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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 169-173

 



DIE AUTOBIOGRAPHIE VON W.E.B. DU BOIS IN DDR-ÜBERSETZUNG

Hamilton Beck



William Edward Burghardt Du Bois wurde drei Jahre nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs in der Kleinstadt Great Barrington, Bundesstaat Massachusetts, als Sohn einer der wenigen schwarzen Familien dort geboren. Hier in Neu England konnte Du Bois in einer Umwelt aufwachsen, die relativ weit entfernt von der Sklaverei im Süden des Landes war. Seinen Aussagen zufolge gab es in seiner Jugend auch nur wenige Beispiele von Rassendiskriminierung.

Du Bois, einer der besten Schüler seines Gymnasiums, hatte den Ehrgeiz, an der Harvard Universität zu studieren, aber man brachte ihm nachsichtig bei, daß es besser sei, zunächst für einige Jahre an die schwarze Universität Fisk im Bundesstaat Tennessee zu gehen. Hier im Süden wurde Du Bois in den Jahren 1885-1888 zum ersten Mal voll bewußt, was es in seinem Leben bedeuten sollte, schwarz zu sein. Nie zuvor hatte er so viele attraktive und intelligente Schwarze, aber auch nie zuvor soviel Diskriminierung erlebt. Du Bois schrieb für die Studentenzeitung, lernte Deutsch als Fremdsprache, und im Sommer unterrichtete er in Schulen für schwarze Kinder in den Hinterwäldern von Tennessee. Hier erlebte er ihre extreme Armut und mangelnde Bildung aus unmittelbarer Nähe. Nach seinem Studiumabschluß als einer der hervorragendsten Studenten der Fisk Universität hielt er auf der Abschlußfeier eine öffentliche Rede über “Jefferson Davis als teutonischer Held” (Davis war Präsident der Konföderierten Staaten von Amerika, also der Südstaaten, im Bürgerkrieg gewesen).

Du Bois hatte seinen Traum, an der besten Universität des Landes zu studieren, in der Zwischenzeit nicht aufgegeben. Er kehrte nach Neu England zurück und wurde dann tatsächlich an der Harvard Universität 1888-1890 zugelassen, wo er von einigen der bedeutendsten Professoren des Landes unterrichtet wurde, wie William James und George Santayana, bei dem Du Bois Kant las.

Zu dieser Zeit, anfang der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts, hörte Du Bois von einem besonderen Stipendium, das schwarzen Studenten ein Studienaufenthalt in Europa ermöglichen sollte. Zwar erfuhr Du Bois davon erst nach Ablauf des Termins, als der Verwalter des Stipendiums sich darüber beklagte, daß niemand sich um das Stipendium beworben hatte. Du Bois schrieb an diesen Verwalter (es war der ehemalige Präsident der USA Rutherford B. Hayes) und erhielt das Stipendium trotz der verstrichenen Bewerbungsfrist. So durfte Du Bois an der damals vielleicht renommiertesten Universität der Welt, der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, studieren.

Du Bois verbrachte drei Semester 1892-1894 in Berlin, wo er unter Professoren wie Heinrich von Treitschke, Wilhelm Dilthey, und vor allem Gustav Schmoller studierte. Diese kurze Zeit hat, wie er später feststellte, sein Leben verändert. Seine Erlebnisse in Berlin überzeugten ihn, daß Rassendiskriminierung ein Produkt mangelnder Kenntnis und Ausbildung war; daß der beste Weg, Diskriminierung zu überwinden, dieser wäre: das Volk (sowohl das weiße als auch das schwarze) zu bilden; und daß man für diese Bildung am besten sorgen könne, indem man Material sammelte, Forschung über die Lage der Schwarzen im amerikanischen Süden sowie in den Ghettos betrieb, und dann diese Informationen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern veröffentlichte. Gustav Schmoller wollte damals den drohenden Klassenkrieg im kaiserlichen Deutschland durch ähnliche Schritte vermeiden. Im Grunde wollte Du Bois Schmollers Programm für Sozialreform auf Amerikas Rassenproblem übertragen.

