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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens (ZGR), Jg. 9, Heft 17-18 / 2000, S.250-256

 

 

Zwischen Nationalpädagogik und Philologie. Zur Geschichte und Funktionsbestimmung der frühen (und heutigen) Germanistik

 

Klaus F. Gille


 
 

Das Thema der nachstehenden Überlegungen ergibt sich aus einem Forschungs-projekt, das vor zwei Jahren am Amsterdamer Instituut voor Cultuurgeschiedenis von und für die Senior Staff Members veranstaltet wurde.[1] Es beschäftigte sich mit dem Zusammenhang der Entstehung von Nationalphilologien und der Ausbildung von Nationalstaaten in Europa im 19. Jahrhundert (leider hatten wir keinen rumänischen Kollegen dabei). Zur Zeit läuft ein Anschlussprojekt, das die Bedeutung nationaler Urtexte für das nation building untersucht. Ich selbst habe als germanistisches Beispiel für einen solchen Urtext die Wirkungsgeschichte des Nibelungenliedes in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gewählt.

Relevanz des Themas

Germanistik und Nation - Die Relevanz des Themas liegt in seinen beiden Bestandteilen. Zum einen: Zumindest in Westeuropa, in der Inlands- und Auslandsgermanistik, herrscht das Gefühl, das Fach befinde sich in einer Krise[2]; beklagt werden Lebensfremdheit[3] und Philologisierung"[4], und es stellt sich die Frage nach seiner Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs und seiner gesellschaftlichen Relevanz.

Zum zweiten: Die Rolle der Nation ist angesichts des Zusammenbruchs eines bipolaren Weltsystems und den nicht immer segensreichen Folgen der Globalisierung aufs neue zu bedenken. Wenn die Kulturnation als Bereich der Traditionsressourcen verstanden wird, in dem sich individuelle und kollektive Identität konstituieren - das Modell wird in einer multikulturellen Gesellschaft komplexer - dann stellt sich auch die Frage nach der Rolle der Kulturwissenschaften (unter ihnen die Nationalphilologien) aufs neue. Diese Funktionsbestimmung wäre ohne historischen Rückblick beliebig, - um zu verstehen, was ist, muss man wissen, wie es geworden ist.

Kultur-/Sprachnation

Unser Fach verdankt eine Entstehung einer in der deutschen Geschichte einmaligen Konstellation, in der sich Literatur und Politik in der Engführung des Nationalgedankens zusammenfanden. Die politische Krise, die von der napoleonischen Hegemonie und dem Zusammenbruch des Ersten Deutschen Kaiserreichs verursacht wurde, führte zu einer Rückbesinnung auf das nationale Kulturerbe; angesichts der kollektiven politischen Traumatisierung besann sich die deutsche Intelligenzija auf die kompensatorische Trostfunktion der überlieferten, vor allem der mittelalterlichen, Nationalliteratur. Noch 1854 fragen die Brüder Grimm angesichts der politischen Misere in der Einleitung zu ihrem Deutschen Wörterbuch: "was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur?"[5] Diese Rückbesinnung löste die Archivierung, Erforschung und Popularisierung überlieferter Sprachdenkmäler aus. Diese Bestrebungen konnten an eine schon jahrhundertealte Editionspraxis mittelalterlicher Texte ebenso anknüpfen wie an den Gedanken des späten 18. Jahrhunderts, Deutschland sei eine Kulturnation; Deutschland finde seine innere Einheit und Identität jenseits von politischer und sozialer Zersplitterung in kulturellen Traditionen. Friedrich Schiller formuliert 1795: "Die deutsche Würde <...> ist eine sittliche Grösse, sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist." Zu dieser sittlichen Grösse gehört für Schiller auch "das köstliche Gut der deutschen Sprache, die alles ausdrückt, das Tiefste und das Flüchtigste, den Geist, die Seele, die voller Sinn ist".[6]

