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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 153-158

 


 


HELMUT SEETHALER - VON DER ZETTELDICHTUNG ZUR PFLÜCKLITERATUR:

ÜBER DAS ENTSTEHEN EINES NEUEN WIENER LITERARISCHEN GENRES


Sorin Gadeanu




1. Die Wiener Gemeinde als offenes Literaturmedium

Wien hat als Ausstrahlungspunkt, als Plattformerscheinung in der österreichischen Literatur wesentlich zur Entwicklung und Verbreitung von neuen Genres wie das Kabarett und die Operette beigetragen. Seit über zwanzig Jahren scheint sich, im Alleingang und abseits einer unterstützenden Strömung in Wien, ein neues Genre entwickelt zu haben: die Pflückliteratur.

Der Einzelgänger, der sie betreibt, heißt Helmut Seethaler und bezeichnet selbst sein Werk als Pflückliteratur, ohne aber ein explizites Statement bezüglich seiner gattungsliterarischen Einstufung abzugeben, was die Versuchung eines Einstufungsversuchs nur erhöht.

Helmut Seethalers Biographie, in diesem Vorspann aufgrund von Angaben des Autors nachvollzogen, bietet ein provokatives Bild. Ihre Stationen sehen keineswegs lebenslaufmäßig aus, sondern sind literarische Selbstentdeckungsfahrten, die in einer Epik des Ichs gestaltet werden, welche sich sowohl den gattungsmäßigen gebrauchsliterarischen, als auch den schöngeistigen Klassifikationen entzieht:

Ziemlich gewöhnliches Werden. Bis zum 16. Lebensjahr: ich weiß nicht viel darüber. Da scheint es mich noch nicht gegeben zu haben.

Mit 17: 900 unentschuldigte Fehlstunden in der Mittelschule. Ich arbeite die einfachsten Dinge bei verschiedenen Firmen, z. B. Pakete beschriften und verladen.
Dann fahre ich mit der Bahn herum. Da mein Vater Schaffner war - er verstarb, als ich 14 wurde - kostete das wenig.
Ich wiederhole die 7. Klasse.

Mit 20: Mühsame Matura. Beginn des Philosophie-Studiums.

Und danach der große Einschnitt: das Schreiben. Bis zu diesem Zeitpunkt scheinen in der Seethalerschen Autobiographie die Bilder einer distanzierten Selbstbetrachtung zu dominieren. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es den Schriftsteller noch nicht. Es gab den Schüler, den Hilfsarbeiter, den sich selbst entdeckenden Bahnfahrenden auf den Wiener Linien - eine der späteren „Entfaltungslinien“ des Dichters: das Medium Bahn. Und es entstand, ebenfalls zu dieser distanzierten Selbstbetrachtung gehörig, das erste, rückblickend äußerst selbstkritisch beurteilte Buch:

Bald: Enttäuschung. Beginn des Schreibens. Und des Verbreitens auf ganz neuen Wegen. Nach ein paar Monaten überredet mich einer zur (allzu frühen) Veröffentlichung meiner ersten 72 (schwachen) Texte. Nur 3 davon verbreite ich auch noch heute. Die meisten habe ich überarbeitet, sie sind heute unter anderen Titeln zu finden. Mit Recht vernichtende Kritiken dieses Buches („An die kommenden Tage“). Nur 5 von 52 waren positiv. Und überhaupt wußte ich nicht, wer es gelesen hatte.

Fehlstart! Sackgasse.

Allerdings: für den Leser noch immer kein heutiger, pflückliterarischer Seethaler in Sicht, alleine schon wegen des ersten Buches, das er selbst als eine konventionell gehaltene Frühphase seiner vormals medienkonformen Dichtung einstuft. Denn Seethalers Zetteldichtung, die sich anschließend zu einer Pflückliteratur entwickelt, beginnt erst nach dem Verzicht auf die mediale Konventionalität, durch die Flucht aus dem Buch und die Entdeckung einer neuen Form des literarischen Happenings, welches bemüht ist, den Leser zum interaktiven Literaturgenuß zu verleiten. Und erst in dieser Entwicklungsetappe scheint Seethaler die wahre Gestalt des Künstlers, auf deren Suche er war, in sich gefunden zu haben. Bis zu diesem Zeitpunkt findet man bei ihm bloß die vorhin erläuterte, abgeklärte Abrechnung mit sich selbst eines suchenden Dichters. In der folgenden Offenbarung wird der Sprung in die non-mediale Literaturwelt als möglicher Einstieg in die Weltliteratur explizitiert:

Bis ich entdecke, daß ich keinen Verleger brauche. Mit einigen „Literatur zum Pflücken“ - Aktionen erreiche ich mehr Lesende - und vor allem ganz unterschiedliche - als ich über den Buchmarkt je erreichen konnte.

