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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., Heft 1-2 (11-12) / 1997, S. 235-237

 

 

ANWENDUNG DER MNEMOTECHNIK IM FREMDSPRACHENERWERB

(MIT SCHWEPUNKT AUF DEUTSCH ALS FREMDSPRACHE FÜR MEDIZINSTUDENTEN)


Elena Reaboiu


 


Der Mechanismus des Gedächtnises ist das größte Rätsel des menschlichen Gehirns. “Die Vernunft des Menschen ist zu allem fähig gerade, weil es alles in ihr, die ganze Gegenwart und die ganze Zukunft, gibt”, bemerkte Joseph Conrad. Der Mensch ist ständig mit sehr vielen Wissensbereichen konfrontiert, indem er sich ausbildet und die gesellschaftliche Integration sucht. Doch recht selten stehen ihm Hilfsmittel zur Verfügung. Er ist in einem ständigen Lernprozeß begriffen.

Die Lernziele sind dabei sehr bekannt, aber das Wie des Lernens bleibt immer ein Problem. Die Gedächtnispsychologie ist in den letzten Jahrzehnten zu einigen Schlußfolgerungen gekommen: die zahlreichen sensorischen Eindrücke, die auf den Menschen zuströmen, werden von ihm kodiert und innerhalb seiner kognitiven Struktur, die auf psychologischen Prozessen beruht, verarbeitet. Das semantische Gedächtnis beruht auf abstraktem, die beliebigen Assoziationsketten auf konkretem Denken.

Man hat zahlreiche Untersuchungen der Erforschung der Informationsverarbeitung im menschlichen Gehirn gewidmet. Die Lernstrategien sind leider im Dunklen geblieben.

Wie die Sprichwörter: “Übung macht den Meister” und “Ohne Fleiß kein Preis” zeigen, betrachtet man die Wiederholung als Grundlage des Lernerfolgs in der Schule oder im Beruf. Über die Lernstrategien spricht man leider viel weniger. Der Lerner muß den Lernstoff, der ihm vom Lehrer oder vom Lehrbuch geboten wird, ausreichend bearbeiten. Wenn der Lernerfolg ausbleibt, hat sich der Lerner nach Meinung des Lehrers zu wenig Mühe gegeben.
Im Fremdspachenerwerb bietet man dem Lerner nur wenige Lerntips an wie etwa: im Kontext lernen, in der Fremdsprache denken, (also, nicht in die Muttersprache übersetzen), Wiederholung, Unterstreichen der Wörter, die Substantive immer mit ihren Artikel lernen etc. Man spricht zu oft vom Auswendiglernen, von Wiederholung und vom Üben, doch höchst selten über Lernstrategien oder Gedächtnisstützen.

Die Gedächtnistechniken wurden schon in der Antike als Mnemotechniken bezeichnet. Man findet aber nur selten Didaktiker (also keine Psychologen), die sich mit Mnemotechniken befassen. Die Mnemotechnik ist eine Methode, die das natürliche Gedächtnis als Alternative zum reinen Auswendiglernen unterstützt.
Die antike Mnemotechnik hat sich als Bestandteil der antiken Rhetorik etabliert und hat eine große Entwicklung gekannt. Seit dem 5. Jh. gerät die antike Mnemotechnik in Vergessenheit. Nur in den Klöstern findet sie durch die Rhetorik eine neue Daseinsberechtigung zu theologisch-religiösen Zwecken. Karl der Große (742-814) schätzte die Möglichkeit, das Gedächtnis zu trainieren: dabei sollte man viel auswendig lernen, schreiben und studieren.
Eine Wiederbelebung verdankt die antike Mnemotechnik im 13. Jh. dem zunehmenden Interesse am aristotelischen Gedankengut.

In De inventione erklärt Cicero, daß das Gedächtnis ein Teil der Vernunft ist. Die Vertreter der Antike passen die aristotelische Gedächtnistheorie und die antike Mnemotechnik an den ethisch-religiösen Bereich an. Im 16. und 17. Jh. erlebt die Mnemotechnik einen Aufschwung als eine Auswirkung der Reformation. Doch erst im 20. Jh. kommt es wirklich zu einer Wiederbelebung der Mnemotechnik in den USA, Kanada, England und Japan. Immer mehr Bücher werden veröffentlicht, die dem Leser ein besseres Gedächtnis garantieren wollen.

Die Palette heutiger Mnemotechniken weist nach dem Psychologen Levin (1983) drei wesentliche Verfahren auf, u.zw. recording, relating und retrieving. Die entsprechenden deutschen Begriffe sind: Rekodieren, in Beziehung setzen und Abrufen. Zweck des recoding ist es, abstrakte oder umfangreiche Informationen zu gestalten und zu quanteln. Das ist ein Konkretisierungsprozeß. Relating setzt zwei oder drei Informationen zueinander in Beziehung. Synonym dazu findet man den Begriff Elaboration.

