern, was keiner anderen Frau in diesem Umfang erstattet wird. Am besten zeigt dies ihr Bericht über die Jahre ihrer ersten Ehe:

Sie sehen, wie verblendet ... ich war, und je länger es währte, desto mehr nahm meine Krankheit zu. Ich hätte mich umbringen können, allein ich verfiel auf ein ander Extrem: ich verheiratete mich, oder vielmehr ich ließ mich heiraten ... Er ist mein Mann geworden, ohne daß ich weiß wie; wir haben zusammengelebt, ohne daß ich recht weiß, warum ... Ich zog meine Tage ohne Freude und Anteil hin ... (S. 260f.)

Außer ihrer empfindsamen Veranlagung verfügt Aurelie auch über eine ungewöhnliche Intelligenz, die sie dazu befähigt, einen sonst nur an Männern zu beobachtenden Bildungsidealismus zu vertreten und eine geistige Erhebung des deutschen Volkes durch ein Nationaltheater anzustreben.

Aurelies Funktion besteht in der Forderung nach Auflockerung der engen Grenzen der Geschlechtercharaktere. Sie sucht nach neuen Frauenrollen, scheitert aber an einer Gesellschaft, die ihrer Existenzform noch nicht gewachsen ist. Ihr Tod ist ein Zeichen dafür, daß die Zeit für Frauentypen wie Aurelie noch nicht reif ist. Über Mignon, der vierten Figur des Romans, äußerte Goethe gegenüber Kanzler Friedrich von Müller folgendes:

Das ganze Werk ist dieses Charakters wegen geschrieben (16).

In Mignon manifestiert sich Goethes Prinzip des dialektischen Fortschritts, sein Glaube an die Perfektibilität menschlicher Existenz auf dialektischem Wege. Die Zeitlosigkeit der Figur, ihr Facettenreichtum, ihre vielfältige Symbolkraft hat Goethe ihr dadurch verliehen, daß er das Schwanken zwischen verschiedenen Polen zum Prinzip ihrer Gestaltung gemacht hat.

Mignons Geschlecht ist bei ihrem Auftreten unbestimmt. Jarno bezeichnet sie noch später als “albernes, zwitterhaftes Geschöpf”. Mignon selbst fördert ihr androgynes Bild dadurch, daß sie sich recht lange weigert, Mädchenkleider zu tragen. Im Laufe des Romans schlüpft sie in verschiedene Rollen ein: einerseits als schutzbedürftiges Kind, das einen Vater sucht, andererseits als liebende Frau, die gegen ihre Rivalin, Philine, auftreten muß. Ein Schwanken ist auch in ihren Ausdrucksmitteln zu bemerken: einerseits spricht sie ein Sprachengemisch, welches verschiedene Sprachprobleme aufweist, andererseits ist sie eine ausgezeichnete Sängerin, wie ihre vorgetragenen Lieder beweisen. Im Gegensatz zu ihrer äußeren Puppenhaftigkeit ist ihr Inneres zu tiefsten menschlichen Empfindungen fähig, was insbesondere ihre Lieder unterstreichen.

Goethe hat Mignon mit antinomischen geistigen Strömungen verbunden, um die Pole ihrer inneren Zerrissenheit inhaltlich zu versinnbildlichen. Es geht um den empfindsamen Subjektivismus der Geniebewegung auf der einen Seite, und dem aufklärerischen Vernunftglauben auf der anderen Seite. Zum einen trägt Mignon Züge der Epoche des Sturm und Drang. Indizien dafür sind ihre leidenschaftlichen Umarmungen und Gefühlsausbrüche, ihre Herzkrämpfe, ihr Glaube: “die Vernunft ist grausam, ... das Herz ist besser.” (S. 489) Andererseits jedoch kommt in ihren Liedern ihre Sehnsucht nach Italien immer wieder zum Ausdruck, wobei Italien das Heimatland der Kunst- und Geistesepoche der Renaissance ist. Das Menschenideal der Renaissance ist der „uomo universale“, wohingegen Mignon die Bildung vehement verweigert mit dem Argument, sie sei gebildet genug, um zu lieben und um zu trauern. (S. 488) Dem Schönheistideal der Renaissance, das von der Harmonie geprägt ist, entspricht Mignon auch nicht.