Kein Buch mehr: sondern Millionen Zettel an tausenden Laternen, Bäumen und Wänden der Welt.” (1)

Somit wagt Seethaler den Sprung. Es geht nicht einmal mehr um den Inhalt seiner Texte, auch nicht mehr um eine literarisch eingeschränkte Vorgabe der Mitteilung, sondern nur noch um die Gestaltungs- und Verbreitungsform seines Werkes und um seinen Anklang beim Publikum: es geht schon viel weniger um die Texte, und viel mehr um das Medium: um die faszinierende Entdeckung, daß die Stadt Wien selbst seine literarische Umwelt im wörtlichen Sinne sein kann, ein ideales Verbreitungsmittel für seine Dichtung.

Der Kampf um die Eroberung der Stadt Wien als globales Kunstmedium hat bei Helmut Seethaler bis heute nicht aufgehört. Er verklebt mit seinen Denk - Zetteln zwei Bäume in der Kärntnerstraße, zwei Stellen in der U-Bahn Passage des Westbahnhofs und gelegentlich zwei Säulen in der Opernpassage, entgegen den Magistratsverordnungen, welche diese Handlungen als ordnungswidrig bezeichnen, seine Denk-Zettel entfernen lassen und dagegen zivilrechtlich einschreiten.

Seethalers Kampf mit den Behörden ist eine nunmehr stadtbekannte Auseinandersetzung, die sich schon über Jahre hinauszieht und zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden ist, die für Seethaler selbst genauso wichtig wie seine Kunst geworden ist:

Dreieinhalb Jahre dauert das ‘Kasperltheater’ zwischen dem Zetteldichter und den Verkehrsbetrieben am Westbahnhof schon. Damals erkor Seethaler die Säulen vor der ‘Frohner-Kunstwand’ zu Trägern seiner Gedichtbänder [sic!]. ‘Am Schottentor zieht’s und in der Operngasse geht’s nicht mehr so gut wegen der Dro-genszene. Aber am Westbahnhof, <das ist brutaler Alltag, da gehört alles hin>. Womit der Amtsschimmel lauthals wiehern und in die Stempelhufe spucken konnte. ‘Sie haben schon ein eigenes Formular für mich.’
... Inzwischen hat es Helmut Seethaler am Schauplatz Westbahnhof auf einen Score von 550:30 gebracht. 550 Freisprüche, 30 Verurteilungen.

Seethaler zieht jede Anzeige bis zum letzten Rechtsmittel durch. Seit dem Vorjahr existiert sogar eine Publizistik-Seminararbeit über ‘Helmut Seethalers Konfliktfall gegen die Verkehrsbetriebe aus konflikt- und PR-theoretischer Sicht.” (2)

Dies wird aus der akribischen Freude ersichtlich, mit der er seine Verstöße gegen die Hausordnung der Wiener Linien, gegen die Behördenwelt, sachlich, fast wie Stufen eines Experiments, aufzeichnet:

598 Anzeigen. Strafen, Vorladungen, Einvernahmen, Festnahmen und andere amtliche Wiener Maßnahmen gegen Zettel-Literatur in 22 Jahren beweisen deren Reaktionsfreudigkeit. (Stand 31. August 1995). Für die Behörden bleiben Gedichte zum Pflücken strafbare Handlungen:

Ordnungsstörung, Behinderung des Fußgeherverkehrs, verbotene Benützung des Luftraumes zwischen Laternen zu anderen Zwecken als den des Straßenverkehrs (Wörtlich: ‘Wegen Spannen von Gedichte-Leinen‘), Sachbe-schädigung, Verunstaltung. Allein 1994: 106 Strafverfügungen und Straferkenntnise wegen ‘Durchaus vermeidbarer Verschmutzung’ sowie ‘Unerlaubtem Plakatieren’. Jede Tat wird doppelt bestraft. Manchmal auch dreifach. Kontrollore füllen am Tatort Zahlscheine aus, schreiben darauf: ‘Verunreini-gung der U-Bahnstation mit Seethaler-Sprüchen’. (3)

Langsam, mit solchergestalt schleichender Begleitargumentation, dringen die amtlichen Kundmachungen der Wiener Behörden und die dazugehörigen Kommentare Seethalers in den vorhin beschworenen Textkorpus von “Millionen Zettel an tausenden Laternen, Bäumen und Wänden” der Wiener Welt ein. Sie werden vom Dichter sorgfältig zusammen mit den Eigenproduktionen kopiert und immer wieder mit seinen Zetteln ausgehängt und werden so zu Bestandteilen der Seethalerschen Dichtung.

