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Hans Bergel 75 - Skizze eines Kulturhorizonts

 

George Guþu

Vielleicht fragt sich der eine oder der andere unter Ihnen: Wieso kommt ein Professor der Germanistik aus Bukarest nach Deutschland, um dem in München lebenden Schriftsteller Hans Bergel zum 75. Geburtstag die Laudatio zu halten? Aber auch: Warum hält ein Rumäne die Geburtstagslobrede für einen Deutschen? Die Antwort auf diese oder auf eine ähnliche Frage ist zunächst sehr allgemeiner Natur und lautet: Es liegt im Wesen des Buches und der Literatur überhaupt, über eine jeweilige Sprache hinaus international zu sein. Der Geist einer Schrift läßt sich nicht an eine Sprache binden, und die guten Bücher der Weltliteratur sind unser aller Besitz. Und da den Bukarester Literaturprofessor George Guþu mit dem am 26. Juli 1925 in Kronstadt geborenen Erzähler, Essayisten, Lyriker, Journalisten und Herausgeber Hans Bergel die Literatur verbindet, wird jede Frage gegenstandslos, die in der angesprochenen Konstellation einen Grund zur Verwunderung sehen könnte. Über das Allgemeine hinaus aber verbindet die beiden ein sehr konkreter Umstand. Denn aus dem Werk des siebenbürgischen Deutschen – das bisher aus 29 Buchtiteln, aus Beiträgen in fast 50 weiteren Büchern, aus einer Menge an journalistischen und Rundfunktexten besteht – übersetzte der Bukarester Professor einiges ins Rumänische. Damit erübrigt sich eine weitere eventuelle Frage, nämlich: Was schon weiß der südlich der Karpaten lebende Guþu über den nördlich der Alpen lebenden Bergel?

Nun, ich weiß ziemlich viel über Hans Bergel, denn die beiden Romane, die ich bisher von ihm übersetzte, sind wie so vieles, was dieser Autor schrieb, zugleich auch autobiographische Dokumentationen. Das gilt sowohl für den Roman "Der Tanz in Ketten", der unter dem Titel "Dans în lanþuri"[1] im Jahr 1994 in Kronstadt erschien, als auch für den Roman "Wenn die Adler kommen", der 1998 in Bukarest unter dem Titel "Când vin vulturii" veröffentlicht wurde[2]. Wer "Der Tanz in Ketten" und "Wenn die Adler kommen" liest, erfährt nicht nur bis ins Detail sehr viel über bestimmte Epochen des 20. Jahrhunderts, er gewinnt zugleich auch einen persönlichen Einblick in Hans Bergels privates Schicksal. Und er erfährt von diesem deutschen Autor wie von extrem wenig anderen in dieser Sprache Wesentliches über Südosteuropa, nicht zuletzt über Rumänien nördlich und südlich der Karpaten, über die Menschen, die in vielsprachiger, nicht selten dramatischer Gemeinschaft dort lebten und leben, über historische Situationen, in die sie hineingezogen wurden, über Lebens- und Denkgewohnheiten, aber auch über die Natur jener Gegenden, die Bergel von den Karpaten bis zum Schwarzen Meer und darüber hinaus zu beschwören weiß, und über den Geist der Geschichte, der Kultur und der Kunst, der dort waltet.