Auch auf der persönlichen Ebene war der Aufenthalt in Berlin entscheidend für Du Bois’ Entwicklung. Hier übernahm er die Gewohnheiten eines deutschen Studenten: er ging mit Stock spazieren, trug immer Handschuhe, ließ sich den Bart im Stil des Kaisers schneiden - Gepflogenheiten, die er lebenslang beibehielt. “Es war etwas Außerordentliches für mich als ich 1892 hörte, wie die Deutschen die Nationalhymne sangen. Sie drückten eine Vaterlandsliebe aus, die ich als Neger niemals für Amerika gefühlt hatte [….] Alles, was ich über gutes Benehmen und höhere Kultur weiß, habe ich zuerst in Deutschland gelernt” (Die Schriften Du Bois’ sind auf Mikrofilm zugänglich; diese Rede befindet sich auf Mikrofilm 81,923 aus dem Jahre 1954). Am Wichtigsten aber war Du Bois’ Auffassung, die Europäer würden ihn einfach als Menschen akzeptieren. Er erlebte zwar, wie die Juden in Ungarn und die Polen in Deutschland diskriminiert wurden, meinte aber, von den Europäern selbst nicht diskriminiert zu werden; sie waren wegen seiner Hautfarbe eigentlich nur neugierig auf ihn. Ein gebildeter Schwarzer, der gut deutsch sprach und aus Amerika kam, war etwas Seltenes. Sein Leben in Berlin war das eines Paradiesvogels, könnte man fast sagen. Als die von ihm erwartete Diskriminierung ausblieb, kam Du Bois zu der Auffassung, daß Rassenhaß nicht - wie er gedacht hatte - etwas allen Weißen Angeborenes, sondern nur ein Phänomen der weißen Amerikaner sei. (1)

Du Bois wollte seinen Studienabschluß von der Berliner Universität bekommen, konnte es aber nicht, weil das Stipendium, auch nach einer Verlängerung, nicht für ein viertes Semester ausreichte. So kehrte Du Bois nach Amerika zurück, wo er dann der erste Schwarze war, der von der Harvard Universität den Doktorgrad bekam. Seine Karriere begann nun mit der Veröffentlichung des Buches Die Seelen des schwarzen Volks im Jahre 1904. Dies Buch, dessen Titel sich auf Fausts Worte “Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust” bezieht, ist seitdem immer wieder neu aufgelegt worden. Es ist eine Sammlung von Aufsätzen historischer, persönlicher, biographischer und soziologischer Art, mit einer brillianten Kurzgeschichte, alles von Zitaten aus Spirituals (den traditionellen Liedern der Schwarzen) sowie aus Goethe, Schiller, und Wagner (stets in der Originalsprache) durchsetzt.

Später wurde Du Bois Mitgründer der NAACP, heute noch die wichtigste Bürger-rechtsorganisation in Amerika; deren Zeitung “Die Krise” redigierte er jahrzehntelang. Er organisierte die ersten Pan-Afrikanischen Kongresse vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Der Schwerpunkt seiner Arbeit war zwar die USA, aber Du Bois dachte immer global, und dabei ließ er die Rolle Deutschlands in der Welt niemals außer acht. 1936 kam er wieder nach Deutschland zurück, angeblich um das System der technischen Ausbildung zu studieren, eigentlich aber um Berlin wieder zu sehen und aus erster Hand über die Aktivitäten der Nazis für schwarze Zeitungen in Amerika zu berichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Du Bois einer der stellvertretenden amerikanischen Abgeordneten bei der Gründung der UNO in San Francisco. Er kandidierte im Bundesstaat New York für einen Sitz im US Senat, und er veröffentlichte weiterhin zahlreiche Bücher und Artikel. Zu seinen Geburtstagsfeten in New York kamen Berühmtheiten wie z.B. Thomas Mann.

Mit zunehmendem Alter wurde Du Bois immer radikaler. Allmählich verlor er die Zuversicht, daß Bildung allein Rassenhaß beseitigen könne, und wollte eine tiefgreifende Umstrukturierung der kapitalistischen Gesellschaft. Er stellte sich öffentlich gegen den Kalten Krieg und die amerikanische Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion. Aus diesem Grunde wurde ihm sein Paß entzogen, und er wurde 1950 wegen angeblicher Tätigkeit für eine ausländische Macht angeklagt.