Den Textkorpus selbst beschreibt Seethaler folgendermaßen:

Von derzeit 10.841 (August 95) verschiedenen Texten, Gedichten, Geschichten und Tag-Blättern wird eine Auswahl von 10% oft nachgedruckt. In Kästen und Schachteln stapeln sich, gut geordnet, viele Zettel, die je nach Stimmung oder Jahreszeit verbreitet werden.

Der Dichter verfaßt laufend neue Zettel, die an den bekannten Orten aufgeklebt werden, und von den Stammkunden gepflückt werden. Um die Übersicht nicht zu verlieren, sortiert Seethaler seine Texte in drei Qualitätsstufen und führt eine Art Kartei über ihren brieflichen Versand an seine Stammleser:

Auf den Rückseiten der Fanbriefe notiere ich in eigener Kürzel-Sprache, was wer wann erhält, damit ich beim nächsten Mal nicht die gleichen verschicke.

Es gibt 3 Wertungen: Gut, mittel und fast schlecht. Die 4. heißt: Nicht-Mehr-Nachdrucken. Das sind (bis-her) die meisten. Sie verschwinden nach 2-3 Aktionen ganz unten in den Kästen und bleiben fortan ungelesen.
Von den 10%, die ständig nachgedruckt werden, halte ich 2-3% für gut, 5% für mittel, 2-3% für fast schlecht. Es passiert oft, daß solche, die nicht gelungen scheinen, dennoch manchen Leuten gefallen. Das verunsichert mich und zeigt, wie schwer es ist, eine objektive Auswahl zu treffen. Es kommt sehr darauf an, welche Stimmung der Leser und die Leserin gerade hat.

Die Chance, die sich Seethaler dabei selbst einräumt, entsteht über die Flucht aus dem Buch, welches der literarischen Schöpfung eine festgefügte Form und einen endgültigen Inhalt verleiht. Der Dichter umgeht diese zwei medial vorbestimmten Merkmale des literarischen Textes, und dies führt natürlich zu einer Beanstandung des literarischen Charakters seiner Texte, die er aber selbst noch immer als Literatur bezeichnet hat.

Der unmittelbare Publikumskontakt, der dabei entsteht, und die Nähe zur Literatur, die dabei geschaffen wird, zählen wohl zu den wertvollsten Eigenschaften dieser Wiener literarischen Kunstform, die Seethaler als Pflückliteratur im Gegensatz zur Buchliteratur sieht und folgendermaßen beschreibt:

Wichtig wurde, daß viele Lesende selber auswählen, welche Zettel sie wegwerfen oder zurückschicken und welche sie auf eine ihnen entsprechende, persönliche Art sammeln. Das ist [ein] wesentlicher Unterschied zu einem normalen Buch: Dort läßt sich nicht auswählen, dort ist die Anordnung vorgegeben. Bei meinen Zetteln pflückt man nur die, die gefallen und bringt sie selber in eine neue Ordnung. Die anderen Zettel läßt man kleben für andere oder wirft sie weg, wenn man sie per Post bekam oder schickt sie, am besten mit Kommentar, dem Verfasser zurück. So erfährt man als Künstler, welche Chancen man wirklich hat. (4)

 

2. Das neue Wiener literarische Genre: die Pflückliteratur

Helmut Seethaler weist vorsichtigerweise seine Texte als Pflückliteratur aus. Diese selbsteinschränkende Vorgangsweise im Umgang mit dem eigenen Schaffen fordert den Leser zu einer literarischen Betrachtung heraus, die mit erheblichen Schwierigkeiten, betreffend die Eingliedegung dieser Dichtung in bisher bekannte literarische Gestaltungsformen, verbunden ist.