Der Gedanke der Sprachnation wurde nach 1800 der "zentrale Gedanke der jungen Universitätswissenschaft Deutsche Philologie, genauer: er ist zentraler Gedanke jener bürgerlich-nationalen Bewegung, aus der die neue Wissenschaft erstand".[7] An ihn knüpfen sich nach 1800 zwei entscheidende Paradigmenwechsel: Erstens die Ablösung des Antikeparadigmas zugunsten des nationalen: "Der Werth des Alterthums" - so Wilhelm Grimm 1820 - "besteht darin, da· es uns unsere eigene Gegenwart erkennen lehrt. <...> Es ist daher auch klar, daß das vaterländische Alterthum die erste und größte Rücksicht verdient."[8] Zweitens: Gegenüber dem elitären Anspruch der Frühromantik und der Weimarer Klassik erfolgt nach 1800 eine Aufwertung des "Volkes" und seiner Sprache und Literatur. Fichtes Reden an die deutsche Nation (1808) laden den Volksbegriff mit metaphysischen Qualitäten zum Mythos auf; dies verleiht den deutschen Zuhörern den Trost, dass ihre Nation in der politischen Misere nicht untergehen wird. Die Nation wird als Sprachnation, und nicht etwa aus der Teilhabe an politischen oder verfassungsmäßigen Institutionen definiert; aus dieser Deffizienz können sich weitergehende politische Forderungen der frühen Germanistik speisen. Ein dritter Aspekt der Fichteschen Darlegungen ist viel problematischer: Mit der Behauptung der Höherwertigkeit der deutschen Sprache klinkt sich Fichte faktisch aus dem westeuropäischen Kontext und den Errungenschaften der westeuropäischen Aufklärung aus.[9]

Erzeugnisse des Volksgeistes

An Überlegungen wie die von Fichte kann die frühe Germanistik anknüpfen. Es geht dieser frühen Germanistik um die Herausarbeitung einer kulturellen Tradition, die Erbe und Eigentum des ganzen Volkes ist. Die zeitgenössische Kulturtheorie stellt her zwei äusserst einflussreiche Erklärungsmodelle bereit: Einmal die seit Herder geläufige Vorstellung vom anonymen, dichtenden Volksgeist, der sich in der Volkspoesie (Volksepos, Volkslied usw.) artikuliert. Zum anderen die von dem klassischen Philologen Friedrich August Wolf formulierte Theorie, die Homerischen Epen seien nicht das Werk eines einzelnen Dichters, sondern Werke mehrerer Rhapsoden (Prolegomena ad Homerum, 1795), die kurz nach 1800 in der Diskussion um die deutschen Altertümer sofort aufgegriffen und für die entstehende Germanistik fruchtbar gemacht wurde. Von beiden Modellen her konnte die Beschäftigung mit Volksdichtung legitimiert werden.

Dem Anspruch auf eine kulturelle Tradition des ganzen Volkes wollen die Sammlungen von Volksliedern (Arnim/ Brentano 1808), Volksbüchern (Görres 1807), Kinder- und Hausmärchen (Brüder Grimm 1812/15), Deutschen Sagen (Brüder Grimm 1816/18), Grimms Wörterbuch und die Deutsche Grammatik genügen. Diesen Erzeugnissen der frühen Germanistik liegt ein emphatischer Volksbegriff zugrunde, so bei Josef Görres, der erklärt, "dass der grosse Literaturstaat sein Haus der Gemeinen habe, in dem die Nation sich selbst unmittelbar repräsentiere <...> was Allen zusagt <...> wie Brod, das muss nothwendig Brodeskraft in sich besitzen, und lebensstärkend seyn."[10] Auffallend ist bei den frühen Germanisten die Betonung des demokratischen Charakters von Literatur, wie Görres' Formulierung vom "Haus der Gemeinen" zeigt.

Modernisierung

Der "Volksgeist" zeigt in diesen Zeugnissen ein doppeltes Gesicht. Einmal, deutlich bei Fichte, ein antiaufklärerisches, antizivlisatorisches, dessen Tradition sich dann über die - auch biologistisch und rassistisch fundierte - Volkstumstheorie des Turnvaters Jahn bis in die Nazi-Germanistik hinein verfolgen lässt.[11] Zum anderen ein demokratisches, das sich als antinapoleonische Reaktion nur unzureichend erklären lässt. Das demokratische Gesicht des Volksgeistes verweist auf die politisch-soziale Funktion, die die frühe Germanistik hatte. Die Betonung des demokratischen Charakters von Literatur hängt mit den gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen zusammen, von denen sich Deutschland nach 1800 herausgefordert sah. Im Kontext des Modernisierungspostulats sah sich die frühe Germanistik vor allem mit zwei Aufgaben konfrontiert: Einmal mit der Nationsbildung, also der Ankurbelung eines Assimilierungs- und Integrationsprozesses ständisch und regional getrennter Bevölkerungsgruppen mit Hilfe nationaler Ideologeme, die von der Literatur zur Verfügung gestellt wurden. Zum zweiten mit der Förderung der Partizipation aller Gesellschaftsschichten am politischen Prozess, wie sie dann in den Freiheitskriegen wenigstens ansatzweise verwirklicht wurde.