Und eben dies rechtfertigt in einer besonderen Weise meine Präsenz hier als Redner bei diesem Festakt. Hans Bergels weitgespannte und präzise Kenntnis der uralten Kulturlandschaften des Südostens – ihr Alter reicht zumindest bis in die griechische Antike zurück – und eine starke Bindung an diese Landschaften machen sein schriftstellerisches Werk jedem ihrer Bewohner zugänglich, ja, dies Werk ist ein Spiegel, den der deutsche Autor dem nichtdeutschen Südosteuropäer vor die Augen hält. Und daher behaupte ich: dies Werk gehört nicht nur zur deutschen Literatur, sondern ist zugleich Bestandteil der gesamten südosteuropäischen Literatur. Als ich die Romane "Der Tanz in Ketten" und "Wenn die Adler kommen" ins Rumänische übertrug, überkam mich das Gefühl, daß ich zwei Epen in ihre eigentliche Sprache rückübersetzte. So authentisch mutete mich die Schilderung der Menschen und der spezifischen Handlungsvorgänge an, so echt erschien mir die Daseinsatmosphäre eingefangen und so überwältigend vertraut erstanden die Landschaften vor mir, die Bergel beschreibt. Wenn der vor einigen Jahren verstorbene Literatur- und Kulturkritiker Ernst Schremmer über Bergels Kunst der Landschaftsschilderung schrieb: in Bergels Büchern "riecht man die Karpatenwälder und das Wasser der wilden südöstlichen Flüsse"[3], so kann ich das hinsichtlich der Kunst und der Gabe dieses Autors, generell die Charakteristika eines Milieus genau zu beobachten und sprachlich zu erfassen, aus meiner Leser- und Übersetzererfahrung nur bestätigen.

Ob Bergel nämlich eine Erzählhandlung in ein Bukarester Vorortviertel, ins Mãlãieºter Gletschertal oder ins alte Hermannstadt verlegt, ob er seine geliebte Vaterstadt Kronstadt porträtiert, ob er einen Sturm an der Dobrudschaküste des Schwarzen Meeres nachzeichnet oder ein zigeunerisches Liebes- und Fluchgedicht ins Deutsche übersetzt, ob er den Mönch in der Butschetsch-Einsie-delei, den Zigeuner im Gefängnis von Jilava oder die Studentin Stella an der Bukarester Universität der vierziger, fünfziger Jahre schildert: er ist immer mit jener Meisterschaft am Werk, die dem Gegenstand die poetische Authentizität des Ortes verleiht, um den es sich gerade handelt. Erst vor kurzem bewies er dies Können von unerwarteter Seite her wieder – als er ein Fragment aus dem zweiten Band des Romans "Wenn die Adler kommen" veröffentlichte: darin ist Paris so lebendig erfühlt, als hätte Bergel immer schon in Paris gelebt.

Hans Bergels tiefe Zuneigung und Zuwendung zu den südöstlichen Landschaften seiner Geburt, seiner Herkunft und seines Ausgangs, von der ich hier als Rumäne mit besonderer Sympathie sprechen darf, bestimmt aber im bisherigen literarischen Werk des 75jährigen nicht nur vieles in den epischen Texten – in den Erzählungen, Novellen und Romanen -, auch sein umfangreiches essayistisches Werk trägt über weite Strecken dieses Merkmal, auch daraus wurde – von Mariana Lãzãrescu – manches ins Rumänische übersetzt[4] und erschien bei uns in Rumänien in Buchform, in Zeitungen und Zeitschriften. Und auch auf dieser Ebene erweist sich Bergels innere Verbundenheit mit dem Südosten zugleich als emotionell sehr stark, wie sie von ungewöhnlicher intellektueller Substanz ist. Rund ein Dutzend Essaybände veröffentlichte Bergel bisher, und nicht zufällig trägt einer von ihnen den Untertitel "Südöstliche Bilder und Begegnungen"[5], ein anderer den Untertitel "Südosteuropäische Porträts"[6] usw. Denn mit der gleichen Professionalität und Originalität, mit der dieser Autor zum Beispiel im Jahre 1999 über "Goethe und die Deutschen"[7], 1993 über "Goethe und Kleist"[8] oder 1985 über Musik[9] in wichtigen Essays schrieb, tat er dies 1995 in einer komparatistischen Studie auch über die rumänischen Philosophen Lucian Blaga und Emil Cioran[10] mit solcher Eloquenz, daß die Arbeit ins Rumänische und ins Französische übersetzt wurde. In einem Essay über "Die Metaphysik des siebenbürgischen Dorfes"[11] machte er sich Gedanken vor allem über die ungarische und rumänische Dorfliteratur aus einem neuen Blickwinkel – und die Arbeit erfuhr sogleich eine Übersetzung ins Ungarische. Doch auch die geistige Diktion, mit der er in Studien über die Lyriker Moses Rosenkranz[12] und Manfred Winkler[13] jüdische Spiritualität in ihrer südosteuropäischen Ausprägung analysierte, erfuhr ebenfalls breite Anerkennung.