Über diese Selbstbezeichnung hinaus scheint die Einstufung der Seethalerschen Texte in vorgegebenen literarischen Formen ein aussichtsloses Unternehmen zu sein. Dies verdeutlicht nur die bekannte Tatsache, daß die Voreingenommenheit der medial formgebundenen Literatur das Wahrnehmungsvermögen des Lesers soweit geprägt hat, daß die Einstufung eines Textes als literarisches Produkt praktisch nur über kulturell vorgegebene Modelle verläuft:

Wohl aber ist das ... geschärfte Bewußtsein davon wichtig, daß unsere Wahrnehmung immer schon geprägt beziehungsweise verstellt ist sowohl durch kulturell ausgearbeitete Formen von Sinneswahrnehmung, von Erlebnismodellen, als auch durch mediale Bedingungen. (5)

Eine weitere Frage, die sich dabei stellt, ist, ob solche Kunstprodukte wie jene Seet-halers in Anbetracht der vorhin angeführten kulturell ausgearbeiteten Formen der Sinneswahrnehmung ihrerseits in der ihnen unmittelbar vorgegebenen Form als Dichtung betrachtet werden können, und inwieweit ihr Status im Kontext der medial bedingten Verbreitung und Rezeption überhaupt zur vollen künstlrischen Geltung führen kann. Bei einer Be-trachtung der Texte selbst, losgelöst von der Wiener Kunstlandschaft und von ihrer originellen, antimedialen Verbreitungsweise wäre damit kaum zu rechnen, denn sie eignen sich, dem klassischen Literaturverständnis nach, höchstens zur Einstufung als Aphorismen oder umfangreichere Grafittis, allerdings vom üblichen Verbreitungsmedium, dem Buch, beziehungsweise der Sprühfläche, getrennt.

Dementsprechend führt die Loslösung vom üblichen literarischen Medium zu einer neuen Art von Literaturvermittlung. Wie sehr es dem Künstler darauf ankommt, und wie wichtig ihm die unmittelbare Reaktion des Lesers ist, wird aus einer seiner diesbezüglichen Aussagen ersichtlich:

Die Örtlichkeit bestimmt die Reaktions-Häufigkeit. Auch die jeweilige Stimmung der Vorbeikommenden, je nach Tages- oder Jahreszeit, entscheidet. Montag früh an trüben Herbsttagen hat diese offene Form der Kunstvermittlung keinen Sinn. Da sind alle so zu, daß ich verloren dastehe und bald nach Hause flüchte, um mich vorzubereitein für bessere Zeiten. (6)

Sonnige Tage ziehen mehr Leser an; dann sind seine Zettel am gefragtesten und werden von eifrigen Sammlern mitgenommen, in die Brieftasche gesteckt oder lächelnd und nachdenklich nach dem Durchlesen weggeworfen. Damit ist aber die Antwort auf die Frage nach der Einstufung des Seethalerschen Werkes noch immer nicht gelöst.
Die traditionelle Textinterpretation, von Wolfgang Iser zum klassifikatorischen Eifer (7) abgestempelt, ging von der Bedeutungsermittlung von Textinhalten aus:

Das Zurückholen der Texte auf bereitstehende Bezugsrahmen bildete ein nicht unwesentliches Ziel dieser Interpretationsweise, durch das die Texte zwangsläufig entschärft wurden. (8)

Die Aktualisierung des Textes im Leseprozess findet also, den ‘klassischen’ Vorgaben gemäß, aufgrund des Angleichs an vorgegebene Patterns statt. Daran knüpft aber auch die von Kurt Bartsch aufgeworfene Frage, ob es überhaupt möglich ist, Wirklichkeit sprachlich authentisch einzufangen. Im Falle Seethalers sind diese Patterns nicht vorgegeben, folglich läßt sich auch keine zufriedenstellende Einstufung aufgrund der klassischen Vorgaben erreichen.

Ein erster Fluchtversuch aus dem vorgegebenen Bezugsrahmen ist schon in der do-kumentarische Literatur anzutreffen; ihr Fluchtpunkt:

... ist ... nichts Vergangenes, geschichtlich Gewordenes, sondern die unmittelbare Gegewart ...

