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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 333-341

 

 

DER BEITRAG STEFAN BINDERS ZUM BANATER DEUTSCHEN MUND-ARTWÖRTERBUCH

 

Hans Gehl

 

1. Stefan Binders Weg zum Banater deutschen Mundartwörterbuch

Der Temeswarer Hochschullehrer wurde am 30.06.1907 in Almen/Alma, Kreis Hermannstadt / Sibiu geboren, besuchte das Gymnasium in Bukarest und studierte von 1925 - 1932 in Paris, Berlin und Klausenburg / Cluj-Napoca romanische bzw. germanische Philologie. Nach dem Examen promovierte er 1932 in Berlin zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Kind, Knabe, Mädchen in den nördlichen Dialekten des dakorumänischen Sprachgebietes, ein Beitrag zur Onomasiologie. (1) Binder unterrichtete ab 1935 als Fremdsprachenlehrer in Bukarest, Gheorgheni / Kreis Ciuc und Temeswar und wurde im September 1948 Direktor und Deutschlehrer an der Deutschen Pädagogischen Lehranstalt in Temeswar. Vom September 1954 bis September 1956 war Binder Professor für Unterrichtsmethodik und Lehr-stuhlinhaber für Methodik am “Unterregionalen Institut zur Fortbildung der Lehrkräfte” in Temeswar. Vom September 1956 bis September 1962 bekleidete Binder die Stelle eines Dozenten für deutsche Gegenwartssprache und Inhaber des Lehrstuhls für deutsche Sprache an der im September neugegründeten Pädagogischen Hochschule in Temeswar. Aus ihr ging 1962 die Universität Temeswar hervor, wo Stefan Binder 1963 Professor für deutsche Sprache und Literatur und Lehrstuhlinhaber wurde. Von 1970 bis zu seiner Emeritierung am 1. November 1972 war Binder Ordentlicher Universitätsprofesspor und erhielt 1971 die Berechtigung, Doktoranden zu betreuen. Nach seiner Emeritierung blieb Stefan Binder beratender Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Temeswar. Er ist am 13.08.1997 in Temeswar verstorben.

Zu den großen - von Stefan Binder geplanten - Forschungsvorhaben des Temeswarer Germanistiklehrstuhls zählten seit 1957 außer einer Geschichte der deutschen Dichtung in Rumänien, die von ihm für die Zeitspanne 12. Jh. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts im Jahre 1972 abgeschlossen wurde (2) ein Wörterbuch der deutschen Mundarten des Banats und eine Grammatik der Banater deutschen Mundarten. Seit 1973, als Binder von der Rumänischen Akademie zum Mitglied des Landeskomitees für den Europäischen Sprachatlas ernannt wurde, sammelte und bearbeitete er für dieses Projekt Antworten auf über 500 Fragen für die Ortspunkte Nitzkydorf (Banat) und Birthälm (Siebenbürgen). (3)

 

2. Voraussetzungen für die Erarbeitung eines Banater deutschen Mundartwörterbuchs

 

2.1. Der Hochschulunterricht im Dienste der Mundartforschung

Das Interesse für die Erforschung der Banater deutschen Mundarten widerspiegelt sich in der Lehrtätigkeit des Temeswarer Germanistiklehrstuhls. Auf Mundartfragen wurde bereits im ersten Studienjahr, in der Vorlesung Einführung in die deutsche Philologie und in den Morphologiestunden des praktischen Kurses für deutsche Sprache, u.a. von Hans Weresch und Johann Wolf, hingewiesen. Erste Untersuchungen und Aufsätze der Studenten über ihre Heimatmundart wurden später vielfach zu Examensarbeiten ausgebaut. Ab 1967 hielt Peter Kottler zweimal wöchentlich mit mundartsprechenden Studenten Arbeitssitzungen, wobei das Mundartarchiv verzettelt und nach Mundartgruppen geordnet wurde. Desgleichen ließ Kottler Mundartkarten vervielfältigen, auf denen Studenten die geographische Verbreitung einiger Wörter aus den Wenkersätzen eintrugen. Von besonderer Bedeutung für die Banater Mundartforschung war eine Vorlesung über die Banater Mundarten, die im Hochschuljahr 1968/69 von Maria Pechtol und seit 1969 von Peter Kottler gehalten wurde. Im dazugehörigen Seminar verfaßten die Studenten kleinere Arbeiten über Teilgebiete der Mundart. Stefan Binder veranlaßte die Mundartsprecher unter den Studierenden 1968, als Jahresarbeit für seine Vorlesung Deutsche Sprache der Gegenwart nach dem Muster des Siebenbürgischen Sprachatlasses je eine Mundartkarte mit der geographischen Verbreitung eines Wortes zu entwerfen. So entstanden etwa 70 Karten, die bei der Ausarbeitung der Wörterbuchartikel ausgewertet werden sollten. Im Jahre 1965 nahm Johann Wolf mit einigen Germanistikstudenten die Einteilung der Banater Mundarten aufgrund der Wenkersätze vor und leitete die Erarbeitung einer Mundartkarte an, auf der die Zugehörigkeit der Ortschaften mit deutscher Bevölkerung zu einem der sechs vorgesehenen Mundarttypen durch ein besonderes Symbol dargestellt wurde. Die Karte wird im Mundartarchiv des Germanistiklehrstuhls und eine Zweitfertigung im Bukarester Linguistischen Institut aufbewahrt. Aus dem Zettelmaterial des Mundartarchivs waren 1971 bereits einige Probeartikel für das Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten verfaßt. Auf Examensarbeiten der Germanistikstudenten fußt auch eine hauptsächlich für Dorfschullehrer gedachte Grammatik der Banater deutschen Mundarten, die von 1965 - 1970 von Maria Pechtol, Peter Kottler und Karl Streit in Angriff genommen, aber nicht zu Ende gebracht wurde. (4)

 