 "Das Nibelungenlied" als Urtext

Für diese Modernisierungsaufgaben begründete die frühe Germanistik einen Kanon von "Nationalbüchern", von denen das wich-tigste das "Nibelungenlied" geworden ist. Die Frühromantik (Friedrich Schlegel) hatte Literatur als Corpus verstanden; das erlaubte nicht nur den Entwurf einer Literatur der Zukunft (progressive Universalpoesie[12]), sondern auch die Einbeziehung der älteren Sprachdenkmäler, u.a, des Nibelungenliedes[13] in die Kanonbildung. Das Nibelungenlied wurde dann nach 1800 zum deutschen Urtext, der nicht nur als älter als die hochmittelalterlichen romanischen Texte (Dante, provencalische Dichter) verstanden wurde, sondern auch als deutsches Äquivalent der Homerischen Epen, also des literarischen Paradigmas der Goethezeit schlechthin.[14] Diese zunächst nur innerliterarische Aufwertung bekam unter dem Joch der napoleonischen Hegemonie eine politische Ladung. Während sich ein innergermanistischer Diskurs über diesen Urtext entwickelte (Gebrüder Grimm, A.W. Schlegel, Josef Görres u.a.), entfaltete sich gleichzeitig und in enger Wechselwirkung mit ihm sich auch ein Diskurs für eine breitere Öffentlichkeit, der von öffentlichen Vorlesungen (Brüder Schlegel), aber auch von popularisierenden Neuausgaben, teils mehr oder weniger behutsam modernisiert, teils ins Neuhochdeutsche übersetzt, getragen wurde. Friedrich Heinrich von der Hagen, der spätere erste germanistische Lehrstuhlinhaber an der neu gegründeten Berliner Universität, hat die politisch-gesellschaftliche Funktion des "Nibelungenliedes" 1807 in seiner Ausgabe unumwunden beschrieben: "Jetzo, mitten unter den zerreißendsten Stürmen" scheine es, "als suche man in der Vergangenheit und Dichtung, was in der Gegenwart schmerzlich untergeht. Es ist aber dies tröstliche Streben noch allein die lebendige Urkunde des unvertilgbaren Deutschen Karakters, der über alle Dienstbarkeit erhaben, jede fremde Fessel über kurz oder lang immer wieder zerbricht, und dadurch nur belehrt und geläutert, seine angestammte Natur und Freiheit wieder ergreift" den modernen Leser solle das Nibelungenlied "zwar traurend und klagend, doch auch getröstet und gestärkt zurücklassen <...> mit Stolz und Vertrauen auf Vaterland und Volk, mit Hoffnung auf dereinstige Wiederkehr Deutscher Glorie und Weltherrlichkeit erfüllen".[15]

Der Urtext als nationaler Mythos

Das literarische Werk promoviert hier zum nationalen Mythos, bei dem sich, sozialwissenschaftlich gesehen, drei Funktionen unterscheiden lassen: er ist erstens handlungslegitimierend, d.h. der Leser weiss sein gewünschtes politisches Handeln (Kampf oder Widerstand gegen Napoleon) beglaubigt durch die altehrwürdige literarische Tradition, den zeitüberdauernden "unvertilgbaren Deutschen Karakter", und die historische Prognose, die laut v.d. Hagen dem Werk zu entnehmen ist; er ist zweitens handlungsorientierend, d.h. der Nibelungenmythos gibt gesellschaftlich erwünschte Normen für das Handeln der Gegenwart vor; er ist drittens identitätsstiftend, denn der Leser weiss sich als Teil des "unvertilgbaren Deutschen Karakters” und "mit Stolz und Vertrauen auf Vaterland und Volk" auch emotional in die Nation eingebunden.