Ein weiteres Merkmal der dokumentarischen Literatur, von Kurt Bartsch umrissen, bezieht sich nicht auf ihre Thematik, sondern auf ihre Ausrichtung und würde den Seethalerschen Inhalten entsprechen. Außerdem steckt hinter dem vorhin zitierten „Kasperltheater“ weitaus mehr als das Amüsement über einen Nonkonformisten, wie das noch aus den Seethalerschen Textbeispielen deutlich werden soll:

Dokumentarische Literatur zielt auf Kritik der herrschenden öffentlichen Meinung, insbesondere der massenmedialen Informationssteuerung, auf Enthüllung, Aufklärung, Ideologiekritik sowie auf Neuinterpretation der Tatsachen und auf politische Meinungsbildung. (9)

Die Seethalersche literarische Produktion kann aber nur bedingt als dokumentarische Literatur eingestuft werden, auch wenn sie sich thematisch daran anschließt und auch wenn die in den Montagen eingebauten und mit Vermerken des Autors versehenen amtlichen Schreiben des Magistrats, die dokumentarisch in den Gesamtkorpus eingefügt sind, dafür sprechen würden.

Es bedarf der dokumentarischen Einstufung einer kohärenten, durchlaufenden Collage, die bei den vereinzelt aufgeklebten Texten Seethalers nicht nachzuweisen ist. Folglich würde sich auch diese Einstufungsspur in den Sand der mißglückten Typologien verlaufen, wenn man daran festhielte.

Von daher ergibt sich der schon vorhin angedeutete Vorschlag, sie als ein neues Pro-sagenre, eine neue Gattungsform (10) einzustufen und über das Verhältnis zwischen Inhalt und Form (11) in ihrem besondern Verhältnis zu den Medien und der sich daraus ergebenden Verbreitungsform diese Einstufung zu legitimieren.
Von der Bezeichnung her könnte man sich, in Ermangelung einer besseren Zuordnung, mit der Seethalerschen Bezeichnung der Pflückliteratur begnügen. Zur Bestätigung dieser Hypothese wäre allerdings eine Untersuchung der Merkmale der Pflückliteratur hinsichtlich der Unterschiede zu anderen literarischen Formen notwendig.

 

3. Pflückliteratur: ein Genre außerhalb der medialen Wirklichkeit

Wie erobert ein Schriftsteller heute den Markt?

Natürlich nur über die Medien, sei es über den Büchermarkt, über Zeitschriften, über den Rundfunk oder über das Fernsehen, oder auch über sonstige literarische Einrichtungen, wie Literaturgesellschaften und ihre Förderpreise und öffentlichen Lesungen, die ihrerseits vom Medienmarkt abhängig sind. Aber sowohl in einem Fall, als auch im zweiten, ist die Eroberung des Marktes - dem Erfolg gleichgestellt - nur über die Medien zu erreichen. So wandelt sich die Literatur langsam, aber sicher zum Mediengeschäft, aus dem einzigen und einfachen Grunde, daß ihre Verbreitung von den Medien abhängig gemacht wird.

Heutzutage ist eine Literatur außerhalb der medialen Wirklichkeit kaum noch möglich, bis auf die Privatliteratur, die sich selbst auf Formen wie das Tagebuch oder der literarische Brief beschränkt und daher schon vom üblichen Literaturverständnis her anfechtbar wird. Somit bleibt der einzig zugelassene Werdegang der literarischen Ver-wirklichung, des Zugangs zur Öffentlichkeit, jener über die Medien:

Eine Chancengleichheit im Zugang zur Öffentlichkeit wird hergestellt. Das Prinzip der Publizität als Basis des freien öffentlichen Diskurses realisieren aber nun die Medien allein und nicht mehr die Bürger. „Öffentlichkeit“ ist, was Medien zur Öffentlichkeit machen. Die Trennung der „politischen und der literarischen Öffentlichkeit“ verschwindet zunehmend durch den Zerfall der literarischen, das heißt der privaten Öffentlichkeit. “Auf dem Wege vom kulturräsonierenden zum kulturkonsumierenden Publikum hat, was sich einst als literarische Öffentlichkeit von der politischen noch unterscheiden ließ, den spezifischen Charakter eingebüßt. (12)

Seethalers Zetteldichtung will über den Umweg des unmittelbaren, ‘bürgernahen’ medienverneinenden Kontaktes zum Publikum diesen Weg im wahren Sinne des Wortes ‘zurücklegen’, d.h. zurückgehen (13), um ein Publikum anzusprechen, das den kulturräsonierenden und nicht den medial kulturkonsumierenden Weg zu seinen Texten zurückfinden soll. Er stellt das Prinzip der persönlichen freien Publizität des Bürgers wieder her und gestaltet diesen durch sein eigenes Handeln zur literarischen Öffentlichkeit, die der beanstandeten medialen Öffentlichkeit gegenübergestellt wird.