Die Synthese der beiden Pole vollzieht Goethe jedoch in der Sehnsucht Mignons nach Italien, ihre Heimat und Ursprungsland der Renaissance zugleich. Aus dieser Sehnsucht läßt sich Mignons Verhältnis zu Ratio und Gefühl ableiten. Auch wenn für sie die bestimmende Instanz das Herz ist, sehnt sie sich doch nach Ruhe, nach einer ihr entsprechenden Existenz, was nur durch eine rationale Einschränkung ihrer Gefühlsausbrüche möglich ist.

Wilhelm regt, in seiner Funktion als Auslöser eines inneren Wandels, einen Reifeprozeß Mignons an, der als Folge ihre Metamorphose zur Frau hat. Mignons Entwicklung nimmt aber ein Ende, in dem Augenblick, als Wilhelm sich der vernünftig - praktischen Therese zuwendet. Auch wenn Mignon einen Schritt in Richtung Vernunft gewagt hat, ist sie jetzt zu einer völligen Verleugnung ihrer zweiten Natur nicht mehr bereit. Ihr Tod ist als Forderung einer, für eine harmonische, menschliche Existenz notwendige Synthese von Herz und Gefühl, von Geniebewegung und Aufklärung zu verstehen. Mit Mignons Tod verweist Goethe auf die Ergänzungsbedürftigkeit der Vernunft, wenn sie human sein will.

Mignon verkörpert in ihrer inneren Zwiespältigkeit den Kern der goetheschen Weltanschauung, basierend auf Polarität und Steigerung, die sein Denken und seine literarische sowie auch naturwissenschaftliche Schriften geprägt hat, und die er als die “zwei großen Triebräder der Natur” beschrieben hat:

der Begriff von Polarität und Steigerung, jene der Materie, insofern wir sie materiell, diese ihr dagegen, insofern wir sie geistig denken, angehörig; jene ist in immerwährendem Anziehen und Abstoßen, diese in immerstrebendem Aufsteigen (17).

Mit Philine tritt neben Mignon eine weitere Frauengestalt in den Lehrjahren auf, die sowohl im Schauspielerkreis als auch in der Turmgesellschaft anzutreffen ist, und der eine ähnliche Rolle wie Mignon zugedacht ist. Ihre Funktion ist es, in der Turmgesellschaft vernachlässigte Werte an diese heranzutragen, zum Zwecke der Humanisierung. Doch Philines Werte sind von ganz anderer Art, als die bisher erwähnten.

Philine ist die Inkarnation der Sinnlichkeit, wovon auch die Stammsilbe ihres Namen zeugt, welche auf das griechische Verb “philein” verweist, was soviel wie “lieben” bedeutet. Ihre Hauptzüge sind Sinnenfreude, Leichtlebigkeit, innere Unabhängigkeit und Treue zu sich selbst. Die Pantöffelchen sind das Attribut Philines, das als Leitmotiv im Roman auftritt. Das Klappern des Schuhwerks spielt auf ein Attribut der Venus an:

Also da er ‘Momos, die personifizierte Tadelsucht‘ auch die Venerem ‘Venus‘ sahe, und weil er er nichts an ihr zu tadeln fand, stund es ihm doch nicht an, daß ihre Pantoffeln allzu sehr klapperten, wenn sie ginge (18).