Gesellschaftliche Wirksamkeit von Lite-ratur?

Man muss bei der Einschätzung solcher Programmatik natürlich davon ausgehen, dass es sich hier um Intentionen handelt; es ist schwer einzuschätzen, inwieweit solche Konzepte eine wirkliche Breitenwirkung hatten. Dass die nationalpädagogische Funktion von Literatur nicht etwa von Gegenwartstexten, sondern von mittelalterlichen erwartet wurde, hat offensichtlich wegen des historischen Abstandes von Stoff und Sprache eine solche Breitenwirkung erschwert. Konnte ein nationaler Mythos wie das Nibelungenlied wirklich politisches Handeln steuern? Hierzu gibt es in bezug auf das Leserpublikum keine empirischen Daten, aber erhellend ist eine Äußerung von Jacob Grimm, die im Zusammenhang mit seiner Opposition gegen die hannoversche Verfassungsänderung und seiner darauf folgenden Entlassung (Göttinger Sieben) steht: "die geschichte zeigt uns edle und freie männer, welche es wagten, vor dem angesicht der könige die volle wahrheit zu sagen <...> auch die poesie, der geschichte widerschein, unterlässt es nicht, handlungen der fürsten nach der gerechtigkeit zu wägen. solche beispiele lösen dem unterthanen seine zunge, da wo die noth drängt, und trösten über jeden ausgang."[16] Für eine Breitenwirkung sagt Jakob Grimms Äußerung allerdings nichts aus. Andererseits haben gerade philologisch häufig fragwürdige Übersetzungen und Bearbeitungen eine auch quantitativ beeindruckende Vermittlerrolle gespielt.[17] Für den akademischen Bereich muss sich Ernüchterung einstellen, wenn wir uns klarmachen, dass von der Hagen in Breslau, wo er seit 1811 lehrte, im Durchschnitt 12 Hörer hatte, bei maximal 100 Studenten der philosophischen Fakultät. Ohnehin blieb die Universitätsgermanistik in Umfang und öffentlicher Resonanz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts marginal. Dem zurückschauenden Blick stellt sich als zentrales Problem der frühen Germanistik die Opposition zwischen nationalpädagogischem Anspruch und institutionell erstarrter Wirklichkeit. Dieser Gegensatz lässt sich auf der pragmatischen Ebene als Opposition zwischen Popularisierung und Philologisierung verorten. Es ist der schon eingangs zitierten angesprochene Gegensatz, der schon in der Frühgeschichte unseres Faches aufbricht. Die Brüder Grimm etwa hielten zeitlebens am Popularitätskonzept fest, und schlussfolgerten, zweifellos idealistisch, noch 1854: "Was ist eines wörterbuchs zweck? <...> Es soll ein heiligthum der sprache gründen <...> allen zu ihm den eingang offen halten. das niedergelegte gut <...> wird ein hehres denkmal des volks." Aus dieser Programmatik entstand bei den Brüdern die Vorstellung von der Sprachwissenschaft als einer - freilich rollenfixierten - Familienidylle: "warum sollte sich nicht der vater ein paar wörter ausheben und sie abends mit dem knaben durchgehend zugleich ihre sprachgabe prüfen und die eigene anfrischen? die mutter würde gern zuhören."[18] In der Praxis erstarrte das Fach in philologischer Askese, fassbar besonders in der Aufgabenstellung der methodologisch dominanten Lachmannschule, die sich einseitig auf Textrekonstruktion und Textgeschichte richtete und andere Fragestellungen, wie literarhistorische Kontextuierungen und Rezeption ausklammerte. Lachmanns Wissenschaftsauffassung war elitär und arrogant: Er restituierte den Primat der Höhenkammliteratur und gestaltete seine "kahlen, aller Erläuterungen baaren Ausgaben"[19] extrem leserunfreundlich. Der Dichter Victor von Scheffel befand in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, die Germanistik sei im Ganzen " 'eine Litteratur von Gelehrten für Gelehrte, an der die Mehrzahl der Nation theilnahmslos vorübergeht und mit einem Blick zum blauen Himmel ihrem Schöpfer danke, daß sie davon nichts zu lesen braucht.' "[20]

Für die Fachgeschichte war Lachmanns Konzept die "langfristig erfolgreichste Variante der Bemühungen um die deutsche Sprache und Literatur"[21], dies allerdings um den Preis der öffentlichen Einflusslosigkeit und der Abtrennung von der nationalen Selbstfindung und Bildungsprogrammatik, die sich in anderen Diskursen vollziehen sollte.