Retrieving sorgt für einen klaren Abrufmechanismus der erwünschten Information. Die meisten Mnemotechniken enthalten zumindest eine Rekodierung - und eine Beziehungskomponente. Der Erfolg einer Mnemotechnik hängt von diesen beiden Komponenten ab. Hierzu ein Beispiel, das die graduelle Intensivierung der Beziehungskomponente verdeutlicht. Wollte man sich beispielsweise das Wortpaar Fahrrad - Hund merken, so könnte man die Wörter in Beziehung setzen. Eine lockere Verbindung wäre die Feststellung, daß ein Wort länger als das andere ist, und daß beide Wörter nebeneinander oder untereinander, auf ein Stück Papier geschrieben oder ausgesprochen werden. Z.B. eine Szene, in der ein Hund mit einem Fahrrad durch einen Park fährt.

 

Bekanntere Typen der Mnemotechnik in der Gegenwart

Wir wollen uns zuerst der Loci-Technik zuwenden. Die heutige Anwendung der Loci-Technik ist direkt von der Antike übernommen. Diese Technik zum Memorieren erleichtert das Behalten des Inhalts schwieriger Texte sowie von Begriffen bzw. Gedanken.

Mit Hilfe der Technik der assoziativen Verbindung wird das Behalten einer beliebigen Liste von Gegenständen oder Begriffen, die in keinem natürlichen oder logischen Zusammenhang zueinander stehen, erleichtert. Diese Technik der assoziativen Verbindung verwenden wir im Unterricht beim Verb, beim Präsens unregelmäßiger Verben, wo in der 2. und 3. Person Singular der Stammvokal wechselt.

Die Geschichte-Technik erleichtert das Behalten von aneinandergereihten Begriffen, indem diese zu einer zusammenhängenden Geschichte verknüpft werden. So könnte eine Geschichte im Zusammenhang mit den Begriffen: Telefon, Zahnbürste, Blume, Waschbecken, Fernseher, Wolke ... ungefähr so lauten:

Das Telefon läutet, und meine Schwester bittet mich, ihr sofort eine Zahnbürste zu kaufen. Ich habe auch Blumen gekauft, und da ich keine Vase besitze, lege ich sie ins Waschbecken. Ich schalte den Fernseher ein und sehe Wolken auf einem Bildschirm.

Diese Technik erfordert also viel Phantasie. Der Erfolg dieser Technik beruht im wesentlichen auf den spontanen Visualisierungen.

Eine Mnemotechnik, die sich durch die Vielfalt ihrer Einsatz- und Erstellmöglichkeiten auszeichnet, ist die Kennwort-Technik. Als Basis dient das Kennwort, das die zu lernende Information in einem Falle ein bekannter, konkreter, eingeübter Begriff ist. Ein wichtiges Ziel mehrerer Kennwortsysteme ist es, eine feste Reihenfolge der Kennworte zu erstellen, um die behaltene Information zu lernen. Ein populäres (schon im Mittelalter bekanntes) Kennwortsystem geht auf die Reihenfolge der Buchstaben des Alphabets. Jedem Buchstaben wird ein Begriff zugeordnet, der fest gelernt wird und somit als mnemonische Stelle fixiert ist. Das folgende alphabetische Kennwortsystem ordnet den Buchstaben einem leicht zu merkenden Tiernamen zu, wobei drei Ausnahmen festgestellt werden können:

A Affe H Hase O Ochse U Uhu
B Bär I Igel P Panther V Vase
C Cameleon J Jaguar Q Quelle W Wolf
D Dachs K Kuh R Rabe X Xylophon
E Elefant L Lamm S Sau Y Yak
F Fuchs M Maus T Tintenfisch Z Zebra
G Gans N Nashorn

Auf der Basis phonetischer Ähnlichkeiten zwischen Zahl und Kennwort beruhen folgende Kennwortsysteme:

eins Mainz
zwei Blei
drei Brei
vier Bier
fünf Strümpf
sechs Alex
sieben Rüben
acht Tracht
neun Scheun

Diese Technik bestätigt also, die Leistungsfähigkeit zur Verbesserung der Lern-effizienz. Die wichtigsten Lernprobleme beim Verb beziehen sich auf die Konjugation. Die Mnemotechniken helfen der Aneignungserleichterung.

Die Konjugation gliedert sich in zwei Hauptprobleme: a) das finite Verb einem bestimmten Konjugationsparadigma zuzuordnen, b) der Lerner muß mindestens zwei Verbklassen (regelmäßig und unregelmäßig konjugierte Verben) voneinander unterscheiden.

Für das Einprägen der Stammformen von Verben verwenden wir die Gruppierung nach zusammengehörigen Klangbildern:

singen sang gesungen
klingen klang geklungen
schwingen schwang geschwungen

treffen traf getroffen
werfen warf geworfen
sterben starb gestorben
schreiben schrieb geschrieben
bleiben blieb geblieben

Der Reim und Rhythmus tragen zum Erlernen der Konjugation unregelmäßiger deutscher Verben bei.
Eine noch besser ausgearbeitete Form der Konjugationshilfe ist die Einbildung von Konjugationsformen in selbstkomponierten Liedern. Zur Verfügung stehen drei Lieder zur Präsenskonjugation der Verben haben, sein, werden, der Modalverben und zum Einprägen der Stammformen von 40 starken Verben, die nach zusammengehörigen Klangbildern zusammengestellt wurden und als “poetische Verben” bezeichnet. Nach mehr-fachem Lesen und Singen dürften sich Text- bzw. die Ablauttreihen sowie andere konjugierte Formen dieser Lieder gut einprägen. Die Ablautreihen unregelmäßiger Verben können sich dadurch besser einprägen als durch reines Auswendiglernen.