2.2. Wissenschaftliche Arbeit im Dienste der Mundartforschung

Stefan Binder betreute ab 1971 Doktoranden im Bereich Germanistik, wobei er der rumäniendeutschen Sprach- und Literaturforschung den Vorrang gab. Bei ihm promovierten über Themen zur rumäniendeutschen Literatur Herbert Bockel 1979 und Annemarie Podlipny-Hehn 1988. Walter Engel beendete seine bei Stefan Binder begonnene Dissertation in Heidelberg, wo er 1982 promovierte. (5) Im Bereich der Banater Dialektologie leitete Binder die Dissertationen von Hans Gehl und Peter Kottier und betreute eine weitere von Katharina Barba. Diese promovierte 1977 in Bukarest mit der Arbeit: Laut- und Formenlehre der südfränkischen Mundarten des Arader Kreises, die 1982 als ZDL-Beiheft mit dem Titel: Deutsche Dialekte in Rumänien. Die südfränkischen Mundarten der Banater deutschen Sprachinsel erschienen ist. Hans Gehl promovierte 1976 in Temeswar mit der von Stefan Binder geleiteten Arbeit: Die Landwirtschaft im Wortschatz der oberdeutschen fescht-Mundarten des Banats und veröffentlichte das bearbeitete Typoskript 1991 als 67. Beiheft der ZDF mit dem Titel Die oberdeutschen fescht-Mundarten des Banats. Gehl untersucht den landwirtschaftlichen Fachwortschatz von sieben obd. “fescht”-Mundarten (6 südfränkische und eine hochalemannische) des Bezirkes Arad nach Sachgruppen wie: Umwelt, Pflanze, Tier, Ackerbau, Viehzucht, andere landwirtschaftliche Beschäftigungen, anhand von 1572 Stichwörtern.

Peter Kottler arbeitet seit Jahren noch an seiner Dissertation: Die grammatische Struktur der rheinfränkischen und moselfränkischen Mundarten des Banats in der er einen immer stärkeren Rückgang der moselfränkischen Züge der Banater deutschen Mundarten zugunsten der rheinfränkischen Formen und gleichzeitig einen zunehmenden Ausgleich der Lokalmundarten feststellt. Einzelne Kapitel der Dissertation wurden vorab veröffentlicht: "Die Deklination des Adjektivs in den Banater Mundarten mit vorwiegend westmitteldeutschem Gepräge" (6) und "Die Grundformen des Verbs in den Banater Mundarten rhein- und moselfränkischer Prägung" (7) . Zu erwähnen ist auch Kottlers weiterführende Abhandlung: "Sprachliche Kennzeichnung der Banater Deutschen" (8), mit einer ausführlichen Beschreibung der Banater Mundartgruppen und einer Auflistung der dialektelegischen Examensarbeiten am Germanistiklehrstuhl. Eine weiterreichende Perspektive eröffnete Johann Wolf in seinem Aufsatz: "Die Erforschung der Banater deutschen Mundarten im Lichte des Aufsatzes ‘Der fränkische Dialekt’ von Friedrich Engels" (9). Hans Gehl faßte die Merkmale der oberdeutschen fescht-Mundart des Banats in einem Zeitschriftenbeitrag zusammen.(10) Zur Synthese der Bemühungen aller Banater Dialektologen gestaltete sich Johann Wolfs Banater deutsche Mundartenkunde,(11) eine überarbeitete Auflage seiner 1975 in Bukarest herausgebrachten Kleinen Banater Mundartenkunde.

 

2.3. Unterstützung durch Presse und Publikationen

Die gesamte rumäniendeutsche Presse unterstützte die wissenschaftlich fundierten und breitangelegten Bemühungen zur Erforschung deutscher Mundarten und deutscher Volksdichtung im Banat. Stefan Binder faßt diese Beiträge 1973 in einem NBZ-Aufsatz zusammen.(12) Als deutschsprachiges Zentralorgan in Rumänien hat sich der Neue Weg schon ab 1954 um die Sammlung Banater Volksgutes und um die Mundartforschung bemüht. Beiträge von Josef Roos und Erich Lammert waren 1957 der Einteilung der Banater Mundarten und ihrer Erforschung gewidmet. Von Stefan Binder erschien (am 19.07.1967) ein Gespräch über Mundartgrammatik und Mundartwörterbuch. In den folgenden Jahren erschienen im Neuen Weg wichtige Aufsätze von Johann Wolf über Banater Mundarten und von Erich Lammert zu etymologischen und sprachgeographischen Fragen sowie zu Aspekten der Temeswarer Umgangssprache.

Die Temeswarer Presse trug auch viel zum Sammeln von Material und zur Erforschung von Mundarten und Volkskunde bei. Stefan Binder berichtete 1967 in der Lokalzeitung Die Wahrheit über die Arbeiten am Banater schwäbischen Wörterbuch (13). Die Neue Banater Zeitung (1968-1992) veröffentlichte laufend Ergebnisse volkskundlicher Sammlungen und sprachwissenschaftlicher Untersuchungen. Dazu zählen die regelmäßig (bis heute) erscheinende Mundartbeilage “Pipatsch”, die Prosatexte und Gedichte in einer Banater Verkehrsmundart, von 1984-1988 auch eine Pipatsch-Wörterbuch genannte Wortsammlung mit Lautvarianten in vielen Ortsmundarten veröffentlichte. In den NBZ erörterte Erich Lammert zahlreiche etymologische und wortgeographische Fragen, wobei seine Beiträge von Lotte Wilhelm, Hannelore Weiß u. a. Autoren weitergeführt wurden. Maria Pechtol faßte ihre Forschungsergebnisse in der Reihe Schwäbisches Wörterbuch zusammen, die etymologische Aufsätze und Sammlungen von französischen, ungarischen, rumänischen und serbischen Lehnwörtern in den Banater deutschen Mundarten enthält. Rudolf Hollinger untersucht in einem Aufsatz die Temeswarer Umgangssprache. Hans Gehl verbindet in seinen in Folgen erscheinenden Aufsätzen Aspekte der Mundart, Volkskunde, Volksdichtung und Sprachbildung. Durch Schülerbeiträge hat die NBZ auch das Interesse der Jugend für die Auseinandersetzung mit den großen Aufgaben der Banater Forschung geweckt.