Gervinus und Scherer

Dennoch ist mit der Philologisierung und Institutionalisierung der Germanistik ihr Konnex zur Nation noch nicht durchschnitten. Sehen wir an dieser Stelle davon ab, den traurigen Weg unseres Faches von der Oppositions- zu Affirmationswissenschaft im 20. Jahrhundert nachzuzeichnen, begnügen wir uns mit zwei repräsentativen Namen im 19. Jahrhundert, mit Georg Gottfried Gervinus und Wilhelm Scherer; die Wahl gerade dieser Namen hängt nicht nur mit ihrer innovierenden Funktion in der Fachgeschichte zusammen, sondern auch mit ihrer Nähe zu den fachgeschichtlichen Zäsuren, die, nach 1810, mit 1848 und 1871 anzusetzen sind.

Gervinus steht bekanntlich mit seiner "Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen" (1835-42) am Anfang einer wissenschaftlichen Literaturgeschichtsschreibung. Er stellt sich in die nationalpädagogische Tradition, die von der Lachmannschule vergessen worden war, mit dem Ziel, "der Nation ihren gegenwärtigen Wert begreiflich zu machen, ihr das verkümmerte Vertrauen auf sich selbst zu erfrischen, ihr neben dem Stolz auf ihre ältesten Zeiten Freudigkeit an dem jetzigen Augenblick und den gewißesten Mut auf die Zukunft einzuflößen."[22] Beim näheren Hinsehen erweist sich allerdings Gervinus' Konzept als nicht unproblematisch für die Funktionsbestimmung unseres Faches. Denn in seinen Augen hat die deutsche Literatur mit der Weimarer Klassik ihren Höhepunkt erreicht; die Zeit danach ist für ihn nur noch Verfallsgeschichte. Die erreichte literarische Blüte ist Verheißung für den politischen Bereich, den zu schaffenden bürgerlichen Nationalstaat - aber eben nur das. Die Gegenwartsliteratur hat keine steuernde Funktion mehr für die soziale Wirklichkeit: "Wir wollen nicht glauben , daß diese Nation in Kunst, Religion und Wissenschaft das Größte vermocht habe, und im Staate gar nichts vermöge <...> Der Wettkampf der Kunst ist vollendet; jetzt sollten wir uns das andere Ziel stecken, das noch kein Schütze bei uns getroffen hat, ob uns auch da Apollon den Ruhm gewährt, den er uns dort nicht versagte."[23]

Die Schwiergkeiten, in die das nationalpädagogische Konzept am Ende des Jahrhunderts gelangen sollte, lassen sich gut am Beispiel Wilhelm Scherers illustrieren. Auch er steht in der Tradition der Nationalpädagogik, am deutlichsten in der Widmung seiner "Geschichte der deutschen Sprache" an Karl Müllenhoff (1886), wo er das Konzept einer "Wissenschaft" skizziert, die "das kühne Unternehmen wagte, ein System der nationalen Ethik aufzustellen, welches alle Ideale der Gegenwart in sich beschlösse und <...> uns ein herzerhebendes Gemälde der Zukunft <...> in die Seele pflanzte. <...> und auf diesem Inventar aller unserer Kräfte würde sich eine nationale Güter- und Pflichtenlehre aufbauen."[24] Diese "nationale Ethik" speist sich zum einen aus der Tradition der später so genannten Deutschen Bewegung, zum anderen aber auch aus der Einbeziehung von Erkenntnissen und Methoden der (damals) modernen Natur- und Sozialwissenschaften. Scherers Programmatik erfährt allerdings in der Praxis erhebliche Abstriche. Der Grund liegt in der Affirmation der preußischen Machtpolitik durch den Gelehrten in wissenschaftlicher (Literaturgeschichte) und Lebenspraxis (Straßburger Lehrstuhl). Das System der nationalen Ethik schließt für Scherer faktisch mit Goethes Tod; die ökonomische und die politische Geschichte bleiben in der Literaturgeschichte ausgespart. Die Literaturgeschichte wird als Vorgeschichte des Zweiten Reiches verstanden, das sich mit diesen fremden Federn schmücken darf; Kritik an der preußischen Politik wird in Privatäußerungen abgedrängt.[25] Die Partizipation am System der Mandarine mag solche Konzessionen erzwingen; Franz Mehring hat sie in seiner "Lessing-Legende" gnadenlos an den Pranger gestellt. Aber Scherers Denken und Handeln entspringt nicht nur dem Opportunismus. Scherer unterliegt bereits dem Erosionsprozess, dem die kulturellen Traditionen des 19. und 20. Jahrhunderts ausgesetzt sind. Wilhelm Dilthey hat dies 1886 in seinem Nachruf auf Scherer deutlich gesehen: "Mit der Ausdehnung der wirthschaftlichen Beziehungen über den Erdball und mit der Entfaltung der Industrie, beginnen die dunklen Kräfte der Menschennatur die europäische Gesellschaft zu schrecken. <...> Es geht zugleich durch die Menschen unserer Tage das Gefühl, dass die Idealität des Lebens erhalten werden muss."[26]