Auf die Person Philines zielten die meisten Proteste der Zeitgenossen ab. Das neue an ihr ist aber in ihrer positiven moralischen Bewertung durch den Erzähler zu suchen. Der Erzähler spricht von der angenehmen Heiterkeit, die ihr Gesicht belebt (S.91), ganz entzückt beschreibt er ihre “Leichten Pantöffelchen” an den “niedlichsten Füße(n) der Welt” (S.93) und unterstreicht auch Philines Art, sich an guten Dingen zu delektieren,

die dadurch einen neuen Schein von Liebenswürdigkeit erhielt, daß sie gleichsam nur von der Luft lebte, sehr wenig aß, und nur den Schaum eines Champagnerglases mit der größten Zierlichkeit wegschlürfte. (S. 344)

Durch den Erzähler erfährt der Leser auch, daß Philine Neid und Eigensinn verurteilt (S. 102) und daß sie auch über die Fähigkeit verfügt, die Humanität des Geistlichen vor anderen zu erkennen. (S. 123) Die Neigung des Erzählers für diese Frauenfigur zeigt sich in seiner Art und Weise ihr Verhalten “zu tadeln”: Philine erscheint ihm als eine “zierliche” (S. 251) oder “angenehme Sünderin” (S. 173), als ein “leichtfertiges Mädchen” (S. 251) mit einer Neigung zu Scherz und “Affenpossen”. (S. 173) Somit werden alle Tadel an Philine relativiert. Sie ist als positive Inkarnation der reinen Sinnlichkeit zu verstehen und infolgedessen nicht mit moralischen Werten zu messen.

Philine erscheint als Symbol der Freiheit im weitesten Sinne. Über Freiheit verfügt Philine durch ihre Unabhängigkeit auf moralischer, sozialer und materieller Ebene. Ihre soziale Freiheit widerspiegelt sich in der Ablehnung von festen Verpflichtungen, von Besitzansprüchen oder Eifersucht. Daß sie nicht abhängig sein möchte beweist z.B. Laertes’ Bemerkung:

Wenn sie sich etwas vornimmt, oder jemandem etwas verspricht, so geschieht es nur unter der stillschweigenden Bedingung, daß es ihr auch bequem sein werde, den Vorsatz auszuführen oder ihr Versprechen zu halten. (S. 99)

Unabhängig vom Verlust oder Gewinn irdischer Güter ist allein Philine, die sich jedem Glückswechsel spielerisch anzupassen versteht (19). In reichlichen Tagen schien ihr nichts gut genug, und bald darauf nahm sie wieder mit allem vorlieb. Sie pflegte sich einem freigebigen Geliebten zu Ehren mit Milch, Wein und wohlriechenden Wasser zu waschen, bald tat ihr der gemeine Brunnen gleiche Dienste (20).

Ehrfurcht vor höheren Ständen bleibt ihrer Person fern; Obrigkeit erscheint ihr als etwas dem Menschen künstlich Aufgesetztes:

Laßt mir den Staat und die Staatsleute weg, sagte Philine, ich kann mir sie nicht anders als in Perücken vorstellen, und eine Perücke, es mag sie aufhaben wer da will, erregt in meinen Fingern eine krampfartige Bewegung; ich möchte sie gleich dem ehrwürdigen Herr herunternehmen, in der Stube herumspringen und den Kahlkopf auslachen. (S. 96)

Philine findet eine soziale Heimat, im Turmbereich, erst in der Verbindung mit Friedrich. Dadurch, daß sie in die Nähe der Welt der Ideale rückt, bereichert sie die Turmgesellschaft auch um ihre geschätzten Werte (Sinnlichkeit, Freiheit). Philine ist der Vertreter menschlicher Harmonie und entspricht der Vorstellung Goethes vom glücklichen Menschen der Antike:

Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als ans Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern (21).

Philine erreicht dieses Ideal, sie gehorcht ihrem eigenen Instinkt und Gefühl und lebt deshalb mit sich selbst in Harmonie. Anhand der Figur der schönen Seele stellt Goethe das Frauenideal seiner Zeit, das auf die Idee der Harmonie von sittlicher Neigung und Pflicht basiert, in Frage.