Du Bois mußte vorübergehend in Amerika bleiben, aber selbst nicht im Zeitalter McCarthys ließ er sich einschüchtern. Das trifft auch auf seine Ansichten über Deutsch-and zu. Wie viele Intellektuelle in der Nachkriegszeit, hielt Du Bois die DDR für das bessere, sozialistische Land. Die Westdeutschen waren nicht rigoros genug im Umgang mit den alten Nazis gewesen. Die DDR dagegen wurde nicht von ehemaligen Anhängern Hitlers, sondern von den Nachkommen der in den KZs Umgekommenen geführt, von den Erben Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts. Am 8. Oktober 1954 nahm Du Bois in New York am Gedenktag zur fünfjährigen Gründung der DDR teil; er eröffnete seine Rede mit den Worten: “Es gibt wenige Ortschaften auf Erden für die ich mehr liebevolle Zuneigung empfinde als die, die heute Ostdeutschland heißt” (2)

Nachdem er den Prozeß gewonnen hatte, wurde ihm der Pass wieder ausgehändigt, und Du Bois konnte ins Ausland reisen. 1958 bekam er eine Ehrenpromotion an der Karls-Universität in Prag sowie an der Humboldt Universität in Ostberlin. Zuvor wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in der DDR gewählt. In Berlin bekam er dann die Deutsche Friedensmedaille der DDR und lernte bei der Gelegenheit Arnold Zweig kennen. Vor Studenten der Humboldt Universität hielt er eine Rede über die Pan-Afrikanische Bewegung und traf sich wieder mit seinem Freund Stefan Heym und dessen Frau Gertrude Gelbin, die dann sein letzter Verleger zu Lebzeiten sein sollte. Heym schlug nämlich seiner Frau vor, eine Auswahl der Schriften Du Bois’ aus 50 Jahren herauszubringen, und Du Bois willigte sofort ein. Im DDR-Verlag Seven Seas, bei dem Gelbin als Redakteurin arbeitete, erschien das Buch "An ABC of Color" im Sommer 1963. (3)

Nach den erinnerungsreichen Tagen in Berlin flog Du Bois dann nach Moskau, wo er Chruschtchow traf, und weiter nach Peking, wo er mit Mao sprach. Du Bois war in diesen Ländern ein willkommener Gast, weil er eine der prominentesten Stimmen Amerikas gegen die Politik der USA war.

Als Du Bois schon ein alter Mann war, interessierte er sich für Methoden, das Leben zu verlängern. Aus diesem Grunde kam er für eine Behandlung nach Rumänien. Du Bois hielt sich gerade in Rumänien während der Berlin-Krise 1961 auf; von Bukarest aus nahm er öffentlich dazu Stellung. Am 15. Juli 1961 stellte er in einem kurzen Dokument die Frage: Sollte es einen Friedensvertrag mit Deutschland geben und die Beziehungen zu Berlin normalisiert werden? Seiner Ansicht nach war es “undenkbar”, daß die Teilung Berlins ewig sein sollte. Er sprach sich dafür aus, daß nach einem Friedensvertrag alle ausländischen Truppen die Stadt verlassen sollten und Berlin vereinigt werden sollte “mit fairen Regelungen für alle Einwohner, die da nicht leben möchten” (4); offensichtlich dachte er an eine Übernahme des Westteils der Stadt durch die DDR-Regierung. Du Bois klagte die kriegerische Politik der Westmächte an und sagte einen Dritten Weltkrieg voraus, wenn diese Politik nicht geändert werden sollte. (Man sollte die deutschsprachige Presse Rumäniens untersuchen, um herauszufinden, inwieweit sie von Du Bois Notiz genommen hat; eher zufällig befinden sich im Archiv der DDR-Akademie der Wissenschaften zwei kurzen Annoncen aus "Neuer Weg" - sicherlich gibt es mehr.) (5)