Das Paradoxon, das seine literarischen Produkte beinhalten, ist, daß der eben vorhin beanstandete Verlust der Trennung zwischen politischer und literarischer Öffentlichkeit, den ja die Flucht aus den Medien in die persönliche Öffentlichkeit aufheben sollte, verstärkt wird: Seethalers literarische Öffentlichkeit wird zu einem Bestandteil der Wiener politischen Öffentlichkeit:

Pflückliteratur beschäftigt natürlich auch die Wiener Politik. Die Fronten verlaufen dabei nicht dort, wo Aus-senstehende sie vermuten würden. ‘Von der SPÖ bin ich sehr enttäuscht’, bedauert Seethaler. ‘Gerade die sind es doch, die immer von <Kunst für alle> reden.’ Aber was soll schon ein Bürgermeister gegen die unerbittliche Gewerkschaft der ‘roten’ U-Bähnler ausrichten? Die konservative Obrigkeit des ersten Bezirks dagegen erteilte eine Gedichtklebelizenz für zwei Bäume in der Kärntnerstrasse. Und wie die ‘Grünen’ erklärte auch der Kultursprecher von Jörg Haiders ‘Freiheitlichen’, die Zettelpoesie gefiele ihm (14).

Somit wird die antimediale Literatur Seethalers bewußt mediatisiert und wird zum Gegenstand kulturpolitischer Bekenntnisse erhoben, wobei ihre Akzeptanz, bzw. Ablehnung indirekt zum Zwecke der politischen Werbung gebraucht wird:

Die durch Massenmedien verbreitete Kultur ist nämlich eine Integrationskultur: sie integriert nicht nur ‘Information und Räsonnement’, sondern auch die ‘publizistischen Formen mit den literarischen Formen der psychologischen Belletristik zu einer human interest-bestimmten Unterhaltung und Lebenshilfe’; sie ist elastisch genug, sich gleichzeitig auch Elemente der Werbung zu assimilieren (15).

Diese Tatsache ist allerdings nicht nur im Diskurs über die Seethalersche Dichtung auf-zufinden, sondern auch an den Pflückstätten selbst, wo Magistratsverordnungen und Zeitungsausschnitte neben Denk - Zetteln kleben.


Seethalers Pflückliteratur bleibt aber eine literarische Form, welche grundsätzlich den vorgegebenen Weg des Zugangs zur Öffentlichkeit bewußt meidet, ein Weg, der ihr anschließend volens - nolens geebnet wird und der zum literarisch-sozialen Zwang wird, mit dem sie lebt.

 

4. Paradiesische Apfelverlagprodukte: (Wiener) Pflückliteratur

Zur Legitimation einer neuen literarischen Gattung bedarf es in erster Linie eines ausreichenden Textkorpus, aufgrund dessen diese veranschaulicht werden soll. Was die Seethalersche Zetteldichtung an Beispielen bietet (gut über 10.000 Texte) ist zumindest von der Anzahl her eindeutig ausreichend, um dieses Unternehmen zu begründen.

Die Ausmaße der Seethalerschen Texte sind recht verschieden und hängen nicht unmittelbar mit der darin behandelten Thematik zusammen, was wiederum von den vielfachen Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten dieser literarischen Form in nuce spricht.

Alle Texte sind mit der Anschrift des Autors versehen. An manchen Denkzetteln und an allen längeren Fassungen sind Werbevermerke in eigener Sache angeschlossen, wie:

Zettel-Literatur gibt es an Bäumen, Säulen, Wänden oder bei Einsenden eines kleinen Geldscheins per Post.

Selbst eine promediale Werbung in eigener Sache des buchscheuen Seethaler ist in neueren Texten zu finden, was von einer Relativierung der ursprünglich absolutisierten Distanz zum Medium Buch zeugt:

Autor von „Pflückbuch Nr. 1“, Verlag der Apfel

Der erste Denkzettel ist programmatisch gestaltet und enthält, als erstes Schreiben des Dichters an die Öffentlichkeit, eine Absichtserklärung, welche allen anderen Denkzetteln vorangesetzt werden kann:

1. Denkzettel

Mit vielen kleinen Zetteln wollte einer das sagen, das sonst vergessen und übersehen wird.
Mit großem Eifer begann er, überall in der Stadt seine Spuren zu setzen und hoffte, bei so vielen wie möglich so viel wie möglich anzuzetteln.

