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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 1-2 (13-14) / 1998, S. 433-434

 

 
PLÄDOYER FÜR EINE INTERKULTURELLE GERMANISTIK

Akademie für interkulturelle Studien, Bayreuth, August 1998



Unter der Koordination von Professor Dr. Alois Wierlacher (Universität Bayreuth), Präsident der vor kurzem gegründeten Akademie für interkulturelle Studien, fand in Marbach am Neckar der erste Akademie - Monat, ein Weiterbildungskurs für Hochschulgermanisten mit der Fachrichtung Interkulturalität, statt. Der ausgewählte Austragungsort steigerte durch das Schiller - Nationalmuseum und das Literaturarchiv die Attraktivität dieser Veranstaltung.

Zweck der neugegründeten Akademie für interkulturelle Studien ist die wissenschaftliche Weiterbildung von Hochschullehrern, Förderung des interkulturellen Dialogs und Verbesserung interkultureller Kompetenz deutscher und ausländischer Wissenschaftler. Diese Akademie ist 1996 in Bayreuth ins Leben gerufen und am 18. Mai 1998 im Wissenschaftszentrum Schloß Thurnau feierlich eröffnet worden.

Wie Professor Wierlacher in der Begrüßung der Teilnehmer am ersten Akademie-Monat betonte, ist diese Institution “als Netzwerk wissenschaftlicher Weiterbildung konzipiert, in dem Personen und Institutionen des In- und Auslands zusammenwirken”. Unter wissenschaftlicher Weiterbildung versteht die Akademie “einen weltoffenen und reziproken Lernprozeß aller Beteiligten”, der zur Verbesserung ihrer interkulturellen Kompetenz beitragen soll. In diesem Sinne wurde der Akademie-Monat von den Mitgliedern der Akademie als vierwöchiger Intensivkurs gedacht, der insgesamt rund 160 Seminarstunden umfaßt, zuzüglich einiger Abendkolloquien und zweier Exkursionen.

In der Vorstellung der Organisatoren soll sich der Akademie-Monat zu einer stabilen, sich selbst tragenden Institution entwickeln und ein institutionalisiertes Forschungsprogramm für die Ausbildner der Ausbildner in einer interkulturell orientierten Germanistik schaffen. Darunter wird eine interdisziplinäre Kulturwissenschaft verstanden, die angesichts der Globalisierung wissenschaftlicher Kontakte eine bessere interkulturelle Dialogfähigkeit ermöglichen und ein interkulturelles Bewußtsein schaffen soll. Zur weiteren theoretischen und praktischen Festlegung des Begriffs, der in die Mode zu kommen droht, wurden die Teilnehmer des ersten Akademiemonats immer wieder aufgefordert, ihren eigenen Beitrag beizusteuern, ihre Kulturspezifika bewußter zu reflektieren und sie in die fremde Kultur einzubinden.

Die 25 Teilnehmer stammten aus 12 Ländern - von Japan über Rußland, Ägypten, Polen, Indien, China, Rumänien, Ungarn - bis Tunesien. Einen Monat lang haben die Seminarteilnehmer eine Einführung in dieses breitgefächerte Fach, das man sich nur mühsam erarbeiten kann und wofür es keine fertigen Rezepte gibt, bekommen. Eine zukünftig wichtige Aufgabe der rumänischen Germanisten wäre demnach eine rumänische Variante einer interkulturellen Germanistik mit einem eigenen Profil zu entwerfen, für die wir alle nicht nur dazulernen, sondern manches auch umlernen müßten.

In zweiter Linie sollten die von der Akademie für interkulturelle Studien organisierten Seminare die Fort- und Weiterbildung deutscher Wissenschaftler, die in Deutschland in auslandsbezogenen Fachgebieten oder als leitende Mitarbeiter in Organisationen der internationalen kulturellen Zusammenarbeit tätig sind, dienen. Das den Akademiemonaten zugrundegelegte Prinzip setzt ein ständiges Geben und Nehmen zwischen den Ausbildern und den Ausgebildeten sowie ein fachübergreifendes Forschungsprogramm voraus. Didaktisch gesehen ist das Konzept der Akademiemonate den Prinzipien des “selbstorganisierten Lernens und Impulseingabe” verpflichtet. Leitziel ist die kooperative Selbst-Weiterbildung aller Teilnehmer, einschließlich der Referenten und Akademie-Mitglieder im Sinne der interkulturellen Germanistik, die sich an einigen deutschen Universitäten als postgraduale Studien- und Forschungsrichtung etabliert hat. Entsprechend sollte die wissenschaftliche Forschung auch innerhalb der Auslandsgermanistik Themen der Interkulturalität berücksichtigen.

Die in diesem Sommer in Marbach am Neckar organisierten Veranstaltungen orientierten sich an allen fünf Komponenten der interkulturellen Germanistik: Literaturforschung und Literaturlehrforschung, Sprachforschung und fremdsprachiger Deutschunterricht, Kulturwissenschaft, Landeskunde, kulturwissenschaftliche Xenologie und Kulturkomparatistik. Dazu kamen auch Vorträge aus Nachbardisziplinen wie der interkulturellen Psychologie, Philosophie, Jurisprudenz und den Medienwissenschaften-eine Novität bei solchen Weiterbildungskursen für Hochschulgermanisten.

