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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., Heft 1-2 (11-12) / 1997, S. 38-40

 



ANWENDUNGEN DER MNEMOTECHNIK IM DaF-UNTERRICHT ALS ALTERNATIV- UND/ODER

ERGÄNZUNGSSTRATEGIE ZUR ERLEICHTERUNG DER GENUSZUORDNUNG DER SUBSTANTIVE

Cristina Ivanov

 

Das Erlernen einer Fremdsprache erfordert kategorisch eine riesige Gedächtnisleistung; jedwelcher Lerner, der mit einer ihm noch unbekannten Phonologie, Morphologie oder Syntax konfrontiert wird, wird sich am Anfang ganz bestimmt kommunikativ hilflos fühlen. Diese Phase muß er bewältigen, doch wie - das bleibt ihm überlassen, um unterschiedliche Lösungsstrategien zu entwickeln, denn von den Lehrern bekommt er meistens nur wenige Lerntips: vermeide in die Fremdsprache zu übersetzen, nachdem du zuerst in der Muttersprache gedacht hast, lerne im Kontext, versuche so schnell wie möglich in der Fremdsprache zu denken oder lerne das Substantiv gleich mit dem entsprechenden Artikel.

Oft erscheinen die Begriffe Auswendiglernen, Wiederholen oder Üben, von Lernstrategie, Mnemotechnik ist aber selten die Rede, obwohl die jüngste Gedächtnisforschung beweist, daß eine erhöhte Einprägsamkeit vor allem vom speziellem Umgang mit der Information abhängig ist. Dauerhafte Einprägung geschieht nur in dem Moment, in dem sich die Ereignisse wiederholen, wenn man den Sinn, die Bedeutung dieser Ereignisse entdeckt oder wenn die Information an bereits gespeichertes oder altes Wissen angeknüpft und weitergegeben werden kann.

Eine kleine Gruppe amerikanischer, englischer und deutscher Lernpsychologen hat in den letzten fünfundzwanzig Jahren Lernstrategien ermittelt, die eine erhöhte Einprägsamkeit des Lernstoffes gewährleisten. Dabei wurden sie von Mnemotechniken, d.h. von gedächtnisunterstützenden Techniken, die über das Mittelalter bis in die Antike zurückreichen, angeregt.

An dieser Stelle beabsichtigen wir, die Mnemotechniken kurz zu präsentieren und zu zeigen, in welchem Maße ihre praktische Anwendung spezifische Lernschwierigkeiten im Bereich DaF - in diesem Fall “die Genuszuordnung” - erleichtern könnte.

Als Erfinder der Mnemotechnik gilt der einzige Überlebende eines Festmahls in Thessalien - der griechische Dichter Simonides (556 - 468 v.Chr.). Er habe, kurz bevor die Decke einstürzte, den Speisesaal verlassen und allein aufgrund ihrer Sitzordnung am Tisch die Toten identifiziert. Das Konzept der mnemotechnischen Stelle ist in diesem Zusammenhang geprägt worden.

Die Gerichtsredner der Antike, die für ihre bemerkenswerten Gedächtnisleistungen so berühmt waren, entwickelten eine Gedächtniskunst, die nicht allein auf konkretem Denken basiert, sondern auch auf dem Prinzip der bildlichen Assoziation: Punkte oder Gedanken ihrer Rede verbanden sie mit einem bekannten Gebäude oder Gegenstand. Ciceros Rede basierte vermutlich auf einem Rundgang durch sein Haus. Es gelang ihm, seine Gedanken in der vorgenommenen Reihenfolge wiederzugeben, indem er während des Rundgangs Abschnitte seiner Rede mit konkreten Daten verknüpfte.

Im Spracherwerb taucht bei Anfängern, ja sogar bei fortgeschrittenen Lernern das Problem der Wahl des richtigen Artikels auf.