Schlussfolgerungen

Ich möchte hier die historische Darstellung abbrechen und zu einigen Schlussfolgerungen kommen:

 Von ihrer Entstehungsgeschichte her betrachtet hätte die Germanistik heute keine Existenzberechtigung mehr. Ihr nationalpädagogisches Konzept war die Antwort auf eine ganz bestimmte, unwiederholbare historische Situation. Diese Tatsache konnte bis in unsere Zeit dadurch verdeckt werden, dass seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Nationalpädagogik in den Schulen in der Form des Deutschunterrichts institutionalisiert wurde. Hier schien jene Allgemeinverbindlichkeit von der Sozialisationsinstanz Schule her noch einforderbar, die für Viktor von Scheffel in seiner Kritik der akademischen Germanistik schon fragwürdig war. Aber einen verbindlichen nationalen Bildungskanon hat heute weder die Schule noch die Universität anzubieten. Nicht nur, weil dem postmodernen Bewusstsein alle grossen Erzählungen (Lyotard) sowieso verdächtig sind; nicht nur, weil literarische Texte heute mit ganz anderen, neuen Medien konkurrieren müssen. Am meisten wird heute das Fach von einem globalen Paradigmenwechsel bedroht, dem Primat des ökonomischen Prinzips, das unser Fach an Studentenzahlen, gesellschaftliche Relevanz (= Nützlichkeit für die Wirtschaft) koppelt.

Aber kann Literatur(wissenschaft) unter gewandelten Bedingungen heute noch einen Beitrag zu einer nationalen kollektiven Identität leisten? Sicher nicht mehrt im Sinne einer "nationalen Güter- und Pflichtenlehre"[27] (Wilhelm Scherer). Aber wir sollten uns darauf einlassen, dass im Verständnis unserer Studenten das nationalpädagogische Konzept des 19. Jahrhunderts durch ein individualpädagogisches Konzept abgelöst worden ist. Man erwartet vielfach von unserem Fach Sinnstiftung, Modelle der gelungenen oder mißlungenen Lebensgestaltung, Integration in kulturelle Traditionen. Gehen wir darauf ein? Fühlen wir uns, historisch gesprochen, der demokratischen oder der philologischen Tradition des Faches verpflichtet? Oder sollten wir, gut hegelianisch diesen Gegensatz "aufheben"? An dieser Stelle des Vortrages können wir versuchen, eine Positions- und Funktionsbestimmung der Literaturwissenschaft vorzunehmen. Ich plädiere dafür, diese nicht in einer umfassenden Kulturwissenschaft aufgehen zu lassen, sondern ihren Eigensinn in den Dienst eines individualpädagogischen Konzepts zu stellen.

Die Identität des Rezipienten (Studenten) konstituiert sich gerade aus der Spannung von Fremdheit und Affirmation. "Fremdheit" ist auch, aber nicht nur eine auslandsgermanistische Kategorie; sie entsteht z.B. aus zeitlichen, räumlichen und geschlechtsspezifischen Distanzen.

Das Unbehagen, das Befremden, das Literatur hervorbringt, kann durchaus als produktives Moment im Sinne eines individualpädagogischen Konzepts verstanden werden.