Obwohl die in Hermannstadt / Sibiu erscheinende Akademie-Zeitschrift Forschungen zur Volks- und Landeskunde mehr auf die siebenbürgische Forschungen ausgerichtet war, boten sich hier auch den Banater Wissenschaftlern Veröffentlichungsmöglich-keiten an. Stefan Binder berichtete hier von der Arbeit am Banater Wörterbuch (14), Johann Wolf und Hans Gehl nahmen in den erwähnten Aufsätzen (15) zu Fragen der Banater Mundarten Stellung. In diese Zeitschrift wurden auch Auszüge aus Temeswarer dialektologischen Diplomarbeiten von Hans Gehl (16) und Helga Höfer-Heinz (17) aufgenommen. Josef Roos schrieb hier bereits 1959: "Beiträge zur Erforschung der Banater deutschen Mundarten" (18), Johann Wolf: "Die phraseologischen Fügungen in den Banater deutschen Mundarten" (19) und Stefan Binder: "Formeln in der rumäniendeutschen Volksdichtung" (20). Aus der Beschäftigung mit dem Banater Mundartwörterbuch entwickelte Stefan Binder das Projekt eines Wörterbuchs deutscher Elemente im Wortschatz der rumänischen Mundarten, von dem er einige Buchstaben mit entsprechenden Herkunftshinweisen in Zettelform ausgearbeitet hat. Berichte darüber erschienen in rumäniendeutschen Zeitschriften (21).  Dieses Wortmaterial diente als Grundlage für den Aufsatz Stefan Binders: Rumänische Einflüsse in den Banater deutschen Mundarten (22).

Das Mundartwörterbuch als vorrangiges Banater Forschungsvorhaben stand auch im Blickpunkt weiterer kultureller und volkskundlicher Leistungen. Zu erwähnen ist die Mundartpflege durch die Aufführung von Mundartstücken (auch von Banater Autoren) am Deutschen Staatstheater Temeswar und die Lesung von Mundarttexten im Literaturkreis “Adam Müller-Guttenbrunn”. Diese führten zur Herausgabe von Mundartanthologien wie Schwowische Gsätzle ausm Banat. Gedichte in Banater schwäbischer Mundart. Gesammelt, ausgewählt und eingeleitet von Karl Streit und Josef Czirenner (23), Schwowisches Volksbuch. Prosa und Stücke in Banater schwäbischer Mundart. Ausgewählt und eingeleitet von Karl Streit und Josef Zirenner (24) oder Pipatsch-Buch. Prosa in Banater schwäbischer Mundart von Nikolaus Berwanger, Hans Kehrer und Ludwig Schwarz (25). In diesem Umfeld entstand auch die Idee von Ludwig Schwarz, einen dreibändigen Roman in der Banater rheinfränkischen Verkehrsmundart zu schreiben (26). Walther Konschitzky nahm zahlreiche Interviews mit Banater Mundartsprechern auf, von denen ein erster Band (mit einem Vorwort von Johann Wolf) erschienen ist (27). Vom Neuen Weg gesammeltes sprachliches Volksgut wurde von Walther Konschitzky und Hugo Hausl in der Reihe “Banater Volksgut” in drei Bänden geplant, von denen zwei Bände erschienen sind (28).

Die im Temeswarer Facla-Verlag von 1973-1984 in 5 Bänden erschienenen Beiträge zur Volkskunde der Banater Deutschen (29) berücksichtigen, im Hinblick auf das Banater Wörterbuch, die mundartlichen Bezeichnungen der beschriebenen volkskundlichen Fak-ten. Die sprachliche Konponente überwiegt sogar in Beiträgen von Erich Lammert: Die Tracht in der Sprache (1973, S. 149-172); Walther Konschitzky: Mehrsprachiges Banater Volksgut (1981, S. 152-166); Hans Gehl: Spruchweisheit auf Wandschützern (1984, S. 70-110) und Banater Volksetymologie (1984, S. 183-225); Nikolaus Horn: Banater Sprichwörter und Redensarten und Banater Wetterregeln (1984, S. 111-148) und von Peter Kottler: Sprachliche Kennzeichnung der Banater Deutschen (30).

 

3. Das Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten

 

3. 1. Die Anfänge der Wörterbucharbeit

Bereits 1956, gleich nach der Gründung des Temeswarer Fremdsprachenlehrstuhls, hat ein Arbeitskreis für Mundartforschung bestehend aus den Lehrkräften Stefan Binder, Johann Wolf, Maria Pechtol, Peter Kottler (und Hans Weresch, Anm. des Verf.) die Grundlagen für ein Banater Mundartwörterbuch gelegt. Im Vorwort zu einer 1985 geplanten ersten Lieferung dieses Wörterbuchs schreibt Stefan Binder 1991:

Dieses Wörterbuch soll den Sprachschatz des Bevölkerungsanteils deutscher Nationalität im heutigen rumänischen Banat (einschließlich des Kreises Arad) in seiner lautlichen, grammatischen und bedeutungsmäßigen Eigenart erfassen, nach wissenschaftlichen Grundsätzen bearbeiten und zum Standardwerk der Banater deutschen Mundartforschung werden, als Gegenstück zum Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuch... Dieses Wörterbuch einer deutschen Sprachinsel unterscheidet sich von den meisten anderen Mundartwörterbüchern dadurch, daß es sehr verschiedene Mundarttypen, wie sie im Banat bis heute nebeneinander bestehen (auch wenn ein Typ vorherrschend ist), gemeinsam behandelt… Aus diesem Wörterbuch ergibt sich nicht zuletzt auch ein Bild der engen Verflechtung des deutschen Bevölkerungsteils mit dem Volksleben der auf dem gleichen Boden lebenden uransässigen Rumänen, der Ungarn und Serben. Dieses Zusammenleben hat in den Banater deutschen Mundarten einen nicht unbedeutenden Niederschlag gefunden, wie es umgekehrt auch der Fall ist. So kann das Wörterbuch auch der rumänischen, der ungarischen und der serbischen Sprachforschung gute Dienste leisten (31).

