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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., Heft 1-2 (11-12) / 1997, S. 329-330

 

 


TAGUNGEN, SYMPOSIEN, KOLLOQUIEN, KURSE

 

EUROPÄISCHE LITERATUR- UND SPRACHWISSENSCHAFTEN

 Internationale Konferenz. Innsbruck, 22.-26.9.1997



Das Wiener Institut zur Erforschung und Förderung österreichischer und internationaler Literaturprozesse veranstaltete diese Innsbrucker Tagung als Etappe einer Reihe von solchen international besetzten wissenschaftlichen Konferenzen, auf denen der gegenwärtige Status und Stand der Human-, Geistes- und Kulturwissenschaften in Europa geprüft, ja weitgehend neudefiniert werden soll. Die Diskussionen von mündigen und autorisierten Vertretern der Literatur- und Sprachwissenschaften aus zahlreichen europäischen und nichteuropäischen Staaten trafen sich in Innsbruck, um sich eingehend und kritisch über Universalität oder/und Eigentümlichkeit, über das Unbehagen dieser Wissenschaftszweige in ihrer Diversität und Tendenz zum Länder- und Kulturübergreifenden zu unterhalten.

Die Plenumsvorträge von Walter Methlagl (Universalkunst - ein Beispiel aus Tirol; Innsbruck), Herbert Arlt (Kulturwissenschaften und Europa; Wien), Anil Bahti (Kulturwissenschaften und Diversitäten; New Delhi) und Jacques LeRider (Zum heutigen Unbehagen in der europäischen Kultur; Paris) boten breit gefächerte Ansichten und Ansatzpunkte für die Diskussion in den einzelnen Gruppen der Konferenz an.

In 9 gewichtigen Sektionen wurden folgende grundsätzliche Fragen zur Diskussion gestellt:

• - Geschichte der Sprach- und Literaturwissenschaften in Europa;
• - Wissenschaftsorganisation der Sprach- und Literaturwissenschaften in Europa;
• - Disziplinüberschreitende Ansätze der Sprach- und Literaturwissenschaften in Europa;
• - EDV, Internet und Sprach- und Literaturwissenschaften;
• - Forschungen und Informationssysteme;
• - Universitäten, Forschungen, Gesellschaft, Finanzierungen in Europa;
• - Wissenschaftskommunikation und Kulturwissenschaften;
• - Nationen, Sprachen, Kunst;
• - Außensicht/Innensicht.

Eine Fülle von Vorträgen wurden in den einzelnen Sektionen gehalten, was einen Überblick geradezu unmöglich macht.

Da jedoch in der abschließenden Diskussion einige der wichtigsten Gedanken von Sektion VI, die von Univ.-Prof. Dr. George Guþu geleitet wurde, starken Widerhall auslösten, so dass manche von ihnen sogar in die Resolution der Konferenz Aufnahme fanden, glauben wir, dem Leser ein Musterbeispiel liefern zu können für die Ernsthaftigkeit und Motiviertheit, mit der in einer jeden Sektion dieser Konferenz die Problematik analysiert und Lösungsvorschläge für die akuten Schwierigkeiten gemacht wurden, in die die Literatur- und Sprachwissenschaften der Gegenwart immer mehr hineingeraten aufgrund von mangelnder Finanzierung und mangelndem Verständnis seitens der Regierungen und Parlamente, aber auch seitens der Hochschuleinrichtungen selbst.

An der Zusammenfassung der Sektion VI waren alle ReferentInnen beteiligt, so daß hiermit ein echtes Gemeinschaftswerk entstanden ist, das die vielfältige Erfahrung und die einzelnen Gesichtspunkte und Blickwinkeln deutlich erkennen lässt in einer Synthese, die sich durch kritische Stellungnahme und analytischem Vermögen auszeichnet. An der Erarbeitung dieser Zusammenfassung waren beteiligt: George Guþu (Bukarest), der das Impulsreferat Zu Fragen der universitären Forschung im philologischen Bereich an rumänischen Hochschulen hielt, Giuliano Merz (Innsbruck), Alessandra Schinina (Catania), Katja Sturm-Schnabl (Wien), Elena Viorel (Klausenburg/ Cluj), Bernd Seifert (Hagen), Dagmar Kostalova (Bratislava) und Piotr Salwa (Warschau). Die Zusammenfassung hat folgenden Wortlaut:

 

Zusammenfassung der Sektion VI:

Universitäten, Forschungen, Gesellschaft, Finanzierungen in Europa

Die Zeit der Aufklärung erkannte mit Kant, genauer gesagt mit seiner Schrift "Der Streit der Fakultäten", die stringente Notwendigkeit einer Reformierung der Universitäten. Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts um die Gründung der Berliner Universität entfachte Debatte über Rolle und Aufgaben einer Universität zeigte, daß es keinen leichten und geradlinigen Weg von der Einsicht Kants bis zu ihrer praktischen Verwirklichung gibt und daß dabei beträchtliche Verzögerungen auftreten.

