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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 221-223

 

 

DER KANON - HILFE ODER HINDERNIS IM FREMDSPRACHIGEN LITERATURUNTERRICHT?

Kathleen Thorpe



Was mit diesem etwas behelfsmäßigen Titel eigentlich gemeint wird, ist der Umstand, inwieweit das Fach Germanistik, AuslandsgermanistInnen verpflichtet, sich dem Kanon im Sinne von Behandlung mustergültiger Werke und Autoren im fremdsprachigen Literaturunterricht auf Hochschulebene zu fügen haben. Hinzugefügt werden sollte der Untertitel: Überlegungen zu einer internationalen, interkulturellen Germanistik.

Dieser Beitrag versteht sich als Anregung zu einer Diskussion über die Vorstellung einer interkulturellen Germanistik, die, wenn sie eine weite Verbreitung fände, die Möglichkeit in sich bergen würde, besonders AuslandsgermanistInnen eine einzigartige und spannende Augfgabe zu geben, belebend auf das Fach Germanistik einzuwirken und so zu einem wirklichen Kulturaustausch auf internationaler Ebene beizutragen. Dies setzt aber nicht nur ein verstärktes und offen zu Tage getragenes Selbstbewußtsein der AuslandsgermanistInnen voraus, mit der sie die Germanistik in den deutschsprachigen Ländern begegnen könnten - zum Zweck eines echten kulturellen Austausches unter Gleichgestellten. Ein so geführtes Gespräch, vermittelt durch die deutsche Sprache, würde dann auf die binnendeutsche Germanistik rückwirken und könnte auch zu fruchtbaren Neuüberlegungen zu ihrem eigenen Standort innerhalb der internationalen Germanistik führen.

Eine mit hundertprozentiger Sicherheit brauchbare Nebenwirkung wäre vielleicht eine Neuorientierung der deutschen Germanistik, in der es, wie bekannt, seit einiger Zeit kriselt. Etwas polemisch formuliert, könnte die Vorstellung einer interkulturellen Germanistik auf die Germanistik in den deutschsprachigen Ländern befreiend wirken, indem sie die Last, die Rolle des Kolonialherrn gegenüber der Auslandsgermanistik spielen, ledig würden.
Diese Überlegungen entstammen teils meiner eigenen Erfahrungen als Dozentin der Germanistik im Department of Modern Languages and Literatures an der University of the Witwatersrand, in Johannesburg, Südafrika, teils aus der Lektüre von einigen unlängst erschienenen Veröffentlichungen, die mir in die Hände kamen.

Zunächst wären ein paar Bemerkungen über meine Erfahrungen zur Orientierung von Nutzen. Das Department of Modern Languages and Literatures setzt sich aus drei ehemaligen, unabhängigen Sprachinstituten zusammen, nämlich Deutsch, Französisch und Italienisch. Portugiesisch ist nur auf Anfängerniveau präsent. Wir kooperieren miteinander in der Gestaltung eines zweisemestrigen Kurs Honours in European Literature, wo Texte in englischer Übersetzung gelesen werden, sonst kokurrieren wir um Studenten für die verschiedenen Sprachen. Das Ende der Apartheid in Südafrika und die daraus folgenden Aufrufe nach “Transformation” und “Afrikanisierung” der Hochschulen im Lande setzen Institute wie das unsrige unter einen besonderen Legitimationszwang angesichts des Schimpfwortes “eurozentrisch” - ein Problem, mit dem German Studies an Universitäten in den USA ja auch zu kämpfen haben. Unser “Mission Statement” (Satzung) heißt aber: “Unser Standort ist Afrika, unser Studienobjekt ist Europa”. So haben wir uns vor die Aufgabe gestellt, den Mittelpunkt unseres Interesses auf das eigene Land und auf den eigenen Kontinent zu verlagern. Dies führt natürlich zu einer Neuüberlegung unseres Lehrangebots. Diese Diskussion wird seit den späten achtziger Jahren in der südafrikanischen Germanistik überhaupt geführt, und Vorschläge sind in den Bänden der Acta Germanica. Jahrbuch des Germanistenverbandes im Südlichen Afrika der letzten Jahre nachzulesen. Im beschränkten Rahmen dieses Vortrags mache ich lediglich auf das Beiheft 1 vom Jahre 1990, das sich mit diesen Problemen direkt befaßt, aufmerksam.