Dabei taucht in den acht Bänden erzählender Prosa und in dem Dutzend Essaybände von Hans Bergel immer wieder leitmotivisch ein Archetypus auf – der Hirte. Er wird für Bergel zur Urgestalt, zum Urbild südöstlicher Existenzstimmung, ja, sogar zur Symbolfigur des Südostens. In der als dreiteilige Rundfunksendung 1994 ausgestrahlten Analyse "Über die Zerrissenheit und Einheit Südosteuropas"[14] ging er den von der Gestalt des Hirten bestimmten Volkskulturen von Kreta bis Pannonien, vom Pelopones bis ins Donaudelta, von der Adria bis in die Beskiden in einer imposanten Deutung nach. Tanz, Lied und Kleidung, Geschichte und Mythos, Philosophie und Kunst, Dichtung und Literatur wurden von ihm auf ihre Verwurzelung in der Hirtenarchaik dieses großen europäischen Kulturraumes bis hin zur philosophischen Aphoristik Emil Ciorans oder den Romanen des Bosniers Ivo Andriè[15] und der Lyrik des Griechen Odysseas Elytis[16] untersucht. Das Kulturpanorama, das Bergel dann aus den Ideen und Intuitionen seiner südöstlichen Geistesschau heraus entwirft, ist kühn und hat in dieser Art nicht seinesgleichen, es gehört zum "Beachtlichsten, was in unserer Zeit an kulturhermeneutischer Literatur über Europas Südosten verfaßt wurde", wie der Rundfunkjournalist und -kritiker Hans-Ulrich Engel 1994 schrieb[17].

War aber nicht schon die ideelle Hauptgestalt des 1977 zum ersten Mal, seither mehrfach neuaufgelegten Romans "Der Tanz in Ketten" ein Hirte gewesen? Und sind nicht die schönsten Passagen in dem 1985 in Buchform erschienenen Essay "Der Tod des Hirten"[18] diejenigen, in denen Bergel über seine tiefgründige, bis zu Platons Ideenlehre zurückweisende Gesprächsbegegnung mit dem alten Hirten im Vrancea-Gebirge berichtet? Im Roman "Wenn die Adler kommen" vollzieht sich an einer Hirtenfamilie im Butschetsch-Massiv die unerbittliche Wucht des allmächtigen Schicksals. Im Bild- und Essayband "Siebenbürgen. Bilder einer europäischen Landschaft"[19] von 1980 beschäftigt sich Bergel in einem Text von ergreifender poetischer Dichte mit dem Hirten. Nicht unerwähnt bleiben darf aber hier einer der am häufigsten nachgedruckten Texte Bergels mit südöstlichem Motiv: das Landschafts- und Kulturgemälde "Dunja, die Herrin. Erinnerungsbilder aus dem Donaudelta"[20] – einer der besten Texte, der diesem fruchtbaren Autor glückte. Und da ich selbst am Ufer der Dunja, in unmittelbarer Nähe des Donaudeltas aufgewachsen bin, kann ich mir umso mehr auch als Literaturwissenschaftler ein Urteil erlauben – und damit wäre ein weiteres Argument dafür genannt, daß ein Rumäne die Laudatio auf Hans Bergel hält. Ich könnte Ihnen noch manches aufzählen aus dem Oeuvre dieses Südosteuropäers – der Bergel im Grunde bis heute blieb -, wo vom hirtenhaft naturnahen Menschen als Zentralgestalt seines literarischen Universums die Rede ist, sofern sich dies aus südöstlicher Thematik speist.