Der neugegründete Germanistiklehrstuhl sollte ein Zentrum rumäniendeutscher Sprach- und Literaturforschung werden. Gerade damals wurde die kriegsbedingt unterbrochene Arbeit am Siebenbürgisch-Sächsischen Wör-terbuch aufgrund eines Abkommens von 1955 zwischen der Rumänischen Akademie und der Berliner Akademie der Wissenschaften wieder aufgenommen, und in der Presse diskutierte man über die Schaffung einer Zentralstelle zur Erfassung aler Mundarttypen des Banats. Erich Lammert empfahl 1957 in einem Aufsatz: Wieder zur Fra-ge der Banater Mundartforschung (32) die Aufnahme der von Georg Wenker für den Deutschen Sprachatlas entworfenen 40 Sätze und deren Ergänzung mit wortgeographischen Prüfwörtern. Josef Roos schrieb gleichfalls im “Neuen Weg” Zur Frage der Banater Mundartforschung, ein Mundartwörterbuch notwendig? (33) Der Arbeitskreis für Mundartforschung griff diese Vorschläge auf und begann bereits im Sommer 1957 mit den ersten Erhebungen. Zu den Werkersätzen kamen im Laufe der Zeit von Johann Wolf entworfene Fragebogen und mehrere Wortlisten dazu, und neben Lehrkräften beteiligten sich an den Aufnahmen zunehmend Studenten und Deutschlehrer, die in Temeswar studiert hatten. Das Mundartarchiv wurde auch durch individuelle Aufnahmen der Studenten in ihren Heimatorten ergänzt. Zahlreiche, von den Absolventen verfaßte Diplomarbeiten mit dialektologischer Thematik wurden in den sog. Praxisperioden von Studenten exzerpiert, wobei der Schwerpunkt auf Wörtern mit den Anfangsbuchstaben A – F lag. Exzerpiert wurde auch das gesammelte Banater Volksgut und die Banater Mundartliteratur (34). Stefan Binder berichtete 1968 über die Temeswarer Wörterbucharbeit. Nach einem kurzen Verweis auf das Forschungsgebiet und seine deutsche Besiedlung im 18. und 19. Jh. werden Erwägungen über Mundartenmischung und die Durchsetzung des Rheinfränkisch-Pfälzischen im Banat angestellt. Zum Forscherkreis am Lehrstuhl werden Maria Pechtol, Karl Streit, Peter Kottler und Edith Jentner gerechnet, aber auch Johann Wolfs Anleitungen für die Erhebungen der Banater Mundarten hervorgehoben. Dabei handelt es sich um Wortreihen zur Erfassung der mundartlichen Ausprägung von mhd. ei, i und u, des g im Inlaut und der intervokalischen dentalen Spirans ð. Weiter geht es um die Verwendung von Synonymen und Lehnwörtern, von Verkleinerungssuffixen, Dualpronominalformen ös, enk, enker, von typischen Wortformen und Redewendungen. Für Mundartaufnahmen gilt die übliche phonetische Lautschrift (gemeint ist API, Anm. d. V.).

Die Erhebung dieser Wortlisten und der Wenkersätze ermöglichte eine Einteilung der Banater Mundarten, wobei auch frühere (in den Fußnoten aufgelistete) Gliederungsversuche berücksichtigt wurden. Es handelt sich um zwei Gruppen von Banater Mundarten: mitteldeutsche appel- und oberdeutsche apfel-Mundarten. Die mitteldeutsche Gruppe gliedert sich in mosel- und rheinfränkische und diese wieder in fescht- und fest-Mundarten, einige davon mit bairischen Einflüssen. Die oberdeutschen Mundarten fächern sich in bairische und fränkisch-alemannische Dialekte; davon die bairischen in nord- und südbairische. Zur zweiten Gruppe zählen die ostfränkischen fest-, die südfränkischen fescht-Mundarten und die hochalemannische Mundart von Saderlach. Zu den einzelnen Mundartgruppen werden einige Kennzeichen und Ortsbeispiele angeführt. Es wird darauf hingewiesen, daß 28 mitteldeutsche appel-Mundarten und 9 ober-deutsche apfel-Lokalmundarten noch nicht genau untersucht wurden. Die Aufnahmen in den übrigen Ortsmundarten und die bis 1967 verfaßten (als Fußnoten aufgelisteten) Diplomarbeiten über einzelne Ortsmundarten sollen der Ausarbeitung des Buchstabens A des Wörterbuchs dienen. Ein Wörterbuchartikel soll die lautgetreue Umschrift der Mundartformen für die jeweiligen Mundarttypen und anschließend die Wortbedeutungen mit Wortgruppen oder Sätzen anführen. Die hier vorgestellte Beitrag Stefan Binders enthält als Abschluß eine Karte der deutschen Mundarten des Banats mit Symbolen für die jeweiligen Mundarttypen am Ortspunkt der Lokalmundart und ein alphabetisches Verzeichnis der 153 in der Karte angeführten rumänischen Ortsnamen mit ihrer deutschen Entsprechung (35).

 

3. 2. Feldforschung und Exzerpte zur Materialgewinnung

Seit 1967 betrieben Temeswarer Hochschullehrkräfte gemeinsam mit Studierenden intensive Feldforschung, um aus Dörfern mit deutscher Bevölkerung Material für das Banater Mundartwörterbuch einzubringen. Als 1972 das studentische Sommerpraktikum eingeführt wurde, hat man auch diese Möglichkeit zur Mundartforschung genutzt. Im Sommer 1972 hielten sich Maria Pechtol, Peter Kottler und Christine Stanciu vom Germanistiklehrstuhl mit 14 Studenten 20 Tage lang in Detta und in 15 umliegenden Dörfern auf, um Mundartaufnahmen zu machen. Es wurde mit einem Tonband gearbeitet, das meiste jedoch auf Zettel verzeichnet. Die Fragebogen umfaßten die 44 Wenkersätze mit einigen lexikalischen Zusatzfragen, die 200 Wörter vom Fragebogen des Deutschen Wortatlasses, etwa 300 Fragen in einem Fragebogen von Johann Wolf über die Banater Besonderheiten im Wortschatz, in der Phonetik und Grammatik, weiterhin Fragebögen von Maria Pechtol zur Konjugation des Verbs und von Peter Kottler zum Genus der Substantive, von Hans Gehl zum Brauchtum im Lebenslauf und Jahreskreis sowie den Fragebogen des Atlasses der Sprachen Europas, an dem Stefan Binder mitarbeitete. Das eingebrachte Material dien-te vor allem zur Erstellung von Karten für das Mundartarchiv des Lehrstuhls, um die Mundartenmischung bzw. deren Ausgleich im Banat zu erforschen (36). Auch 1974 berichtet die NBZ über einen Forschungsausflug der Studenten des 1.-3. Jahrgangs, die zusammen mit ihren Lehrkräften in 25 Ortschaften der Bezirke Arad und Karasch-Severin über 900 Wörter zum Buchstaben A aufnahmen und dabei fast 4000 Zettel mit Wort- und Satzaufnahmen anfertigten. Als Hauptziel war “das Aufstellen von Karten für den Sprachatlas der Banater schwäbischen Mundarten” vorgesehen (37). Anhand der bereits angefertigten Mundartkarten mit Einträgen zur dialektalen Lexik wollte man anscheinend zu diesem Zeitpunkt – wohl nach dem Vorbild des Siebenbürgisch-deutschen Sprachatlasses (38) – einen Banater deutschen Sprachatlas erarbeiten.