1961 wurde Du Bois Mitglied der Komunistischen Partei der USA. Dann folgte er einer Einladung aus Afrika und emigrierte nach Ghana. Hier arbeitete er an einem lange gehegten Projekt, der Enzyklopaedia Afrikana, die nach seinem Tode unvollständig blieb. 1963 starb Du Bois im Alter von 95 Jahren und wurde in Ghana begraben.
Die bei weitem wichtigste Veröffentlichung zu Du Bois in der DDR war die Übersetzung seiner Autobiographie ins Deutsche, die unter dem Titel Mein Weg, meine Welt 1965 in erster Auflage beim Dietz Verlag erschien. Die Umstände dieser Übersetzung sind merkwürdig. Denn die Autobiographie von Du Bois erschien nicht zuerst in englischer, auch nicht in deutscher, sondern in russischer Sprache. Das kam so: Du Bois machte sich Ende der 50er Jahre an die Arbeit, sein Leben zu Papier zu bringen. Bei seinem Tode lag das fertige Manuskript da. Wenig später, nach dem Coup d’etat in Ghana und dem Sturz Nkrumahs, gelangte es nach Moskau, wo es unter dem Titel Erinnerungen beim Verlag für Internationale Literatur erschien. Erst nach Veröffentlichung der russischen, chinesischen und deutschen Ausgabe erschien die englische Ausgabe beim linken Verlag International Publishers in New York.

Auf der vierten (nicht paginierten) Seite der deutschen Ausgabe liest man: “Originaltitel: A Soliloquy on Viewing my Life.” Dann “WASPOMI’NANYA”, das russische Wort für “Erinnerungen”. “Übersetzt von Erich Salewski. Für die deutsche Ausgabe gekürzt.” Aus dieser etwas rätselhaften Mitteilung wird nicht ganz klar, aus welcher Sprache Salewski übersetzte. Nach Auskunft des Dietz Verlags konnte Salewski sowohl aus dem Russischen wie auch aus dem Englischen übersetzen; für dieses Werk hat er die russische Ausgabe als Quelle benutzt aber auch das englische Manuskript hinzugezogen. Wahrscheinlich hat er das Manuskript vom Verlag für Internationale Literatur in Moskau bekommen, denn die englischsprachige Ausgabe war ja noch nicht erschienen.

Es handelt sich also um die Übersetzung einer Übersetzung, dazu eine gekürzte. Von Interesse ist die Frage, wo Salewski gekürzt hat und warum. Wenn man die deutsche und die amerikanische Ausgabe Zeile für Zeile vergleicht, ergibt sich folgendes:

Einerseits hat Salewski durchaus vertretbare Kürzungen vorgenommen. Langweilige Einzelheiten, die sich etwa auf Geldausgaben oder rechtliche Fragen beziehen, fallen weg, sowie langatmige Wiederholungen und Stellen, wo der Sinn selbst für einen Englisch-Muttersprachler nicht klar ist. Du Bois lies sich manchmal vom schönen Klang seiner gewaltigen Rhetorik berauschen, und achtete dann nicht übermäßig auf den genauen Inhalt seiner Aussage. Wir dürfen nicht vergessen, daß Du Bois keine Gelegenheit hatte, letzte Hand an das Werk vor der Veröffentlichung zu legen. Insbesondere sein Lektor hätte gut daran getan, solche Passagen zu tilgen, und diese Aufgabe übernahm Erich Salewski an seiner Statt.