Nun ist aber die Südost-Thematik nicht allein auf den unmittelbaren geographischen Ausgangsraum Hans Bergels, das heißt auf die karpatisch-danubischen Regionen beschränkt. In allem, was dieser genuine Erzähler und glänzende analytische Essayist jemals niederschrieb, sind die Lust an der Horizontausweitung und der Hunger nach neuen Ufern spürbar.

Neben jener Schilderung der Karpaten im "Siebenbürgen"-Bildband, die kein geringerer als Wolfgang Schwarz voller Bewunderung "monumental"[21] nannte, neben dem der Donaumündung gewidmeten "Dunja"-Text oder jener an die antike Schicksalstragödie angelehnten erschütternden Novelle "Das Venusherz"[22], die vom Literaturhistoriker Horst Fassel 1987 als eine "Novelle klassischer Prägung und Prägnanz" gewertet wurde[23], gibt es eine ganze Reihe weiterer Texte Bergels, die über die regionale Herkunftsgeographie hinaus und in den Großraum Südosteuropa hinein weisen. So etwa, wenn er im Essay "Die Vollendung der Landschaft"[24] die geniale Baukultur der antiken Griechen anhand von Thesen betrachtet, die einen neuen Blickwinkel erschließen, wenn er die Kunst der Skythen deutet, die sarazenische Architektur in den formalen Grundelementen aus der Reitergeschichte der Araber erläutert oder dem unerhörten Schicksal des sizilianischen Physikers Ettore Majorana nachspürt, usw.

Doch auch in Hans Bergels Lyrik scheint diese äußere und innere Weiträumigkeit und diese seit Jahrtausenden kulturgesättigte Mitteilungskraft des Südostens immer wieder auf, den er in einem Gedicht "das Wohnland meiner Seele"[25] nennt. Schrieb er auf der einen Seite Gedichte wie "Brief aus den Südkarpaten", "Sankt-Annen-See in den Ostkarpaten", "Steppe am Schwarzen Meer" oder "Siebenbürgische Passion", so gibt es auf der anderen Seite Gedichte, die sich der gesamten südöstlichen Dimension zuwenden und sich in die Vision der Welt vom "östlichen Fenster" her eingliedern, die kein geringerer als Paul Celan meisterhaft vorwegnahm. Hören Sie als Beweis für die südöstliche Dimension der Lyrik Hans Bergels nur einige Gedichttitel: "Odysseus bleibt bei den Sirenen", "Sizilianische Wasserträgerin", "Sommermittag in Delphi", "Herbst auf Delos", "Naxos" etc. Und in zwei lyrischen Zyklen mit dem Titel "Israelische Trilogie" I und II – von denen die erste 1999 in Israel in hebräischer Sprache erschien[26] – beschwört er biblische Leitgestalten. All dies geht weit über die Bildungsbeflissenheit deutscher Dichtung hinaus, die sich auf den klassischen Mittelmeerraum beschränkt: Für Bergel ist die Komplexität des südöstlichen Raumes größer und homogener. Er definiert ihn in den Essays mit einem ihm oft attestierten konkreten Wissen, er entwirft ihn in farbenstarken Gemälden seiner erzählenden Prosa – man denke nur an die Königin-Saba-Episode in "Wenn die Adler kommen" – und gestaltet ihn in seiner Lyrik.