Später rückte ein Mundartwörterbuch wieder ins Zentrum des Forschungsinteresses. Dafür wurden die aufgenommenen Fragebogen, Examensarbeiten, Dissertationen u. a. Material mit dialektologischer Thematik exzerpiert, alphabetisch auf Zettel geschrieben und im Mundartarchiv des Germanistiklehrstuhls aufbewahrt. Bereits 1985 waren es über 300.000 Zettel mit Lautvarianten und Satzbelegen für die einzelnen Stichwörter. Germanisten hatten bis zu diesem Zeitpunkt 171 Examensarbeiten über Banater deutsche Mundarten aus 86 Ortschaften verfaßt (39). Stefan Binder hat 1991 die Anzahl von 173 Diplomarbeiten über die deutschen Mundarten des Banats festgehalten (40). Den Autoren dieser Arbeiten wird bereits 1971 Gewissenhaftigkeit und Kompetenz bescheinigt. Ihre Untersuchungen umfassen zwischen 80 und 280 Seiten und behandeln Fragen der Mundartphonetik, Morphologie und Syntax und ihres Wortschatzes zu Themen wie: Wohnung und Kleidung, Ackerbau und Viehzucht, Personen- und Tiernamen, Sitten und Gebräuche, einzelne Berufe u. ä. Untersucht wurde auch das Verhältnis zwischen Mundarten und Umgangssprache, Fragen der Sprachmischung und des neuen Wortgutes in den Mundarten (41).

 

4. Weshalb erscheint kein Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten?

Nachdem jahrzehntelang ein Banater Mundartwörterbuch als wichtigstes Ziel der Forschungsbestrebungen am Temeswarer Germanistiklehrstuhl angesehen und als solches der Öffentlichkeit in Rumänien und im Ausland vorgestellt worden war, knüpften sich natürlich große Erwartungen daran. Peter Kottler zitiert den Mainzer Germanisten Wolfgang Kleiber, der sicher die Meinung von vielen Wissenschaftlern ausdrückt:

Jedenfalls stellt das Banatdeutsche Wörterbuch … ein dringendes Forschungsdesideratum dar. Das Wörterbuch wird eine immer schmerzlicher empfundene Lücke in dem sich langsam schließenden Kranz der deutschen Dialektwörterbücher füllen (42).

An derselben Stelle erläutert Peter Kottler 1985 die Bedeutung des Banater deutschen Wörterbuchs, das in den Forschungsplan der rumänischen Akademie unter die “Großen sprachwissenschaftlichen und ethnologischen Wörterbücher und Atlanten Rumäniens” aufgenommen worden ist, denn die rumänische Linguistik und Dialektologie erhofft sich davon genaueren Aufschluß über die Herkunft so manchen landschaftlich oder mundartlich gebrauchten Wortes sowie über den Einfluß des Rumänischen auf andere Sprachen. Der deutschen Mundartkunde kann die Erforschung der Banater Mundarten darüber Aufschluß geben, was sich in Sprachinseln bei der Mischung sehr verschiedener Dialekte durchgesetzt hat und was für Wörter und Formen vor anderen weichen mußten, bzw. in Rückzuglage gedrängt wurden. Gelegentlich kann sie auch helfen, das frühere Verbreitungsgebiet manchen deutschen Wortes zu erschließen (43).

Das hätte die Banater Mundartforschung tatsächlich leisten können, wenn sie zu einem greifbaren Abschluß gelangt wäre. Was war statt dessen geschehen? Bereits 1967 wurde die Ausarbeitung des Buchstaben A des Wörterbuchs in Erwägung gezogen (44). Im Jahre 1971 waren bereits einige Probeartikel verfaßt (45). Seit 1978 arbeiteten Peter Kottler und Christine Stanciu vom Germanistiklehrstuhl sowie Doina Munteanu und Hans Gehl vom Fremdsprachenlehrstuhl der Technischen Universität Temeswar als Forschungsverpflichtung (neben ihrem Lehrauftrag) an der alphabetischen Abfassung des Wörterbuchs. Auch der 1972 emeritierte Professor Binder schloß sich erneut dem Redaktionskreis an und übernahm die wissenschaftliche Anleitung und Revision der Arbeit. Zugleich half er, durch weitere Exzerpte manche Lücke zu schließen und machte wichtige Vorschläge für die Arbeitsweise. Zu diesem Zeitpunkt waren die Varianten des Stichwortes und die Beispielsätze in phonetischer Transkription abgefaßt. Stefan Binder regt an, die Beispielsätze zwecks Benutzerfreundlichkeit in literarischer Umschrift zu bringen. Das geschah nun ab dem Buchstaben D. Die Zettel für die Buchstaben A bis C waren angeblich 1985 schon “seit längerem vollständig redigiert” (46) und hätten umgearbeitet werden müssen. Da die Ausarbeitung des Buchstaben D am weitesten gediehen war, (dieser Faszikel galt am 11.08.1985 als druckreif), sollte eine Probelieferung mit diesem Buchstaben in der Universitätsdruckerei 1986 in kleiner Auflage vervielfältigt werden. Bei jährlichen Lieferungen sollte ein umfangreicher Band entstehen und damit ein Verlag für die Herausgabe des Wörterbuchs gewonnen werden. (47)

Obwohl die langerwartete erste Lieferung bedeutsam für die weitere Wörterbucharbeit gewesen wäre, brachte sie Projektleiter Peter Kottler nicht zustande. In einem 1992 in Tübingen gehaltenen Vortrag über den Stand und die Perspektiven der Banater Wörterbucharbeit erläutert er, daß noch viele Lücken im Korpus zu schließen seien, die Bearbeitung des Materials jedoch ins Stocken geraten sei. Die Materialgrundlage von 330.000 Zetteln aus der Feldforschung und den Exzerpten aus den 176 zwischen 1961 und 1988 verfaßten Examensarbeiten aus 87 Banater Ortschaften reiche für das Wörterbuch nicht aus. Das Drei- bis Vierfache wäre nötig, sei aber nach der Auswanderung der meisten banatdeutschen Mundartsprecher und Wörterbuchbearbeiter nicht mehr erreichbar. Angestrebt werde nun die Schaffung einer Planstelle für einen hauptamtlichen Wissenschaftler, der die Lücken durch Exzerpte ab dem Buchstaben I schließen solle (Die Buchstaben A – H seien exzerpiert). Ausgehend von drei germanistischen Examensarbeiten, die Antworten auf den Fragebogen des DWA auf Karten eintrugen und kommentierten, könnte auch weiteres Material für einen Banater deutschen Wortatlas bearbeitet werden, doch dafür fehlten Kräfte und Mittel. (48)