Andererseits findet man auch Kürzungen, die sich so nicht erklären lassen. In der US-Ausgabe hat die Autobiographie 25 Kapitel, in der deutschen nur 20; die 5 ersten Kapitel sind gestrichen. Ihre Themen: Seine 15. Auslandsreise, Westeuropa, Osteuropa, die Sowjetunion und China. Auch ein Kapitel mit der Überschrift “Kommunismus” wurde stark gekürzt. Warum? Ein Blick in die russische Ausgabe zeigt, daß diese Kapitel dort vorhanden sind, politisch waren sie also nicht so verdächtig, daß man sie ganz weglassen mußte; die paar kritischen Bemerkungen über Dienstleistungen und Zensur, die Du Bois in seiner Lobeshymne auf die Sowjetunion einstreute, hätte Salewski nach dem Vorbild der russischen Übersetzer einfach streichen können. Der Grund, warum die Kapitel ganz fehlen, hängt offenbar mit der Verkaufsstrategie des Dietz-Verlags zusammen. In der DDR gab es genug Werke über Europa, die Sowjetunion und China, man mußte nicht Du Bois lesen, um etwas darüber zu erfahren. Was Du Bois interessant machte, war der lange Weg eines Schwarzen durch die Diskriminierung in Amerika bis zu seiner Mitgliedschaft in der KPdUSA. Also beginnt die Übersetzung nach einer kurzen Einleitung gleich mit dem Kapitel über Kindheit und Jugend, das bei Du Bois erst im sechsten Kapitel kommt. Mit dieser radikalen Kürzung machte man das Werk erstens weniger umfangreich, was bei dem notorischen Papiermangel in der DDR nicht unwichtig war; zweitens konnte man, eben weil es nicht so lang war, das Buch preiswerter anbieten. (6) Diese Rechnung ging auch auf: "Mein Weg, meine Welt" konnte in zweiter und sogar in einer dritten Auflage “für die kleine Hausbibliothek” (für Mitglieder eines Buchklubs also) erscheinen.

Es gibt aber auch andere Kürzungen, die eindeutig politisch oder besser gesagt ideologisch motiviert sind. Du Bois kam aus einer religiösen Familie; obwohl er als Student in Deutschland zu einem “Freidenker” geworden war, hat seine Sprache den Wortschatz aus dem Bereich der Religion stets beibehalten. Dieser Wortschatz ließ sich nicht ganz in der Übersetzung tilgen, aber wo Du Bois von einem “Kreuzzug” oder vom “Märtyrertod” spricht, findet der deutsche Übersetzer ein anderes Wort, das nicht religiös gefärbt ist, oder er umschreibt den ganzen Satz.

Gewisse Länder waren für den Übersetzer problematisch. Pauschal läßt sich sagen: Du Bois’ gelegentliche Worte der Kritik an die Sowjetunion wurden gestrichen; die meisten Hinweise auf China wurden gestrichen oder umgeschrieben, so daß man statt des Namens dieses Landes “und andere sozialistische Länder” zu lesen bekam; die Zeit der Verstimmung zwischen der Sowjetunion und China hatte bereits begonnen. Positive Äußerungen von Du Bois über die USA wurden oft gemildert oder gestrichen. Als Du Bois schrieb: “Holland ist eine kleine und wohlgeordnete Pfütze”, machte der deutsche Übersetzer daraus den viel einfallsloseren Satz: “Holland ist ein kleines und wohlgeordnetes Land”. Gewisse Personen durften auch nicht genannt werden. Wo Du Bois etwa schrieb: “die Geschichte des Marxismus und des von Lassalle, Bernstein und Bakunin propagierten Revisionismus war für einen Studenten [...] schwer zu verstehen”, fehlt in der deutschen Übersetzung der Name Bakunin; statt dessen liest man von dem von Lassalle, Bernstein “und anderen” propagierten Revisionismus . (7)

Das Recht auf Reisefreiheit war schon vor dem Bau der Mauer ein heikles Thema gewesen, und manche Hinweise darauf wurden 1965 aus Du Bois’ Text gestrichen. Überraschender vielleicht sind die Kürzungen auf einem anderen Gebiet: die Darstellungen der Persönlichkeit und des Privatlebens von Du Bois. Dieser Mann litt gewiß nicht an Selbstunterschätzung, aber wenn sein Ich manchmal zu stark in den Vordergrund trat, meinte der deutsche Übersetzer Formulierungen finden zu müssen, die weniger egoistisch als in der Originalfassung klingen. Du Bois gestand auch, daß er den Puritanismus seiner Erziehung in Neu England nur schwer hatte überwinden können; dieser Puritanismus wird vom Übersetzer zum Teil wieder eingeführt. Ein Absatz über die Homosexualität eines seiner Mitarbeiter wurde gestrichen. Die Beziehung zu einem Ladenmädchen während seiner Studienjahre in Berlin wurde stillschweigend entfernt, sowie Du Bois’ Selbstanklage, daß er ihr Leben vielleicht ruiniert habe. In all diesen Streichungen folgte der deutsche Übersetzer dem Beispiel seiner russischen Vorgänger. Daß gerade solche Stellen gekürzt wurden, die mit seinem Privatleben und seiner Persönlichkeit zu tun haben, ist um so überraschender, weil sie von Jürgen Kuczynski in seinem Vorwort zu der Dietz-Ausgabe besonders hervorgehoben sind.