In dem 1981 erschienenen Kunstbuch über den in Österreich lebenden, aus Siebenbürgen stammenden Maler Johannes Schreiber[27] sprach Hans Bergel von den "frühen südöstlichen Farbenprägungen" in Schreibers Malerei. Das heißt, er wies nach, daß bestimmte, für Johannes Schreiber charakteristische Farbenvaleurs auf südöstliche Kindheitseindrücke des Malers zurückgehen. Oscar Walter Cisek, der Bukarester Novellist, Romancier, Lyriker und Kunstkenner, dem Bergel im Buch "Der Tod des Hirten"[28] ein literarisches Denkmal setzte, machte schon 1958 auf "die Augengier des Erzählers Hans Bergel"[29] aufmerksam. Nun, ich meine, daß auch bei dem sehhungrigen und beobachtungsbesessenen Hans Bergel "frühe südöstliche Prägungen" sehr stark gewesen sein müssen. Denn wie anders erklärt sich diese Hinneigung des seit über drei Jahrzehnten in Deutschland lebenden, die Welt bereisenden Schriftstellers zum südöstlichen Europa? Wie anders erklärt sich sein geradezu existentielles Bedürfnis, die Kulturgesichter des Südostens suchend und deutend immer wieder zu umschreiben? Wer sein bisher letztes Buch in die Hand nimmt – es heißt "Gesichter einer Landschaft. Südosteuropäische Porträts aus Literatur, Kunst, Politik und Sport" und erschien 1999[30] -, findet unter den 22 literarischen Porträts Deutsche, Rumänen, Juden, Ungarn, die alle eine Gemeinsamkeit aufweisen: sie stammen aus Europas Südosten. Gregor von Rezzori ebenso wie Lucian Blaga, András Sütö ebenso wie Moses Rosenkranz, Erich Bergel ebenso wie die berühmten Zeitgenossen des Humanisten Honterus. Aber sie alle haben über die gemeinsame Geographie hinaus auch das gemeinsame südöstliche Timbre des Daseinsbegriffs, des Welt- und Lebensgefühls. Gemessen an der unterschiedlichen nationalen Herkunft der Porträtierten begreift Bergel die kulturelle Prägung als die stärkere Kraft. "Das Nationale trennt", schreibt er, "das Kulturelle eint."[31] Dennoch, dürfen Bergels siebenbürgische Landsleute unbesorgt bleiben. Denn in der Literatur der letzten Jahrzehnte hatten sie von der politischen Publizistik bis zur Belletristik hin keinen besseren Sachwalter als ihn. Und wie kein zweiter deutscher Autor Siebenbürgens vor ihm sieht er die Siebenbürger Sachsen in der historischen Perspektive als einen lebendigen Teil der Biographie Südosteuropas – eines geistig großräumigen, geschichtlich viel weiter gespannten, kulturell viel facettenreicheren, in den Mythen abgründigeren Südosteuropa als es den meisten bewußt ist.

Vor einem halben Jahr veröffentlichte Hans Bergel in einer deutschen Kunst- und Literaturzeitschrift einen Essay kultuphilosophischen Inhalts unter dem Titel "Europas kontrapunktische Kultureinheit. Die Deutschen und der Geist Ost- und Südosteuropas"[32]. Mit gedanklicher Schärfe und sprachlicher Brillanz geht Bergel darin der Feststellung nach, daß die westeuropäisch und transatlantisch orientierten Deutschen – so wörtlich – vergessen hätten, was sie "der kontinentalen Balance" schulden. Das heißt, die Deutschen scheinen sich ihrer einst "großen Tradition des Austauschs mit den östlichen und südöstlichen Kulturpotentialen nicht mehr ganz bewußt" zu sein. Darin erblickt er eine Gefahr für die Zukunft Europas. Und so gerät sein Essay zu einem fulminanten Plädoyer für die Erinnerung an die immensen geistigen Reservoire des Ostens und Südostens – doch das muß im einzelnen nachgelesen werden. Was mir als Abschluß meiner skizzenhaften Ausführungen und Andeutungen zur südosteuropäischen Komponente in Bergels literarischem Werk zu sagen ein Anliegen ist, läßt sich kurz so formulieren: Gerade dieser Text enthält die auf einen knappsten Nenner gebrachte Summe der Gedanken, Visionen, Entwürfe und Hinweise, die dieser Autor zeit seines Lebens von der kontrapunktischen Kultureinheit unseres Kontinentes artikuliert hat. Zu Europa gehört für ihn nicht nur Rom, die Toskana und die französische Gotik, sondern ebenso Byzanz, der Berg Athos und die russische Ikonenmalerei; für ihn ist Europa nicht nur die Großartigkeit der romanischen Dome, sondern zugleich die Intimität der nordmoldauischen Klöster; er versteht Europa nicht allein als lateinisch-abendländisch aufgeklärte Extravertiertheit, sondern zu gleichen Teilen auch als morgenländisch-christliche Introvertiertheit; zu Europa gehören für ihn die Völker- und Kulturbegegnungen und -überscheidungen, der Dialog der Regionen und die allgemeine Akzeptanz des Contrapunctus als Voraussetzung vielfältigen geistigen Reichtums.