Auch die Erlebnisse des anhaltenden Magistratskrieges weden, allerdings nicht explizit, in der Zetteldichtung festgehalten. Darin läßt sich aber auch die von Seethaler so hoch eingeschätzte Wirkungsabsicht seiner Texte erkennen:

Er hatte eine Meinung.
Er teilte sie lautstark mit.
Ein Kreis bildete sich.
Polizei kam:
„Wer hat hier eine Meinung?“

Jeder, der eine Meinung hat,
muß entfernt werden,
um nicht Meinungslose
anzustecken und weitere
Meinungen zu verursachen.

Ein anderer Text bezieht sich auf das Verhältnis mit der Obrigkeit, das beim Autor seit dem Entstehen der Pflückliteratur angespannt geblieben ist, dies wegen der Auffassung über Recht und Gerechtigkeit im Verhältnis zur Macht, welche ebenfalls ein Seethalersches Leitmotiv ist:

702. Denk-Zettel

macht haben heißt:
(das) recht haben,
auch wenn es
un(ge)recht ist.
Im recht sein,
heißt selten,
zu recht kommen.
das gelingt meist
nur denen,
die macht haben,
ishr recht durchzusetzen.

Außer diesen programmatischen Denk - Zetteln gibt es unter den Seethalerschen Texten auch einige, deren kritische Akzente über das übliche Maß hinaus gewachsen sind und die Ausführungen der vorhin gestellten Thesen darstellen. Sie weiten sich zu einem apokalyptischen Bild des organisierten Chaos und der organisierten Sinnlosigkeit und entwerfen ein Weltbild, das fast staatsverletzend wegen des Zusatzes in der Titelzeile und der letzten Zeile wirkt:


t a g b l a t t vom 26.10

Gewohnt, zu gehorchen. Angst um den Arbeitsplatz. Nichtdenken-Wollen, was für Gründe und was für Folgen Befehle haben. Obrigkeitshörigkeit. Durchorganisierte Demütigung, bezahltes Sich-Dumm-Stellen, Unfähigkeit für eigene, freie Entscheidungen. Verlust der Persönlichkeit, dressierte Fixiertheit, geschulte Beschränktheit. Nur das tun dürfen, das höher Geschulte oder höher hinauf Geschubste und nun umso höher Fixierte, verordnen. Sich Feindbilder schaffen (lassen), die ablenken, wer die wirklichen Feinde sind. Sich bei Sport und Bier einbilden, man wäre nicht so klein, wie einen die Großen dauernd machen, aber brav weiter für sie das eigene Leben zurückstellen. Ab und zu Wut und Ohnmacht spüren, aber die Wut geht immer in die falsche Richtung und die Ohnmacht ist man schon gewohnt. Weiter gehorchen, weiter unterordnen. Nicht handeln, nicht sagen, was man denkt. Bis man überhaupt nicht mehr denkt.

Heute ist National-Feiertag in Österreich.

Seethaler, Vater von drei Kindern (eine Angabe, die des öfteren in den Werbevermerken in eigener Sache vorkommt), verfolgt den Gedanken der gesellschaftlichen Einengung auch auf der Familienebene, als Generationspakt in der Erziehung, der nur von einer erneuernden Minderheit durchbrochen wird:
 

610. Denk-Zettel

Viele erziehen ihre Kinder so,
wie sie selber erzogen wurden.
Nur wenige erziehen ihre Kinder so,
wie sie selber gerne erzogen worden wären.

Viele schlagen ihre Kinder (aus Rache),
weil sie selber geschlagen wurden.
Nur wenige schlagen ihre Kinder nicht,
obwohl sie selber geschlagen wurden,
aber eben deshalb nicht weiter schlagen wollen.

Der offen erklärte Krieg, den Seethaler gegen die Zwänge der Gesellschaft und die Formbedingtheiten des Daseins führt, kommt kritisch in fast jedem Denkzettel vor. Die Denkzettel sind für den Dichter Anlässe, sein Publikum zu einem kritischen Denken zu erziehen, sei es über allgemeine, aphoristisch formulierte Anlässe, oder über symbolische Texte, wie der folgende.