Inzwischen wurde der Temeswarer Wör-terbuchstelle aus Deutschland Hilfe in Form von PC-Programmen und der zeitweiligen Finanzierung eines Wissenschaftlers für die Erfassung der Zettel durch EDV gewährt. Doch geeignete Anwärter waren schwer zu finden, und die Finanzierung konnte nicht von langer Dauer sein. Die befristet angestellte Germanistin Ileana Irimescu hatte 1995 ein Stipendium für einen Dokumentationsaufenthalt beim Pfälzischen Wörterbuch in Kaiserslautern erhalten, bei dem sie ein Exposé über Grundlagen und Probeartikel für ein Banater deutsches Wörterbuch verfaßte. In der Einführung dieses Aufsatzes wird ausgeführt, daß durch die Belegzettel des Mundartarchivs die ersten Buchstaben des Wörterbuchs besser belegt sind, so daß die Aufnahmen und das Exzerpieren der Diplomarbeiten weitergeführt werden sollen. (49)

Nachdem der Projektleiter Peter Kottler durch anderweitige Aufgaben verhindert ist, selbst am Wörterbuch mitzuarbeiten bzw. eine angestellte Mitarbeiterin ständig anzuleiten, ist eine zielgerichtete Wörterbucharbeit im Banat illusorisch. Zweifel an der Durchführbarkeit des großen Vorhabens wurden schon früh angemeldet. Maria Pech-tol meinte 1971, daß die Abfassung eines Wörterbuchs der Banater deutschen Mundarten ein zu gigantisches Projekt sei, als daß es die wechselnden Lehrkräfte des Germanistiklehrstuhls allein verwirklichen könnten. Deshalb mache sich das Fehlen eines geschulten, hauptamtlich angestellten Mitarbeiters zur Koordinierung der Feldforschung und Aufarbeitung des Materials mit dessen Anwachsen immer mehr bemerkbar. (50)

Nikolaus Berwanger berichtete 1984 in der ungarndeutschen Budapester “Neuen Zeitung” über Mundartforschung und Germanistik im Banat. Obwohl das nötige Material vorhanden und bereits verzettelt sei, könne man nicht sagen, wann das Wörterbuch bzw. die Grammatik der Banater deutschen Mundarten beendet sein werden. (51) Stefan Binder bedauert 1986, daß die Arbeit an der ersten Lieferung des Wörterbuchs durch andere Aufgaben der Bearbeiter immer wieder ins Stocken gerät. (52)

 

4. 1. Schlußfolgerungen

Es ist unbestritten, daß die Banater deutschen Mundarten nach Herkunft und Mischungsgrad sehr heterogen sind. Desgleichen steht fest, daß durch das Fehlen eines kompetenten, hauptamtlich angestellten Wissenschaftlers die Erarbeitung eines Mundartwörterbuchs zur unlösbaren Aufgabe wird. Wegen dieser zwei Faktoren ist auch das geplante ungarndeutsche Wörterbuch frühzeitig aufgegeben worden. Das Beispiel des Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuchs, von dem der vierte Band H-J noch 1973 mit 413 Seiten, (53) der fünfte Band K bei denselben Verlagen 1975 mit 420 Seiten, der sechste und vorläufig letzte Band L jedoch erst 1993 mit nur 201 Seiten (54) erschienen ist, läßt erkennen, daß die Bearbeitung eines Großraumwörterbuchs trotz günstiger Materiallage und mehreren hauptamtlichen Bearbeitern bei mangelndem gesellschaftlichem Interesse und fehlender Förderung ins Stocken gerät. Das trifft übrigens auch auf das Wörterbuch der Banater rumänischen Mundarten zu, dessen Erscheinen nach den Anfangsbuchstaben ins Stocken geraten ist. Interesse für die Erforschung der Banater deutschen Mundarten im Hinblick auf eine Synthese gab es schon in der Zwischenkriegszeit, doch wurde nach 1945 an diese Tradition – selbst an die bedeutenden Arbeiten von Hans Hagel – leider nicht angeknüpft. Somit ist die Banater Mundartforschung im Wesentlichen eine Leistung der letzten Jahrzehnte. (55) Die zuvor aufgezeigten Erfolge im Bereich der Grundlagenforschung, der Sammlung und Bearbeitung des Wörterbuchmaterials sind beachtlich. Zudem war die öffentliche Meinung im Banat von der Notwendigkeit des Vorhabens überzeugt und viele ehrenamtliche Mitarbeiter bereit, die Arbeit nach Kräften zu unterstützen. Das wog zum Teil die mangelhafte technische Ausstattung des Projektes aus: Es wurde mit handschriftlichen Zetteln von schlechter Papierqualität, mit nur einem Tonbandgerät und wenigen Tonbändern gearbeitet, die immer wieder neu bespielt wurden. Beim Nordsiebenbürgisch-Sächsischen war es ein Glücksfall, daß Friedrich Krauß das gesamte Material (von einem verhältnismäßig kleinen Areal) selbst in jahrzehentelanger Arbeit gesammelt und verzettelt hat, so daß er noch das Wörterbuch der Handwerkersprache selbst beenden (56) und das Material für das nordsiebenbürgische Mundartwörterbuch in den Kriegswirren nach Deutschland retten konnte. Hier gelang es ihm, geschulte Bearbeiterinnen zu gewinnen und deren institutionelle Förderung zu sichern, so daß von diesem Wörterbuch bereits der 4. Bd. erschienen ist (57) und die Bearbeitung des letzten Bandes in Gundelsheim am Neckar vor ihrem Abschluß steht. Somit hat das neue Projekt das viel ältere Siebenbürgisch-Sächsische Wörterbuch überrundet.