Für diesen leidenschaftlichen Aufruf zur Einbindung des allzulange zwangsisolierten Ost-Südosteuropa in die Kultureinheit Europa danke ich, der Südosteuropäer, dem Romancier, Novellisten und Essayisten Hans Bergel an diesem Tag mit besonderem Nachdruck und wünsche ihm weiterhin volle Schaffenskraft.


 

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Anmerkung:

Vorliegender Aufsatz erschien auch in:

- Südostdeutsche Vierteljahresblätter, München, 49. Jg., Folge 3, 2000, S. 224-229;

- Neue Kronstädter Zeitung, München, 15. Sept. 2000, S. 5

 

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*) Diese Laudatio hielt der Verfasser am 29. Juni 2000 im Haus des Deutschen Ostens in München.

[1] Hans Bergel, Dans în lanþuri. Roman. În româneºte de George Guþu, Editura Arania, Braºov 1994.

[2] Hans Bergel, Când vin vulturii. Roman. Traducere din limba germanã de George Guþu, Editura Fundaþiei Culturale Române, Bucureºti 1998.

[3] Ernst Schremmer, Neue Bücher über Osteuropa. Süddeutscher Rundfunk, Südfunk 2, 17.02.1978.

[4] Hans Bergel, Întoarcerea lui Ulise. Un poem de Radu Gyr ºi opt eseuri. Prefaþã de Peter Motzan, traducere de Mariana Lãzãrescu, Editura Arania, Braºov 1995. – Hans Bergel, Pe strãzile foamei dupã cunoaºtere, traducere din limba germanã de Mariana Lãzãrescu. In: Revista de Culturã Astra, Nr. 10 (13), octombrie 1999, Braºov, etc.

[5] Hans Bergel, Gestalten und Gewalten. Südöstliche Bilder und Begegnungen. Essays, Vorträge, Aufsätze. Wort und Welt Verlag, Innsbruck, 21983.

[6] Hans Bergel, Gesichter einer Landschaft. Südosteuropäische Porträts aus Literatur, Kunst, Politik und Sport. Edition Wort und Welt, München 1999.

[7] Hans Bergel, Goethe und die Deutschen. Einseitige Gedanken zu einem Geburtstag. In: Die Künstlergilde, 4. Folge, Esslingen 1999.

[8] Hans Bergel, Goethe und Kleist. Erscheinungen deutschen Selbstbegreifens. In: MUT, Nr. 312, August 1993. Auch in: Hans Bergel, Zuwendung und Beruhigung. Anmerkungen eines Unbequemen, Wort und Welt Verlag, Innsbruck 1994, und: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, 3, München 1999.

[9] Hans Bergel, Frau Musica. Versuch einer Erklärung des Unerklärbaren. In: Erkundungen und Erkennungen. Notizen eines Neugierigen, Verlag des Südostdeutschen Kulturwerks, München 1995.

[10] Hans Bergel, Lucian Blaga und Emil Cioran. Kontrapunkt und Kulturkomplexität. In: Gesichter einer Landschaft, Edition Wort und Welt, München 1999.

[11] Hans Bergel, "András Sütö. Von der 'Metaphysik des Dorfes'". In: Gesichter einer Landschaft, a.a.O.

[12] Hans Bergel, Unverwechselbarkeit dichterischer Sprache. Moses Rosenkranz' lyrische Jahrhundertbekundungen. In: Moses Rosenkranz, Bukowina. Gedichte 1990-1997, Rimbaud Verlag, Aachen 1998.