Auf den ersten Blick empfindet man die Biographie der Stiftsdame als eine pietistische Lebensbeichte. Elemente die darauf verweisen sind die Erzählweise in erster Person, der Sprachgebrauch als Hinweis auf pietistische Autobiographien, als religiöse Frühformen der Individualitätssuche, die Hoffnung auf eine “Vereinigung mit dem höchsten Wesen” (S. 392), ihre Empfindsamkeit als religiöse Pflicht, der Lebenslauf mit religiösen Bezugspunkten und Leitmotiven, in dessen Rahmen die weltlichen Ereignisse (Unglücksfälle - Blutsturz) eingefügt werden. Die “Bekenntnisse” sind allerdings als Pietismuskritik zu verstehen, wobei Goethes Kritik auf die Intolleranz der religiösen Institutionen (z.B. Herrnhuter) zielt, zugunsten eines gefühlsbestimmten, freien Glaubens (so wie es bei Natalie der Fall ist). Goethe plädiert hier folglich für eine religiöse Toleranz.

Die Stiftsdame befindet sich in einem ständigen Streben nach Individualitätsentfaltung. Gleichzeitig aber kann sie ihrem Geschlecht und den damit verbundenen Rollenerwartungen nicht gerecht werden. Bereits ihr Vater nennt sie, angesichts ihrer naturwissenschaftlichen Neugier, die die rollenspezifischen Konventionen sprengt, einen “mißratenen Sohn” (S. 360), was die physische Bedingtheit der Geschlechterrollen und der damit verbundenen geistigen Entfaltungsmöglichkeiten betont. Daß ihr als Frau nur eine heimliche Bildung zusteht, vermittelt ihr auch Narziß (S. 374), der zugleich auch Unterordnung (S. 382) von ihr fordert.

Dadurch daß sie ihr Geschlecht als Ursache für mancherlei Einschränkungen empfindet, weigert sie sich ihrer Rolle als Frau gerecht zu werden und erringt somit die Freiheit, ihren geistigen Bedürfnissen nachzugehen. Als Stiftsdame schafft sie sich den notwendigen, individuellen Freiraum. Ihre Verinnerlichung ist also keineswegs nur als Äußerung religiösen Strebens zu verstehen, sondern auch Resultat ihrer Suche nach individueller Entfaltung, was in der gegebenen Gesellschaft für eine Frau nur durch Verzicht auf die geschlechtliche Seite der Existenz und in religiösen Zufluchten möglich ist. In den traditionellen Rollen ist ihre Haltung unerwünscht: Narziß verzichtet auf eine selbständige Ehefrau, und der Oheim, ihr Onkel, entzieht ihr die verwaisten Neffen und Nichten.

Der Lebenslauf der Stiftsdame ist eine innere Entwicklungsgeschichte (man spricht in der Forschung von den “Bekenntnissen” als Roman im Roman), die im Vergleich mit dem Bildungsgang des Helden als eine weibliche, gesellschaftskritische Kontrafaktur zum Lebenslauf Wilhelms erscheint. Goethe hat damit die Diskrepanz zwischen weiblichen und männlichen Entwicklungschancen unterstreichen wollen. Goethe übt Kritik auch an dem von Schiller und Kant geprägten Begriff der schönen Seele. Beide, Schiller und Kant, verbinden mit dem weiblichen Geschlecht die Neigung zu innerer Schönheit - “schöne Seele” oder “schöne Tugend” - die sie ähnlich definieren. Schillers Aussage in seiner Schrift “Über Armut und Würde” lautet folgendermaßen:

Eine schöne Seele nennt man es, wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich bis zu dem Grad versichert hat, daß es dem Affekt die Leitung des Willens ohne Scheu überlassen darf, und nie Gefahr läuft, mit den Entscheidungen desselben im Widerspruch zu stehen. Daher sind bei einer schönen Seele die einzelnen Handlungen eigentlich nicht sittlich, sondern der ganze Charakter ist es. Man kann ihr auch keine einzige darunter zum Verdienst anrechnen, weil eine Befriedigung des Triebes nie verdienstlich heißen kann (22).

Kants Äußerung liegt derjenigen Schillers sehr nahe:

Die Tugend des Frauenzimmers ist eine schöne Tugend ... sie tun etwas nur darum, weil es ihnen so beliebt, und die Kunst besteht darin, zu machen, das ihnen nur dasjenige beliebe, was gut ist (23).