Ähnliches passierte in Presseberichten über Du Bois in der DDR. Es würde zu weit führen, das Bild von Du Bois in der DDR-Presse zu besprechen. Nur ganz kurz läßt sich feststellen, daß auch hier eine Darstellung von Du Bois bevorzugt wurde, die politisch angenehemer war als die wirklichen Tatsachen. Es wurde z.B. immer wieder hervorgehoben, daß Du Bois bei einer Veranstaltung während seines Studiums in Berlin August Bebel erlebt habe; manchmal wurde das zu einem Schlüsselerlebnis in seinem Leben hochstilisiert. Dagegen wurde der Einfluß von Menschen, die eine viel bedeutendere Rolle spielten, wie etwa Professor Schmoller, selten oder überhaupt nicht erwähnt. Der Kathedersozialist Schmoller war am Ende doch zu konservativ, preußisch-monarchistisch orientiert, um in das DDR-Bild der Person Du Bois’ zu passen. Sein Beitritt in die KPdUSA wurde als logische Krönung einer langen Entwicklung dargestellt, und in dieses Bild paßte August Bebel eben besser als Gustav Schmoller.

Die Verdienste der Kulturpolitik der DDR um Du Bois sind echt und sollten nicht geschmälert werden. Als der schwarze Bür-gerrechtsberater William Patterson in einem Brief an die DDR Akademie der Wissenschaften Anfang Dezember 1957 schrieb, niemand in Amerika würde Notiz von Du Bois’ 90. Geburtstag nehmen, hatte er durchaus recht, zumindest was das Establishment betraf. Nach dem Prozeß gegen Du Bois wegen Tätigkeit für eine ausländische Macht war es still um ihn in Amerika. Es wurde noch stiller, als er Mitglied der Partei wurde. In dieser Zeit hatte Du Bois wenig Freunde im öffentlichen Leben der USA. Der Beistand von Freunden in Afrika und in den sozialistischen Staaten war buchstäblich lebensnotwendig für Du Bois in den letzten Jahren seines Lebens. Die Unterstützung der DDR war ein wichtiger Teil dieser Hilfeleistung. Schade nur, daß die DDR - wie die Sowjetunion - nicht im Stande war, Du Bois so zu nehmen, wie er war, mit all seinen Widerspüchen und unbequemen Ansichten, sondern glaubte, wegen ideologischer Gebote des Kalten Krieges sei es nötig, ein frisiertes, zurechtgerücktes Bild von Du Bois zu liefern.


ANMERKUNGEN:

(1) Mehr zu dem Thema Du Bois als Student in Berlin bei: Hamilton Beck, W. E. B. Du Bois as a Study Abroad Student in Germany, 1892-1894, in: Frontiers: The Interdisciplinary Journal of Study Abroad, Fall 1996, Vol. 2, Nr. 1, und den dortigen Angaben.

(2) Mikrofilm Nr. 18, 921 ff.

(3) Mehr zum Thema Du Bois in Ostberlin 1958 bei: Hamilton Beck, Censoring Your Ally: W.E.B. Du Bois in the GDR, in: Crosscurrents: African-Americans, Africa and Germany in the Modern World (Camden, South Carolina: Camden House, im Druck).

(4) Mikrofilm 83, 721.

(5) Neuer Weg, 21. März 1958, Nr. 2771, berichtet, daß Du Bois dabei war, Die schwarze Flamme zu vollenden; der erste Teil des Romans war soeben unter dem Titel Die Prüfung Mansarts erschienen. Neuer Weg, 29. August 1963, Nr. 4456, bringt einen kurzen Nachruf auf Du Bois.

(6) Manuskript 12, 80

(7) Mein Weg, meine Welt, S. 167

 

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Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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