Eine Auseinandersetzung mit der deutschen Literatur setzt zum einen eine gewisse Kompetenz in der deutschen Sprache voraus, und zum zweiten eine Anerkennung der Entwicklung der deutschen Literatur im Laufe der Jahrhunderte, was ja eine Auseinandersetzung mit den kanonisierten Texten und Autoren unvermeidlich macht. Die Abteilung German Studies setzt sich gegenwärtig mit diesen Problemen auseinander. Wir sind noch etwas entfernt von einem völlig integrierten Programm, sind aber schon zu dem Schluß gekommen, daß wir in dem dreijährigen Grundstudium wietgehend kanonische Texte lehren werden, aber daß in dem Abschlussjahr interessante Themen und Autoren, die nicht notwendigerweise kanonisch oder modisch in den deutschsprachigen Ländern sind, ungefähr die Hälfte des Lehrangebots ausmachen sollte. Auch in der Behandlung der kanonischen Texte erlauben wir uns, neben literaturgeschichtlichen Erwägungen, uns von Themen, die eine besondere Aktualität im südafrikanischen gesellschaftlichen Kontext besitzen, führen zu lassen. Und hier wird manchmal unverschämt und unbußfertig in die Mottenkiste der deutschen Germanistik gegriffen, wie zum Beispiel, angesichts der mangelenden Sexualaufklärung im Lande und die hohe Frequenz von Teenagerschwangerschaften, wird Frank Wedekinds Frühlingserwachen diskutiert. Familienmord und die Stellung der Frau in der patriarchalischen Gesellschaft liefern Franz Grillparzers Medea, was ja auch eine spannende Vergeichsmöglichkeit mit der Medea von Christa Wolf sowie Erich Hackls Erzählung Auroras Anlaß erlaubt. Die regelrechte Thematisierung der Kindesmißhandlung steht noch aus. Auch wird manchmal auf Seitenpfaden gewandert, und manchmal werden Themen wie Masochismus behandelt, wobei ganz richtig auf besondere Forschungsinteressen der Lehrstabsmitglieder geschlossen werden darf! Die Diskussion erfolgt auf deutsch. Wir sind durch den Umstand, daß nur wenige StudentInnen bei uns in der Schule die Möglichkeit hatten, Deutsch zu lernen, gezwungen, den Sprachunterricht mit dem Literaturunterricht zu verbinden. Weil nur wenige Studierende Vorkenntnisse der deutschen Sprache besitzen und die deutsche Gemeinde relativ klein ist, beginnt die Mehrzahl von StudentInnen im Anfängerkurs (Basic German). Innerhalb von drei Jahren müssen wir unsere StudentInnen auf ein adäquates Niveau der Sprachkompetenz bringen, so daß sie mit anspruchsvollen Texten auf deutsch umgehen können. Was bei den meisten fehlt, ist die Möglichkeit eines Deutschlandaufenthaltes. Südafrika liegt ja ziemlich weit unten auf der Weltkarte!

Eine Aufgabe, die in unserem Institut noch als “work in progress” Gegenstand der Diskussion ist, ist das Auffinden von literarischen Texten, die Afrika thematisieren. Werke wie Morenga von Uwe Timm und Der Gesang vom lusitanischen Popanz von Peter Weiss sind naheliegend. In der Auseinandersetzung mit Afrika bietet sich auch die Aussicht, einen besonderen Beitrag zur internationalen, interkulturellen Germanistik zu leisten. In diesem Zusammenhang könnte die 1996 veröffentlichte Anthologie: Andere Blicke. Habilitationsvorträge afrikanischer Germanisten an der Universität Hannover richtungweisend sein. Obwohl die Beiträge in diesem Band von West-Afrikaner geliefert werden, sind die Implikationen für die Entwicklung einer internationalen und multikuturellen Germanistik sicher auch gültig. Die spannende Aufgabe, die diese Anthologie aufwirft, haut in die gleiche Kerbe wie andere vor Kurzem erschienen Veröffentlichungen und Berichte, die ich in der Diskussion gern nennen würde. Die heurige März-Ausgabe der Zeitschrift Fachdienst Germanistik enthält für AuslandsgermanistInnen einen wichtigen Bericht über die Neuorientierung der Tätigkeiten des Goethe-Instituts in Richtung mehr Kultur und Multikulturalität.

Abschließend ließe sich feststellen, daß sich die Föderung einer internationalen und multikulurellen Germanistik für alle AuslandsgermanistInnen sowie für die GermanistInnen in den deutschsprachigen Ländern vorteilhaft auswirken könnte. Für die AuslandsgermanistInnen stünde eine für die Germanistik im eigenen Lande eine größere Relevanz für die eigene gesellschaftliche Situation in der behandelten Literatur in Sicht - für die binnendeutsche Germanistik gäbe es die Möglichkeit, gängige Vorstellungen vom “Anderen” zu befragen. Ich schließe mit einem Zitat aus dem Geleitwort von Eberhart Lämmert zum schon erwähten Band Andere Blicke:

...solange ein deutscher Germanist die Zäsur zwischen dem “Eigenen” und dem Anderen schlechthin zum Grundmuster des Weiterdenkens erklärt, nimmt er möglicherweise auch wider Willen noch teil an einer späten Metastase des deutschen Idealismus, der einst Fichte dazu verführte, in seiner Wissenschaftslehre nicht nur die Welt in ein personales “Ich” und “Nicht-Ich” aufzuteilen, sondern auch die deutsche Nation zum “Ich” unter den Völkern zu erklären. So bliebe aber die Waagschale zwischen dem “Eigenen” und dem “Anderen” bei der Instarierung einer möglichen interkulturellen Partnerschaft allzu ungleich besetzt, denn sie trüge auf der einen Seite immerfort das unverrückbar Eigene, auf der anderen aber bliebe kaum Platz, um ihn der Vielfalt der anderen Blicke und Kulturen in aller Welt einzuräumen (S. 11).


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Literatur:

1. Acta Germanica. Jahrbuch des Germanistenverbandes im Südlichen Afrika.

2. Andere Blicke. Habilitationsvorträge afrikanischer Germanisten an der Universität Hannover. Mit einem Geleitwort von Eberhard Lämmert. Hg. von Leo Kreutzer. Revonnah Verlag, Hannover. 1996. Schriftstücke I.

3. Fachdienst Germanistik. Sprache und Literatur in der Kritik deutschsprachiger Zeitungen. Jg. 15, Nr. 3, März 1997.

4. Marten, Stephan: Über Sprache, Sprachunterricht und Bildung. in: Wirkendes Wort. 46. Jg., H. 1, 1996, S. 76-93.

5. Wei, Irene: The Emergence of Culture und Cultural Emergency: The Conflicting ‘Demands’ of Cultural Studies. In: MLN. Vol. 112, No. 3, 1997, S. 454-469.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 221-223

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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