Im Laufe der Jahre sollten aus diesen Seminaren (Akademie-Monaten) praxisrelevante Kriterien und Konzepte hervorgehen, die zur Modernisierung der Studienorganisation zur Vertiefung der Kontakte zwischen Wissenschaft und Kulturarbeit und zur qualitativen Verbesserung von Lehre und Forschung beitragen.

Durch ihre Positionierung zwischen zwei oder mehreren Kulturen eröffnet die interkulturelle Germanistik den nationalen Germanistiken neue Perspektiven-ein fruchtbares Arbeitsfeld nicht nur für Germanisten, sondern auch für Rumänisten, Ungaristen, Philosophen, Psychologen, Soziologen und überhaupt für Kulturwissenschaftler. Dabei warnte Professor Wierlacher davor, das Fach Germanistik an Juristen, Soziologen, Historiker zu verlieren…

Wer in die interkulturelle Germanistik einsteigen will, verpflichtet sich viel mehr, als es bis jetzt der Fall war, mit anderen Geisteswissenschaften zu kooperieren, um durch dieses Umdenken internationalen Anschluß zu finden. Denn ein wichtiges Stich- und Schlüsselwort des neuen Faches lautet Fremdheit, bzw. das Verhältnis zwischen dem Fremden und dem Eigenen aus der Sicht verschiedener Kulturen. Der Umgang mit der Andersheit will gelernt sein und verlangt vom Forscher ein engagiertes Umdenken, im Idealfall auch eine Auslandserfahrung sowie einen Einblick in das sich etablierende Fach Xenologie.

Zu den Referenten des ersten Akademie-Monats in Marbach zählten bekannte Literaturwissenschaftler. B. Greiner (Tübingen), H. Steinmetz (Leyden), N. Mecklenburg (Köln) oder Linguisten: L. von Eichinger (Kiel), K. Ehlich (München) aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch Kultur- und Medienwissenschaftler von der Universität Tübingen und Münster. Nach jedem Vortrag folgten Diskussionen mit den Referenten, die in der Regel für einen Tag nach Marbach zugereist waren.

Die Kursteilnehmer hattten außerdem die Möglichkeit, sich und ihre Institution durch Kurzreferate vorzustellen und auch auf diese Art und Weise mit den anderen Kollegen ins Gespräch zu kommen. Dabei sollte auch auf Ansätze zur interkulturellen Germanistik am eigenen Institut geachtet werden. Das war eine begrüßenswerte Idee der Organisatoren, ein Erfahrungsaustausch der Gäste untereinander zu ermöglichen, zugleich aber auch ein Erfahrungsaustausch mit den Gastgebern, wobei immer wieder danach gefragt wurde, welche Ziele einer interkulturellen Germanistik anzustreben sind, damit die von der interkulturellen Germanistik postulierte Einheit in der Vielfalt vor Ort realisiert werden kann.

Gefragt ist dabei der rumänische Blickwinkel im internationalen Germanisten-Gespräch (die chinesischen und japanischen Germanisten sollen das schon verstanden haben). In diesem Zusammenhang stellt sich auch die sehr aktuelle Frage, nach den Leistungen der Germanistik für die Gesellschaft, konkret etwa für die postkommunistische, sich mit Problemen der Marktwirtschaft und Technologisierung konfrontierende Gesellschaft in Rumänien.
Meiner Meinung nach wäre zur Zeit eine Rückbesinnung der rumänischen Germanisten auf ihre Vorgänger, die bereits Anfang unseres Jahrhunderts Verfechter einer interkulturellen Germanistik waren und an diesem Gedanken festhielten, dringend nötig. Denken wir nur an Simion C. Mândrescu, Traian Bratu, Gustav Kisch, Karl Kurt Klein oder an Jean Livescu und Mihai Isbãºescu, die in ihren Forschungen desöfteren deutsch-rumänische Kultur- und Sprachbeziehungen tangiert haben. Erwähnt seien auch einige Vertreter der dritten Germanistengeneration Michael Marker, Peter Motzan, Stefan Sienerth sowie George Guþu, Horst Schuller-Anger, Andrei Hoiºie, Peter Kottler, Petru Forna und viele andere sowie Kollegen der jungen und jüngsten Generation.

Die Interkulturelle Germanistik wäre eine erfolgsversprechende Alternative, für die auch auf Innovationen angewiesene rumänische Germanistik. Diese Fachrichtung würde Alt- und Junggermanisten ein weiteres Forschungsfeld eröffnen, wofür bereits unsere Vorgänger eine wichtige Vorarbeit geleistet haben. Dafür sollten wir auch eine viel intensivere Zusammenarbeit mit Vertretern anderer Disziplinen anstreben.
Willkommen wäre eine dem Thema Interkulturalität gewidmete wissenschaftliche Tagung an einem der Germanistiklehrstühle unseres Landes.

Ein Programm der in den nächsten zwei Jahren von der Akademie für interkulturelle Studien geplanten Weiterbildungsangebote kann über die Geschäftsstelle der Bayreuther Universität, Jahnstraße 8, 95444 Bayreuth abgerufen werden.


Elena Viorel

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 1-2 (13-14) / 1998, S. 433-434

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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