Fast Kafkaesk mutet ein solches Beispiel an, welches sich wiederum mit der Sinnlosigkeit der Existenz in ihrer gesellschaftlich bedingten Form auseinandersetzt.:

Grenzübergang ohne Grenzübergänger 2. Teil

Ein Grenzbeamter tritt vor seine Hütte und beginnt mit der Abfertigung der Grenzübergänger. Nachdem er sie passieren hat lassen und sie in der Ferne verschwinden, kehrt er zurück in seine Hütte und weiß plötzlich, daß er sich alles nur eingebildet hat. Es gibt niemanden, der hier die Grenze überschreiten will.
Dieser Unglückliche, er merkt, daß das Entscheidende nicht existiert. Für ihn ist es das Entscheidende. Er wurde dem Grenzübergang zugeteilt und er kann nichts dafür, daß es hier keine Grenzübergänger gibt. Dafür ist er nicht zuständig. Aber er erkennt, daß irgendwo ein Irrtum sein muß. Und es wird ihm bewußt, daß er der Irrtum ist.

Ein anderer Text, den man zu den programmatischen zählen kann, sei als abschließendes Beispiel gegeben, das die Vorgansgsweise Seethalers im Aufbau der Denk-Zettel veranschaulichen soll:

Meist erkennen wir nur die Folgen,
nicht die Ursachen der Ereignisse.
So versuchen wir
nur die Folgen zu ändern,
das ändert aber nichts
an deren Ursachen.
So geschehen weiter Dinge,
die uns das Leben schwer machen
und wir versuchen weiter,
mit den Folgen umzugehen, anstatt die Ursachen zu umgehen.

Natürlich ist der Textkorpus an Denk-Zetteln viel umfangreicher als die hier vorgestellte Auswahl, die nur eine Einführung in die Pflückliteratur darstellt. Vorliegender Beitrag entstand in der Annahme, daß sie im Laufe der Zeit von der zetteldichterischen Betrachtungsweise ins Augenmerk der medial etablierten Literaturwissenschaft pflück-literarisch voranrücken wird, und so auch zum verwissenschaftlichten Untersuchungsgegenstand zwecks möglicher Bestimmung eines neues literarisches Genres zu werden.
 


ANMERKUNGEN:

(1) Helmut Seethaler, Das Pflückbuch, Vorgeschichte(n), Verlag der Apfel, [Wien], 1995.

(2) Falter, 3/97, [Wien], 1997.

(3) Helmut Seethaler, Das Pflückbuch, 10. Wie reagieren die Behörden? Verlag der Apfel, [Wien], 1995.

(4) Helmut Seethaler, Das Pflückbuch, 8. Anordnung der Zettel, Verlag der Apfel, [Wien], 1995.

(5) Kurt Bartsch; Nicht nur mit Rotstift, Schere und Tesafilm. Zur Problematisierung des Widerspruchs von ästhetischem und dokumentarischem Anspruch in zeitgenössischer österreichischer Literatur, in: Sein und Schein - Traum und Wirklichkeit. Zur Poetik österreichischer Schriftsteller/innen im 20. Jahrhundert, Peter Lang, Frankfurt am Main, Berlin, 1994, S. 86.

(6) Helmut Seethaler, Das Pflückbuch, Verlag der Apfel, [Wien], 1995, S. 14.

(7) Wolfgang Iser, Die Appellstruktur der Texte. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung literarischer Prosa, Konstanzer Universitätsdruckerei, 1971, S. 5.

(8) a.a.O.

(9) Kurt Bartsch, a.a.O., S. 90.

(10) Otto F. Best, Handbuch literarischer Fachbegriffe, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, 1990, S. 170.

(11) Sachwörterbuch für den Literaturunterricht, Volk und Wissen, Volkseigener Verlag, Berlin, 1975, S. 62.

(12) Raoul F. Kneucker; Verwaltung als Vorläufer und Nachvollzieher medialer Wirklichkeit, in: Marginalisierung. Die Literatur und die neuen Medien. Schriften des Instituts für Österreichkunde, 54, Österreichischer Bundesverlag, Wien, 1990, S. 35f.

(13) Die hier zitierten Gedankengänge von Raoul F. Kneucker gehen von Jürgen Habermas; Strukturwandel der Öffentlichkeit, aus.

(14) Martin Ebner: Literatur zum Pflücken. Der Wiener Zettelpoet Helmut Seethaler, in: Neue Züricher Zeitung, 26. Juni 1996/Nr. 140, S. 33.

(15) Raoul F. Kneucker; a. a. O.


 

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