Diese Tatsache hat weder in epistemologischer noch in praktischer Hinsicht an Aktualität eingebüßt. Die Diskussionen in der Sektion VI, in der ein Impuls- und sieben Sektionsreferate gehalten wurden, hat dies durch eine Vielfalt von Herangehensweisen und von thematischen Gegenständen überzeugend unter Beweis gestellt.
Dabei ergaben sich folgende Feststellungen, die hier in Kürze umrissen werden.

1. Die Universität ist eine wissenschaftliche Hochschule, die ihrer gesellschaftlichen Aufgabenstellung nach eine die gesamten Teilsysteme der Gesellschaft regenerierende Einrichtung darstellt, die demzufolge als Keimzelle künftiger Gesellschaften angesehen werden muß. Das ist auch der Grund dafür, daß die Universität die höchste Achtung der heutigen Gesellschaft und ihrer Verantwortungsträger verdient.

2. Der von Humboldt bereits formulierte Grundsatz von der Einheit von Lehre und Forschung bleibt im wesentlichen aktuell, ja im Hinblick auf die Aufrechterhaltung der eigentlichen Aufgaben der Universität zunehmend notwendig. Die Analyse der heutigen Verhältnisse im universitären Bereich zeigt, daß dieser Grundsatz Humboldts ein Konfliktpotenzial bildet in bezug auf die soziale Dynamik der Gegenwart. Deshalb muß er neu durchdacht, definiert und in praktische Maßnahmen umgesetzt werden.

3. Nach der historischen Wende des Jahres 1989 haben die Verantwortungsträger sowohl im Osten als auch im Westen die einmalige Chance erhalten, gemeinsame Überlegungen darüber anzustellen, wie es mit der wissenschaftlichen Einrichtung Universität in Europa weitergehen sollte. Die bisherige Erfahrung, die durch die in der Sektion vorgetragenen Referate eindrucksvoll belegt wurde, zeigt, dass diese enorme Chance immer noch nicht in ihrer vollen Tragweite erkannt und wahrgenommen, also immer noch nicht genutzt wurde.

4. Deshalb müßte die Innsbrucker Konferenz - unserer Meinung nach - an alle im Bereich Bildungswesen Verantwortlichen in Europa appelieren, möglichst schnell zusammenzukommen, um ihre jeweilige Erfahrung in gemeinsame Lösungswege einzubringen. Dazu ist ein eingehender, von ehrlichen Bemühungen getragener Erfahrungsaustausch notwendig, der - unserer Ansicht nach - in Form eines von der Europäischen Union unterstützten und von allen europäischen Regierungen organisierten Forums über Fragen der Universität, der universitären Forschung sowie des Verhältnisses der Universität zur Gesellschaft zustandekommen könnte.

5. Die volle Bedeutung der Geisteswissenschaften, also auch der Literatur- und Sprachwissenschaften, wurde bislang noch nicht erkannt. Daran ist nicht nur die außeruniversitäre Welt schuld, sondern auch die Universität selbst. Die GeisteswissenschaftlerInnen müssen deshalb die Herausforderung der heutigen Gesellschaft mit zunehmendem Selbstbewußtsein wahrnehmen und im Versuch der Definition eines neuen Selbstverständnisses für die Erziehung der gesamten Gesellschaft ihrer Verantwortung mutiger gerecht werden.

6. Die Forschungstätigkeit wird beinah überall nur sporadisch und in einem absolut unzureichendem Maße von staatlichen oder freien Trägerschaften finanziert. Wenn bislang in den Geisteswissenschaften doch Beachtliches geleistet wurde, so geschah dies nur dank der Selbstaufopferungsbereitschaft und der Hingabe der GeisteswissenschaftlerInnen selbst.

Diese Konferenz ist ein Beispiel dafür, wie außeruniversitäre Einrichtungen wie das Institut zur Erforschung und Förderung österreichischer und internationaler Prozesse die akademische Diskussion anregen und unmittelbar unterstützen können.

7. In unserer Sektion konnten Slawisten, Romanisten und Germanisten eine beträchtliche Anzahl von gemeinsamen Problemen feststellen, deren Lösung als gesamteuropäisches Anliegen des Bildungswesens angesehen werden muß.

8. Eine unvertretbare Hinausschiebung der Selbstreflexion und der längst hinfälligen Maßnahmen zur Erneuerung der Universitäten birgt in sich die Gefahr der Vertiefung der aktuellen Krise in diesem Bereich. Intrinsische und extrinsische Faktoren müßten dabei in einem echt reformatorischen Sinne Hand in Hand gehen und traditions- und systembedingte Trägheit überwinden.

Die Konferenz findet Ende September 1998 ihre Fortsetzung in Ungarn und in Österreich.

George Guþu

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., Heft 1-2 (11-12) / 1997, S. 329-330

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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