Die Stiftsdame ist zunächst bereit , ihre soziale Pflicht als Frau - die Rolle als Gattin und Mutter - zu übernehmen. Doch bald darauf wird sie der Einschränkungen durch ihr Geschlecht bewußt, und da sie nicht bereit ist, sich einer Norm zu unterwerfen, wendet sie sich der Religion zu und zieht sich an den Rand der Gesellschaft zurück.

Goethe problematisiert am Beispiel der schönen Seele den Pflichtbegriff und kritisiert gleichzeitig die Antinomie von Moral und gesellschaftlichen Normen, wobei er deren humanitäre Schwächen unterstreicht.

Die letzten beiden Figuren, Therese und Natalie tragen Merkmale eines ganz neuen weiblichen Rollenverständnisses. Ihre Eigenschaften lassen emanzipatorische Ansätze vermuten.

Auf den ersten Blick erweckt Therese den Anschein sich mit den Vorstellungen Lotharios, dem frühaufklärerischen Rationalismus entsprechend, das die Frau auf die häuslichen Angelegenheiten reduziert, völlig zu identifizieren. Doch Therese verläßt die vorgeschriebene Laufbahn, zieht zu einer adligen Nachbarin und übernimmt dort, indem sie sich breitgefächerte land- und forstwirtschaftliche Kenntnisse aneignet, die Aufgaben eines Gutsverwalters. Somit entfaltet sie ihre Persönlichkeit in einem von Männern dominierten Bereich und verwandelt sich in eine selbstbewußte Gutsherrin.

Ihre ökonomische Selbständigkeit, ihr Selbstbewußtsein, ihre Klugheit, Ordnung, Vernunft, das Verantwortungsbewußtsein und die Fähigkeit, der Anspruch auf eine freie, aktive Partnerwahl, prägt eine neue Art des Geschlechtsverhältnisses, das für Mann und Frau gleichermaßen naturgemäße Tätigkeit und Ehe fordert, als Voraussetzung für ein individuelles Glück.

Auch Natalie verfügt über eine freie Wahl des Wirkungskreises und des Partners. Ihre Verbindung mit Wilhelm ist als eine Relativierung der Stände zu verstehen. Natalie verkörpert Goethes Glauben an die unendliche Perfektibilität menschlicher Existenz, durch das Prinzip von Polarität und Steigerung. Durch die freie Wahl des Wirkungskreises (als Erzieherin einer Anzahl begabter Mädchen) und auch des Partners gelingt es ihr, in Harmonie mit der Gesellschaft zu leben, ohne auf individuelle Entfaltung oder idealistische Gesinnung verzichten zu müssen. Ihre Existenz ist eine Utopie und markiert das Ziel, das für jede andere Frauengestalt erreichbar werden sollte.

Die Rolle Natalies ist die eines höheren Wesens, der die Kraft innewohnt, andere Menschen zu erheben oder umzuschaffen:

‘Wenn wir’, sagtest Du, ‘die Menschen nur nehmen wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind’. Ich kann weder so sehen noch handeln, ... und Deiner schönen hohen Seele tret’ ich gerne den Rang ab. (Therese an Natalie, S. 531f.)

Eine andere Rolle Natalies ist die der idealen Christin, gekennzeichnet durch tätiges Mitleid, Hilfsbereitschaft, allgemeine Menschenliebe und eine Befreiung von allen Dogmen. In Natalie konzentrieren sich nur jene Werte des Christentums, die Goethes Vorstellungen von einer humanen Existenz entsprechen.

Abschließend kann man folgendes behaupten: Die Frauengestallten der Lehrjahre verkörpern den Ideengehalt des Romans. Eine Funktion des Perspektivenwandels (z.B. bei Mariane) oder des Wesenswandels (im Falle der Stiftsdame, der Gräfin, Aurelies oder Thereses), ist es, die Ergänzungsbedürftigkeit konventioneller Vorstellungen und die in der Gesellsschaft noch anzustrebende fortschreitende Menschlichkeit zu markieren.