Um ein richtiges Deutsch zu sprechen, ist es natürlich notwendig, das richtige Genus der Substantive zu kennen, nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch um eventuelle Mißverständnisse zu vermeiden. Trotzdem werden solche Fehler - sehr zum Ärger der Lehrkräfte - auch nach mehreren Semestern gemacht.

Die Verteilung der auftretenden Fehler variiert nach der Muttersprache der Lernenden. Lerner artikelloser MS (Japanisch) neigen dazu, den Artikel wegzulassen, Lerner, deren MS nur einen Artikel hat (Englisch) verwenden das “Artikelstreubüchsenprinzip” (Barbara Menzel); Lerner, deren MS eine Genussprache ist, neigen zu interferentiellen Fehlern.

Im Deutschen ist das Genus nicht am Substantiv offen ablesbar (durch morphologische oder semantische Merkmale), darum ist die Zuordnung des korrekten Artikels zum jeweiligen Substantiv eines der größten Lernprobleme, mit denen sich ein Deutschlehrer konfrontiert sieht.

1984 nannte Götze das Genusproblem im Deutschen einen “Paradefall von Regellosigkeit innerhalb der deutschen Grammatik”; dies ist auch aus den angeführten Beispielen deutlich ersichtlich:

• der Sand, Strand, Brand, Rand
• die Hand, Wand
• das Land.

Spitz hat sich bemüht, eine Regelmäßigkeit innerhalb des deutschen Genussystems durch formale und semantische Merkmale zu finden, Altmann und Rättig orientieren sich am Wortauslaut, im Duden findet man eine Auflistung von über 60 formalen und über 25 semantischen Hinweisen zur Genuserschließung.

Laut traditioneller Auffasung sei die Genuszuweisung im Deutschen arbiträr und undurchschaubar, die Wahl des richtigen Artikels hänge mit einem bestimmten Sprachgefühl der Muttersprachler zusammen (Meinert 1989); demzufolge sollte jedes einzelne Substantiv mit seinem Artikel gelernt werden.

H. Sperber ist aber der Meinung, daß es an Assoziationsmöglichkeiten zur gruppenmäßigen Erfassung von Substantiven nicht fehle. Dem kann man nur zustimmen. Dem Lerner werden verschiedene Lernstrategien vorgeschlagen, jedoch nicht aufgezwungen. Flexibilität und Konkretheit charakterisieren das Konzept.

Im Rahmen der gruppenmäßigen Erfassung von Substantiven ergeben sich drei Vorschläge:

1. Mnemotechnisierter Regelkatalog anhand formaler Merkmale. Diese Variante beruht auf dem Beitrag von F. Eppert - University of New Brunswick, Kanada. 15 genusbestimmende Endungen werden in drei Quasi-Wörter zusammengefaßt:

-ig, -ling, -or, -rismus der Iglingorismus
-heit, -ung, -keit, -ei, die Heitungkeitei-
-schaft, -ion schaftion
-tum, -chen, -ma, das Tumchen-
-ment, -ium mamentum

2. Die Verbildlichung in zusammenfassenden Szenen geht von einem deutschen Beitrag von Solange Rigonatti (Goethe-Institut Brasilien) und von einem amerikanischen Beitrag von Suzanne Toliver (University of Cincinatti, Ohio) aus. Ihr Vorschlag beruht auf visueller Basis, wobei das Element der Interaktion eingeschlossen ist. Der Lerner soll mehrere Substantive, die denselben Kasus haben, in einem selbstgezeichneten Bild erfassen (visuelles clustering). Die Arbeit am genusspezifischen Bild verstärkt im Gedächtnis des Lernenden die Beziehung zwischen dem jeweiligen Artikel und dem Substantiv, auch wenn die entstandenen Assoziationen recht ungewöhnlich aussehen, weil da Substantive vorkommen, die sich in der Realität selten berühren.