Die poetischen Verben
Text und Musik: Tage Wahlstedt


1. Welche ist die schönste
Sprache auf der Erde?
Das ist das, was ich dir
Jetzt erzählen werde.
Man kann es beweisen,
Und zwar rein phonetisch
selbst die starken Verben
klingen ja poetisch.

2. Schreiben, schrieb, geschrieben -
treiben, trieb, getrieben -
reiben, rieb, gerieben -
bleiben, blieb, geblieben.
Schreien, schrie, geschrien -
leihen, lieh, geliehen -
steigen, stieg, gestiegen -
schweigen, schwieg, geschwiegen

3. Diese schöne Sprache
ist ja wie magnetisch
Selbst die starken Verben
klingen ja poetisch
Helfen, half, geholfen -
Werfen, warf, geworfen -
essen, aß, gegessen
messen, mass, gemessen.

4. Schleichen, schlich, geschlichen -
gleichen, glich, geglichen -
leiden, litt, gelitten -
schneiden, schnitt, geschnitten.
Beissen, biss, gebissen -
reissen, riss, gerissen -
gleiten, glitt, geglitten -
reiten, ritt, geritten.

5. Trotzdem ist die Schönheit
nicht nur theoretisch.
Selbst die starken Verben
klingen ja poetisch.
Schlagen, schlug, geschlagen -
tragen, trug, getragen -
braten, briet, gebraten -
raten, riet, geraten -

6. Binden, band, gebunden -
finden, fand, gefunden -
singen, sang, gesungen -
springen, sprang, gesprungen.
Klingen, klang, geklungen -
zwingen, zwang, gezwungen -
sinken, sank, gesunken -
trinken, trank, getrunken.

7. Man hört sie am Teetisch
und auch am Cafétisch
Selbst die starken Verben
klingen ja poetisch.
Biegen, bog, gebogen -
fliegen, flog, geflogen -
ziehen, zog, gezogen -
frieren, fror, gefroren.

8. Eine solche Sprache
nenne ich ästhetisch.
Selbst die starken Verben
klingen ja poetisch.
Kriechen, kroch, gekrochen -
riechen, roch, gerochen -
schiessen, schoss, geschossen -
schliessen, schloss, geschlossen.

Für die allergrößte Lernschwierigkeit (Genuszuordnung von Substantiven, Deklination der Substantive), Ablautreihe der starken Verben, Gebrauch von sein und haben stehen Alternativen zum puren Auswendiglernen und somit zur Gedächtnisentlastung zur Verfügung.

Die Mnemotechnik ist mit anderen Worten 2500 Jahre alt. Die ihr zugrundeliegenden Prinzipien sind seit Simonides: Konkretheit und Interaktion (als eine Spielart der Assoziation). Ihrer haben sich - in ungewandelter Form - die Griechen und Römer mit großem Erfolg bedient. Die Gedächtnisforschung des 19. und 20. Jh.s erlangte indessen eine große Bedeutung. Konkretheit und Interaktion bilden die Grundlage eines jeden größeren Lernerfolgs. Die besondere Stärke der Mnemotechnik liegt in diesem Grundvorteil: Einprägsamkeit mit Hilfe einiger Kunstgriffe tritt an die Stelle des Auswendiglernens.

Der Fremdsprachenbereich bietet sich als Substrat für die Anwendung der Mnemotechnik direkt an. Das Auswendiglernen, das bisher als notwendiges Übel akzeptiert wurde, zeugt davon, wie wenig Anknüpfungsmöglichkeiten dem Fremdsprachenlerner aus traditioneller Sicht zur Verfügung stehen.
Die Mnemotechnik stellt aufgrund ihrer differenzierten Anwendbarkeit eine durchaus beachtenswerte und erfolgsversprechende Alternativ- und Ergänzungsstrategie dar.

 


Literatur:

 

1. DUDEN: Grammatik der deutschen Gegenwartssprache, Bd. 4, Mannheim, Wien und Zürich, 1984.

2. Stark, Wolfgang H.: Superlearning, Wilhelm Heine Verlag, München 1991.

3. Henrici, Gert: Spracherwerb durch Interaktion? Schneider Verlag, Hohengehren 1995.

4. Vester, Frederic: Denken, Lernen, Vergessen, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1975.

5. Mnemotechniken im Fremdsprachenerwerb, iudicium verlag, München 1989.

6. Informationen Deutsch als Fremdsprache, Verlag Klett Edition Deutsch, Stuttgart 1993, 1994, 1995.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., Heft 1-2 (11-12) / 1997, S. 235-237

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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