Die Frauencharaktere sind Symbol für Goethes umfassende Evolutionsidee, die auf das Prinzip von Polarität und Steigerung fußt. Allerdings muß man einsehen, das nicht Natalie allein Goethes Ideal darstellt, sondern durch die Anerkennung der Werte der Außenseiterinnen (wie das Schauspielerinnendasein Marianes, die Sinnlichkeit Philines, die Intelligenz Aurelies und der Stiftsdame und der Männlichkeit Thereses) vermittelt der Roman ein zu erhoffendes, humaneres Normensystem für die Frau. Folglich wird auch das Unschöne überhöht, im Gegensatz zur Behauptung der Anneliese Dick in ihrer Stellungnahme zum Zitat Goethes (24).

Goethe versucht, das Frauenideal und das Menschenideal ineinanderfließen zu lassen und somit gleichzusetzen. Ein Beweis dafür ist das Amazonenmotiv, das als Symbol der Auflösung der Geschlechterpolarisierung zu verstehen ist, als Symbol der Menschengleichheit, der Freiheit und somit des glücklichen Menschen.

Für Goethe sind Frauen “das einzige Gefäß, was uns Neueren noch geblieben ist, um unsere Idealität hineinzugießen.” (25) So ist auch das zu Beginn der Arbeit zitierte Fragment aus Eckermanns Überlieferung zu verstehen:

Das Ewig Weibliche zieht uns hinan.


Literatur:

Primärliteratur:

1. Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, hrsg. von Emil Staiger, 2 Bde., Frankfurt a.M. 1966

2. Düntzer Heinrich: Charlotte von Stein - Goethes Freundin. Ein Lebensbild mit Benutzung der Familienpapiere entworfen, 2 Bde. 1794 - 1827, Stuttgart 1874

3. Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 2. Aufl., München 1984

4. Goethe, Johann Wolfgang von: Werke Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, hrsg von Erich Trunz. Neubearb. Auflage. München 1981 ff.

5. Goethe, Johann Wolfgang von: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. In: Goethes Werke, im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen, Abt. 1, hrsg von Adolf Strack, Weimar 1895

Sekundärliteratur

1. Becker-Cantarino, Barbara: Die Bekenntnisse einer schönen Seele: Zur Ausgrenzung und Vereinnahmung des Weiblichen in der patriarchalen Utopie von ‘Wilhelm Meisters Lehrjahren’. In: Verantwortung und Utopie. Zur Literatur der Goethezeit. Ein Symposium, hrsg. von Wolfgang Wittkowski. Max Niemeyer-Verlag. Tübingen 1988, S. 70 -86

2. Dick, Anneliese: Weiblichkeit als natürliche Dienstbarkeit. Eine Studie zum klassischen Frauenbild in Goethes ‘Wilhelm Meister’. Frankfurt a.M.; Bern; New York, 1986

3. Lorey, Christoph: Die Ehe im klassischen Werk Goethes. In: Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur, in Verbindung mit Peter Boerner, Bloomington; Hugo Dyserinck, Aachen; Ferdinand van Ingen, Amsterdam; Friedrich Maurer, Freiburg; Oskar Reichmann, Heidelberg, hrsg. von Cola Minis und Arend Quak, 118. Editions Rodopi B.V., Amsterdam - Atlanta, 1995.

4. Neumann, Michael: Roman und Ritus. „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ Frankfurt a. M., Klostermann 1992

5. Schlaffer, Hannelore: Das Ende der Kunst und die Wiederkehr des Mythos, Stuttgart 1980


ANMERKUNGEN:

(1) Diese Worte sind überliefert von Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 2. Aufl. München 1984, S. 257f.

(2) Zitiert nach: Heinrich Düntzer, Charlotte von Stein - Goethes Freundin. Ein Lebensbild mit Benutzung der Familienpapiere entworfen, 2. Bd., 1794 - 1827, Stuttgart 1874, S.

(3) Herders Äußerung ist aus einem Brief an Karoline Adelheid Cornelia Gräfin Baudissin im Mai 1795 bekannt. In: Johann Gotfried Herder: Briefe. Hg. unter Leitung von Karl-Heinz Hahn von den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar. 8 Bde. Weimar 1977-84 (Bd. 7, S. 153).