3. Die Geschichtentechnik verbindet 10-20 Substantive des gleichen Genus in einer kleinen Geschichte. Wenn diese Methode beim Schreiben anwendbar sein kann, muß man schon zugeben, daß sie beim Sprechen nicht sehr hilfreich sein kann. Man müßte eine Geschichte bis zu der Stelle rememorieren, an der das erforderliche Substantiv vorkommt, aber dazu hätte man nicht die nötige Zeit.

Außer diesen Techniken, in denen zugleich Konkretheit und Interaktion auftreten, gibt es auch andere Vorschläge zur Erleichterung des Lernproblems - so die Genuszuordnung der Substantive.

A. Konkretisierung der Genuszuweisung durch FARBE

Die Abstraktheit der drei Genera wird in diesem Fall durch Farben konkretisiert - blau für Maskulina, rosa oder rot für Feminina, weiß, schwarz oder grün für Neutra. Die Substantive werden in der entsprechenden Farbe geschrieben oder unterstrichen oder auf einem Papier mit entsprechender Farbe aufgelistet. Dem Lerner würde sich ganz bestimmt das Bild eines blauen Elefanten, der roten Tür oder des grünen Brotes einprägen, indem man sich den Referenten des entsprechenden Substantivs in der entsprechenden Farbe vorstellt.

B. Konkretisierung durch einfache Formen

Wir schlagen vor, das Genus der Substantive durch entsprechende Piktogramme (geometri-sche Figuren, traditionelle Geschlechtssymbole) neben, über dem Substantiv zu schreiben oder Piktogramme (Mond, Sonne, Wasser) über Substantive malen, damit auch interaktive Gedächtnisbilder entstehen können (E. J. Emberson, University of Western Australia). Substantivreferenten können dann vor einem genusspezifischen Hintergrund visualisiert werden.

C. Konkretisierung durch räumliche Anordnung

Die räumliche Anordnung - das Aufschreiben der Substantive rechts, links oder in der Mitte im Vokabelheft - sollte auch zur Erleichterung der Genuszuordnung beitragen. Ähnliche Hinweise treffen wir in den Lehrwerken von Neuner, Krueger, Scherling 1983 und 1988. Problematisch wird es vermutlich im Fall einer größeren Anzahl von Substantiven, Hauptsache ist aber, man soll sich daran erinnern, in welcher Spalte sich das betreffende Substantiv befindet.

D. Die kinästhetische Assoziation kann erfolgen, wenn die Substantive rechts, links oder in der Mitte der Tafel geschrieben werden und die Lerner nach dem Aussprechen eines Substantivs sich für einen Artikel entscheiden. Die eigene physische Bewegung zu einem bestimmten Ort, d. h. unter dem korrekten Artikel an der Tafel, soll eine verstärkte Assoziation zwischen dem genannten Substantiv und seinem Artikel bilden. Die anderen Klassenmitglieder sollen sich überlegen, ob der Kollege, der gerufen wurde, den richtigen Artikel wählen wird - somit sollen sich alle daran beteiligen und davon profitieren, auch wenn sie nicht direkt mitmachen.

E. Kontrast mit der Muttersprache (MS). (Es handelt sich hier um das Interferenzproblem bei Lernern, deren MS auch eine Artikelsprache ist.)

Instinktiv wird ein Deutschlernender ein deutsches Substantiv dem Genus zuordnen, das dem muttersprachlichen Äquivalent entspricht. Es würde dem Lernenden komisch klingen, doch er würde sich wahrscheinlich schneller merken, wenn er das muttersprachliche Äquivalent des deutschen Artikels vor dem Substantiv in der MS stellen würde.

So ist es z.B. im Frz. im Fall der Substantive, deren Genus sich vom Deutschen unterscheiden, absichtlich falsch, le bouche zu sagen, statt la bouche.

Es würde sich lohnen, diese Technik auszuprobieren, wenn es sich um wenige deutsche Substantive handelt. Deren Genus von den muttersprachlichen Äquivalenten verschieden ist; wenn ihre Anzahl aber höher ist, wird das Er-gebnis auch nicht mehr so befriedigend sein.