Beim Wörterbuch der deutschen Mundarten des Banats (in Rumänien) fehlte die institutionalisierte Förderung mindestens eines ausgebildeten Wissenschaftlers für die Sammlung und Bearbeitung des Materials, was sich gravierend auf die gesamte Arbeit auswirkte. Trotz der vorhandenen Schwierigkeiten (vor allem Desinteresse an der Erarbeitung eines Banater deutschen Wörterbuchs) hat Stefan Binder kontinuierlich seine ganze Autorität als Lehrstuhlinhaber für die Schaffung mindestens einer Planstelle für einen wissenschaftlichen Bearbeiter des Wörterbuchmaterials eingesetzt, doch seine Bemühungen blieben ohne Erfolg. Die mannigfaltigen günstigen Voraussetzungen seit der Gründung des Temeswarer Germanistiklehrstuhls konnte zu keiner Synthese führen, da ein engagierter Koordinator der vielseitigen Bemühungen fehlte. Peter Kottler als Projektleiter war durch seinen Lehrauftrag und andere Anforderungen nur beschränkt für die Forschung verfügbar. Dazu mangelte es ihm an Zielstrebigkeit. Er mißachtete Termine, und schloß eingegangene Verpflichtungen, auch seine Dissertation und damit das zweite große Forschungsziel Grammatik der Banater deutschen Mundarten nicht ab. Die einmalige Chance, ganze Studentengruppen und zahlreiche Germanistiklehrkräfte für die Einbringung und Bearbeitung des Wörterbuchmaterials zur Verfügung zu haben, wurde ungenügend genutzt und führte – vor allem wegen Verzettelung in anderen Aufgaben – zu keinem greifbaren Ergebnis. Selbst die dringend erwartete erste Probelieferung kam nicht zustande, von größeren Synthesen ganz zu schweigen, wenn man einmal von Johann Wolfs Banater deutschen Mundartenkunde absieht, die als Einzelleistung zu bewerten ist.

Von deutschen Forschungsstellen aus ist ein Mundartwörterbuch für das rumänische Banat – wie von manchen Stellen gefordert – nicht machbar, denn hier kann nur das ungeteilte Banat als historische Einheit innerhalb des gesamten donauschwäbischen Siedlungsgebietes gesehen und erfaßt werden. Hier muß auch festgehalten werden, daß mein Forschungsbereich am Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen aus praktischen Erwägungen auf die Erarbeitung eines allgemeinen donauschwäbigen Wörterschatz der Landwirtschaft in einer Banater Mundartengruppe (und dem gleichfalls erfaßten Handwerkerwortschatz) habe ich mein Projekt auf die donauschwäbischen Fachwortschätze ausgerichtet (58) und seit neun Jahren durch Sammeln und Aufbereiten das nötige Korpus selbst geschaffen. Der erste Band: Wörterbuch der donauschwäbischen Bekleidungsgewerbe ist 1997 erschienen (59). Zwei weitere Bände, über das Baugewerbe und die Landwirtschaft, sind geplant und werden die Aussagen über Leben und Arbeit der donauschwäbischen Bevölkerung abrunden. Dadurch sollen wenigstens zum Teil die ausgebliebenen Leistungen des so verheißungsvoll begonnenen Banater Mundartwörterbuchs ersetzt werden.

 


ANMERKUNGEN:

 

(1) Erschienen mit dem gleichen Titel als Teildruck in der Biblioteca Dacoromaniei Nr. 5, Cluj l932. Teil I. Die nördlichen Dialekte. Abschnitt 1. Kind, S. I-XII + 1-43.

(2) Nach einer schriftlichen Mitteilung Stefan Binders an mich vom 18.11.1996.

(3) Eduard Schneider: Bedeutsamen Gründungen eng verbunden. Prof. Dr. Stefan Binder zum 75. Geburtstag. Umfassende didaktisch-pädagogische, wissenschaftliche und gemeinnützige Tätigkeit. In: Neue Banater Zeitung, (fortan NBZ genannt) vom 27.06.1982, S. 2 - 3; Anton Peter Petri: Biographisches Lexikon des Banater Deutschtums. Marquartstein 1992, 1.

(4) Maria Pechtot: Sprachliches Sammeln und Reisen. 70 Jahre Banater Mundartforschung. In: NBZ vom 8.08.1971, S. 5.

(5) Walter Engel veröffentlichte 1982 in Heidelberg seine Dissertation: Deutsche Literatur im Banat (1840-1939). Der Beitrag der Kulturzeitschriften zum banatschwäbischen Geistesleben. Sammlung Groos 15.

(6) In: Analele Universitãþii din Timiºoara. Seria ªtiinþe Filologice, XI (1973), S. 31-50.

(7) In: Seminarul de lingvisticã. Nr. 4, Universitatea din Timiºoara, 1977

(8) In: Schwäbisches Volksgut. Beiträge zur Volkskunde der Banater Deutschen. Hrsg. Hans Gehl, Temeswar 1984, S. 226-263.

(9) In: Forschungen zur Volks- und Landeskunde (fortan: FVuL), Heft 3/1960, S. 149-159.

(10) In: FVuL, Heft 19/2 1976, S. 91-99.

(11) Kriterion Verlag Bukarest 1987.

(12) Stefan Binder: Die Zeitung forscht auch. Der Beitrag der deutschsprachigen Presse zur wissenschaftlichen Erfassung deutscher Mundarten und Volksdichtung im Banat. In: NBZ vom 21.01.1973, S. 4.

(13) Stefan Binder: Von Wenkersätzen, Zetteln und dem Zutun unserer Deutschlehrer. In: Die Wahrheit vom 29.06.1967

(14) Ders.: Aus der Arbeit am Wörterbuch der deutschen Mundarten des Banats. In: FvuL, Heft 11/1 1968, S. 114-122

(15) Vgl. Fußnoten 7 und 8

(16) Hans Gehl: Die deutsche Mundart der Gemeinde Glogowatz.

(17) In: FvuL, Heft 8/2 1965, S. 77-80.

(18) Helga Höfer-Heinz: Probleme der Mischung Banater deutschen Mundarten, dargestellt am Beispiel Klein-sanktpeters. In: FvuL, Heft 11/2 1968, S. 79-83.

(19) In: FVuL, Heft 2/1959, S. 45-74.

(20) In: FVuL, Heft 9/2 1966, S. 72-80.