(4) Johann Georg Schlosser an Georg Heinrich Ludwig Nikolovius, am 10.03.1799. Zit. nach: Wilhelm Bode (Hg.): Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen. 3 Bde. Neuausgabe. München 1982, Bd. 2, S. 145.

(5) Schiller an Goethe, 15.6.1795. In: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, hg. v. Emil Staiger, Frankfurt/Main 1966.

(6) Brief vom 25. Dez. 1825. I: Johann Peter Eckermann, a.a.O., S. 12.

(7) Christoph Lorey: Die Ehe im klassischen Werk Goethes. In: Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur. In Verbindung mit Peter Boerner, Bloomington; Hugo Dyserinck, Aachen; Ferdinand van Ingen, Amsterdam; Friedrich Maurer, Freiburg; Oskar Reichmann, Heidelberg, hrsg. von Cola Minis und Arend Quak, 118. Editions Rodopi B.V., Amsterdam - Atlanta, 1995. S. 184.

(8) Anneliese Dick: Weiblichkeit als natürliche Dienstbarkeit. Eine Studie zum klassischen Frauenbild in Goethes ‘Wilhelm Meister’”. Frankfurt a.M.; Bern; New York: Verlag Peter Lang, 1986 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache Und Literatur; Bd. 930) S. 17-19.

(9) Barbara-Becker-Cantarino: Die Bekenntnisse einer schönen Seele: Zur Ausgrenzung und Vereinnahmung des Weiblichen in der patriarchalen Utopie von ‘Wilhelm Meisters Lehrjahren’. In: Verantwortung und Utopie. Zur Literatur der Goethezeit. Ein Symposium, hrsg. von Wolfgang Wittkowski. Max Niemeyer-Verlag. Tübingen 1988, S. 70-86.

(10) Michael Neumann: Roman und Ritus. Wilhelm Meisters Lehrjahre, Frankfurt a. M., Klostermann 1992, S. 40.

(11) Wilhelm von Humboldt: Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluß auf die organische Natur - Über die männliche und weibliche Form. Beides in: Schriften zur Antrophologie und Geschichte (= Werke in 5 Bdn. hrsg. von Andreas Flitner und Klaus Giel. Bd.1.) Darmstadt 1960, S. 268-296.

(12) Immanuel Kant: Werke in 6 Bänden, hrsg. von Wilhelm Weischedel, Bd. 6, Darmstadt 1983, S. 53.

(13) Ebd., S. 654.

(14) Schiller an Goethe, am 02.Juli 1769. In: Briefwechsel Schiller-Goethe (s. Anm. 5), S. 221.

(15) Wilhelm von Humboldt an Goethe, am 15. Juni 1795. In: Briefe an Goethe. Hamburger Ausgabe. Bd. 1, S. 200.

(16) Kanzler Friedrich von Müller: Unterhaltungen mit Goethe, hrg. von Renate Grumach. 2. Aufl, München 1982, S. 16.

(17) J.W.v Goethe: Erläuterung zu dem aphoristischen Aufsatz ‘Die Natur’. In H.A. (Hamburger Ausgabe in 14 Bdn.), Bd.13, S. 84.

(18) Zitiert nach Hannelore Schlaffer: Das Ende der Kunst und die Wiederkehr des Mythos, Stuttgart 1980, S. 13.

(19) s. Gerda Röder: Glück und glückliches Ende im deutschen Bildungsroman. München 1968, S. 107.

(20) WA I.Abt., Bd.52, S. 50.

(21) J.W.v.Goethe: Winckelmann. In: WA I.Abt.,Bd 46, S. 1-101, hier S. 22.

(22) Friedrich Schiller über Anmut und Würde. In: Werke. Nationalausgabe. Weimar 1943, Bd. 20, S. 251- 308, hier S. 287.

(23) Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft. In: Werke (s. Anm. 12) Bd. 4, S.103-302, hier S. 297.

(24) s. Anm. 8

(25) J.P. Eckermann (s. Anm. 1), S. 221.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 1-2 (13-14) / 1998, S. 53-61

 

 

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