Auch wenn die Mnemotechnik heute fast 2500 Jahre alt ist, muß man zugeben, daß ihre zugrundeliegenden Prinzipien - KONKRETHEIT und INTERAKTION die Basis für jeden großen Lernerfolg bilden. Trotzdem gibt es noch viele, die durchaus zögern, Mnemotechniken einzusetzen, doch ihre Befürchtungen lassen sich mit soliden, konkreten Argumenten bekämpfen.

Die Annahme, daß es zu einer Abhängigkeit von dieser Art von Gedächtnisstütze kommen könnte, kann nicht wahr sein. Paivio hat nähmlich gezeigt, daß der Einsatz der Mnemotechnik überflussig wird, sobald die entsprechende Information internalisiert wird. Higbee vergleicht 1978 die mnemotechnische Gedächtnisstütze mit der Krücke eines Genesenden; wenn dieser gesund wird, braucht er die Krücke nicht mehr.

Andere befürchten, daß man die mnemonischen Stellen verwechseln könnte oder daß sich frühere und gegenwärtige Assoziationen vermischen könnten. Blum, später Paivio haben schon 1969 gezeigt, daß die Einprägsamkeit der Bilder und Stellen nicht beeinträchtigt werden, wenn an einer Stelle mehrere Bilder gleichzeitig oder hintereinander gebildet werden. Der wiederholte Einsatz derselben mnemotechnischen Stelle ist unproblematisch, da sich die nicht gebrauchten Bildern löschen können.

Daß Mnemotechnik kreativitätshemmend wäre und “echtes Denken” ausschließen würde, dürfte ebenfalls nicht stimmen, denn charakteristisch für sie ist die Konkretisierung abstrakter Informationen, das Entdecken von Bezugsgeflecht interaktiver Gedächtnisbilder, und gerade dies setzt ein überdurchschnittliches Maß an Phantasie voraus.

Was den Aufwand an Zeit und Mühe betrifft, so ist es schon richtig, daß man Zeit und Arbeit opfern muß, um eine bestimmte Technik zu erstellen und sich in diese einzuüben. Es stellt sich aber dabei die Frage nach der Lerneffizienz, denn die Anwendung der Mnemotechnik zeichnet sich bestimmt durch das langfristige und zuverlässige Einprägen von mehr Information aus.

Anhand eines der Hauptlernschwierigkeiten - der Genuszuordnung - wurde hier die Rolle der Mnemotechniken im Fremdsprachenunterricht, im Bereich DaF, einigermaßen übersichtlich präsentiert, da es sich erwiesen hat, daß selbst ihre sellektive Anwendung als Alternativ- oder Ergänzungsstrate-gie bei der Bewältigung von Lernschwierigkeiten vorteilhaft wäre.


Literatur:

1. Helbig, Gerhard / Buscha, Joachim: Deutsche Grammatik - Ein Handbuch für den Ausländerunterricht, Langenscheidt, München 1991.

2. Menzel, Barbara / Tamaoka, Katsuo: Der? Die?? Das??? - Das Genuszuweisung bei Anfängern. Zufall, Pauken oder Strategie? DaF 32/1995, S. 12-15.

3. Müller, Klaus: Memorieren und Konstruieren als Sprachlernstrategien, Jahrbuch DaF, 17/1991, S. 149-169.

4. Sperber, Horst: Mnemotechniken im Fremdsprachenerwerb, iudicium verlag, München 1991.

5. Ders.: Müssen denn der/die/das so schwierig sein?, Jahrbuch DaF, 17/1991, S. 221-241.

6. Weinrich, Harald: Sprache und Gedächtnis, Jahrbuch DaF, 17/1991, S. 128-147.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., Heft 1-2 (11-12) / 1997, S. 38-40

 

 

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