(21) In: FVuL, Heft 15/2 1972, S. 13-74.

(22) Stefan Binder: Forschungsschwerpunkte am Germanistik-Lehrstuhl. 3. Folge. In: NBZ vom 5.12. 1991, S. 2.

(23) In: Interferenzen in den Sprachen und Dialekten Süd-osteuropas. Hrsg. Hans Gehl und Maria Purdela Sitaru. Tübingen 1994 (= Materialien Heft 4 / 1994 des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde), S. 79-120

(24) Hrsgg. vom Verlag des Hauses für Volkskundschaffen, Temeswar 1969.

(25) Hrsgg. vom Verlag Neuer Weg in Zusammenarbeit mit der NBZ, o. O., o. J.

(26) Facla Verlag, Temeswar 1972

(27) Ludwig Schwarz: De Kaule-Baschtl. Facla Verlag Temeswar 1977; Es zweiti Buch vum Kaule-Baschtl. Timiºoara 1978; Es dritti Buch vom Kaule-Baschtl. Temeswar 1981. Ein vierter Band liegt als unveröffentliches Typoskript vor.

(28) Walther Konschitzky: Dem Alter die Her. Lebensberichte aus dem Banat. Erster Band, Kriterion Verlag, Bukarest 1982

(29) Banater Volksgut. 1. Band Märchen, Sagen und Schwänke. Hrsg. von W. Konschitzky und H. Hausl (Mit einem Vorwort von Johann Wolf), Kriterion Verlag Bukarest 1979. 2. Band Reime, Rätsel, Kinderspiele. Hrsg. von Horst Wichland (d. i. W. Konschitzky), Bucureºti 1989. Der vorgesehene 3. Band ist noch nicht erschienen.

(30) Hrsg. von Hans Gehl: Heide und Hecke 1973, Handwerk und Brauchtum 1975, Schwäbischer Jahreslauf 1978, Schwäbische Familie 1981 und Schwäbisches Volksgut 1984.Vgl. Fußnote 6.

(31) Stefan Binder: Forschungsschwerpunkte am Germanistik-Lehrstuhl. 2. Folge. In: NBZ vom 4. 12.1991, S. 2.

(32) In: Neuer Weg vom 28.06.1957.

(33) In: Neuer Weg vom 19.07.1957.

(34) Eduard Schneider: Wichtiges germanistisches Forschungsobjekt. Der erste Faszikel des Wörterbuchs der Banater deutschen Mundarten ist druckreif. Gespräch mit Lektor Peter Kottler. In: NBZ vom 11.08.1985, S. 2f.

(35) Vgl. Fußnote 12.

(36) Eduard Schneider: Terrain-Arbeit der Mundartforschung. Lehrkräfte und Studenten hielten sich 20 Tage in der Umgebung von Detta auf. In: NBZ vom 9.11.1973

(37) RF: Forschungsausflug der Studenten. Mundartaufnahmen in 25 Ortschaften. Buchstabe A für Sprachatlas. In: NBZ vom 25.07.1974.

(38) Siebenbürgisch-deutscher Wortatlas. Hrsg. von Kurt Rein und Reiner Hildebrandt, bearbeitet von Hans-Henning Smolka. Marburg 1979 (= Siebenbürgisch-deutscher Sprachatlas, Bd. 2)

(39) Walther Konschitzky: Ein entscheidender Schritt weiter. Gespräch mit Peter Kottler vom Temeswarer Germanistiklehrstuhl über die Arbeit am Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten. In: Neuer Weg vom 28.12.1985.

(40) Stefan Binder: Forschungsschwerpunkte am Germanistik-Lehrstuhl. 1. Folge. In: NBZ vom 3.12.1991, S. 2

(41) Vgl. Fußnote 2.

(42) Vgl. Fußnote 32.

(43) idem.

(44) Vgl. Fußnote 12.

(45) Vgl. Fußnote 2.

(46) Vgl. Fußnote 37.

(47) Vgl. Fußnote 32.

(48) Peter Kottler: Gegenwärtiger Stand und Perspektiven der Arbeit am “Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten”. In: Deutsche Sprache und Literatur aus Südosteuropa – Archivierung und Dokumentation. Hrsg. Anton Schwob und Horst Fassel. Verlag Süd-osteuropäisches Kulturwerk, München 196, S. 148-153.

(49) Ileana Irimescu: Wörterbuch der Banater-deutschen Mundarten. Vorstudien, Grundlagen und Probeartikel. (Dicþionarul graiurilor germane din Banat. Studiu preliminar ºi articole model). Kaiserslautern 11.-30. November 1995. Ms., 45 S.

(50) Vgl. Fußnote 2.

(51) In: Neue Zeitung Nr. 27 und 28/1984, jeweils S. 7.

(52) Stefan Binder: Mit der Praxis verbunden. Ein Rückblick auf die Tätigkeit des Germanistik-Lehrstuhls an der Temeswarer Universität. 2. Folge. In: Neuer Weg vom 19.04.1986.

(53) im Verlag der Akademie der SSR und des Verlags Walter de Gruyter & Co Berlin.

(54) im Verlag der Rumänischen Akademie und des Böhlau Verlags Köln/Weimar/Wien.

(55) Vgl. Fußnote 37.

(56) Friedrich Krauß: Wörterbuch der nordsiebenbürgischen Handwerkssprachen. Siegburg 1957.

(57) Gisela Richter/Helga Feßler: Nordsiebenbürgisch-sächsisches Wörterbuch. Bd. I (A-C), Böhlau Verlag Köln/(Weimar)/Wien 1986, Bd. II (D-G) 1990, Bd. III (H-M) 1993, Bd. IV (N-Sch) 1995. Der Abschlußband V ist für 1998 geplant:

(58) Vgl. Wörterbuch der donauschwäbischen Fachwortschätze. In: Deutschsprachige Wörterbücher. Projekte an Akademien, Universitäten, Instituten. Zusammengestellt in der Arbeitsstelle Göttingen des Deutschen Wörterbuchs von Jakob und Wilhelm Grimm. Göttingen 1996, S. 91 f.

(59) Hans Gehl (Bearbeiter): Wörterbuch der donauschwäbischen Bekleidungsgewerbe. (Schriftenreihe des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Bd. 6). Sigmaringen 1997. (620 S. mit 8 Karten und zahlreichen Abb.)
 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 333-341

 

 

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