[13] Hans Bergel, Nachwort zu: Manfred Winkler, Unruhe. Gedichte, Verlag des Südostdeutschen Kulturwerks, München 1997.

[14] Hans Bergel, Über die Zerissenheit und Einheit Südosteuropas. Versuch der Erkundung eines Raumes und seiner Völker. Bayerischer Rundfunk, Folge I, 13. 06.1994, Folge II, 22.06.1994, Folge III, 25.071994, München. Auch in: Hans Bergel, Erkundungen und Erkennungen, a.a.O.

[15] Ivo Andriè (1892-1975), serbischer Schriftsteller (Die Brücke über die Drina, 1945, Wesire und Konsuln, 1954), u.a.

[16] Odyseea Elytis (1911-1996), griechischer Lyriker (Sporades, 1938, Lieder der Liebe, dt. 1981, Mit offenen Karten, dt. 1986), etc.

[17] Hans-Ulrich Engel, Östliche Facetten. In: Gehört gelesen, 40. Jg., Mai 1994, München.

[18] Hans Bergel, Der Tod des Hirten. Erfahrungen im Umgang mit der Sprache. Essay. Wort und Welt Verlag, Innsbruck 1985.

[19] Hans Bergel, Siebenbürgen. Bilder einer europäi-schen Landschaft. Essay- und Bildband. Wort und Welt Verlag, Innsbruck 1980. Auch englisch: Siebenbürgen. A picture Book of Transilvania.Wort und Welt Publications Limited, Innsbruck 19982.

[20] Hans Bergel, Dunja, die Herrin. Erinnerungsbilder aus dem Donaudelta. Akademie für das Grafische Gewerbe, München 1982. Auch In: Süddeutsche Zeitung, München Osterausgabe 2./3./4. April 1998, S. 99, und in: Zuwendung und Beruhigung. Anmerkungen eines Unbequemen. 32 Essays und ein Gespräch. Mit einem Vorwort von Peter Motzan. Wort und Welt Verlag, Innsbruck 1994. Ebenso in: Wortreiche Landschaft. Deutsche Literatur aus Rumänien. Hg. v. Renate Florstedt, Förderverein BlickPunktBuch, Leipzig 1998.

[21] Wolfgang Schwarz, Siebenbürgen als symbolische Welt. In: Kulturpolitische Korrespondenz, Juni, Bonn 1980.

[22] Hans Bergel, Das Venusherz. Erzählung. Verlag Schumacher-Gebler, München 1987.

[23] Horst Fassel, "…daß dies nicht unverlierbar und selbstverständnlich ist." Die Erzählung "Das Venusherz" in einmaliger Ausgabe. In: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, 4, München 1997.

[24] Hans Bergel, Zwingende Gestalt. Gedanken über hellenische Baukunst. In: Rhein-Neckar-Zeitung, 8./9.02.1986, Heidelberg.

[25] Hans Bergel, Gastmahl bei Ganymed. In: Im Spieggellicht des Horizonts. Gedichte und Nach-dichtungen, Verlag des Südostdeutschen Kulturwerks, München 1996.

[26] Hans Bergel, Israelische Trilogie. Ins Hebräische übersetzt von Manfred Winkler. In: Mosaik, 41/1999, Jerusalem.

[27] Hans Bergel, Johannes Schreibers Aquarelle, Kunstverlag Friedrich Karrer, Linz 1981.

[28] Hans Bergel, Der Tod des Hirten, s. Anm. 18.

[29] Oskar Walter Cisek, Brief an Hans Bergel vom 17. September 1957. (Original im Besitz des Empfängers.)

[30] Gesichter einer Landschaft…, a.a.O.

[31] Interview mit Mihaela Stroe. In: Revista de Culturã Astra, 6/2000, Braºov/Kronstadt.

[32] Hans Bergel, Europas kontrapunktische Kultureinheit. Die Deutschen und der Geist Südosteuropas. In: Die Künstlergilde, 3. Folge/1999, Esslingen.

 

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