Aber ist Individualpädagogik in einem Hochschulraum überhaupt möglich, der sich zusehends von den Zwängen der Ökonomie geknebelt sieht? Individualpädagogik setzt Geduld und meditative Freiräume voraus. Das universitäre Effizienzdenken tendiert zu Tempo, abfragbarem Wissen, Massenvorlesungen u.dgl. Werden wir bald wieder, wie weiland die Brüder Grimm, aber unter anderen Rahmenbedingungen rufen müssen: "was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur?" Oder werden wir das gar nicht mehr rufen können, weil die Traditionen erodiert und schließlich abgebrochen worden sind?



 

[1] Zum historischen Teil meiner Ausführungen vgl. Klaus F. Gille: Germanistik and Nation, in: Yearbook of European Studies / Annuaire d'etudes europeennes 12, 1999, S. 27 - 55

[2] Vgl. Klaus F. Gille: Zur Situation der Germanistik in den Niederlanden. Rede zum niederländischen Germanistentag 12.12.1999, abzurufen auf folgende Adresse: http://www.hum.uva.nl./gille >Hochschulpolitik

[3] Thomas Steinfeld in: FAZ, 9. September 1998, Feuilleton

[4] So mit Bezug auf die Anglistik Jürgen Kaue in: FAZ, 16. September 1998, Feuilleton

[5] Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch. Einleitung zum ersten Band, in: Eine Wissenschaft etabliert sich 1810-1870. Wissenschaftsgeschichte der Germanistik, hg. v. Johannes Janota, Tübingen 1980, S. 126.

[6] Friedrich Schiller, <Deutsche Grösse>, in: F.S., dtv-Gesamtausgabe, Bd. II, München 1965, S. 227.

[7] Jörg Jochen Müller, Germanistik und deutsche Nation 1806-1848, Stuttgart 1974, S. 53.

[8] Wilhelm Grimm, Die altnordische Literatur in der gegenwärtigen Periode <1820>, in: J. Janota (Anm. 4), S. 100f.

[9] Johann Gottlieb Fichte, Reden an die deutsche Nation, Hamburg 1978 (5. Aufl.). Vgl. dort die Ausführungen über Humanität, Popularität, Liberalität (S. 68ff.).

[10] Joseph Görres, Die deutschen Volksbücher, in: J. Janota (Anm. 3), S. 71f.

[11] Vgl. dazu das Vorwort, das der auch in der Nachkriegsgermanistik noch angesehene Gerhard Fricke 1936 seiner Ausgabe von "Deutsches Volkstum" des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn (Stuttgart, Reclam) voranstllte.

[12] Athenäumsfragment 116, Krit. Friedrich Schlegel-ausgabe FSKA), hg. v. Ernst Behler <u.a.>, Bd. II, München ff 1967, S. 182

[13] Friedrich Schlegel: Gespräch über die Poesie. Epochen der Dichtkunst, in: FSKA (Anm. 11) II, S. 303.

[14] Ludwig Tieck: Kritische Schriften, Bd. I, Leipzig 1848 [Reprint 1974], S. 191f.

[15] Friedrich Heinrich von der Hagen: Der Nibelungen Lied. Erneuet und erklärt, in: Janota (Anm. 4), S. 63f.

[16] Jakob Grimm, Über seine Entlassung (1838), in: J. Janota (Anm. 3), S. 158.

[17] Vgl. Siegfried Grosse: Zur Rezeption des Nibelungenliedes im 19. Jahrhundert. In: Kunsterfahrung und Kulturpolitik im Berlin Hegels, hg. v. Otto Pöggeler und Annemarie Gethmann-Siefert (=Hegelstudien, Beiheft 22), S. 312ff.

[18] Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch. Einleitung zum ersten Band, in: J. Janota (Anm. 3), S. 132f.

[19] Franz Pfeiffer, Rezension, Des Minnesangs Frühling (1858), in: J. Janota (Anm. 3), S. 222.

[20] Ebd., S. 224

[21] Ulrich Hunger, Romantische Germanistik und Textphilologie: Konzepte zur Erforschung mittelalterlicher Literatur zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in: DVJS 1987, Sonderheft, S. 42ff. (Zitat: S. 59*).

[22] Georg Gottfried Gervinus, Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen. Einleitung (1835), in: J. Janota (Anm. 3), S. 178.

[23] Georg Gottfried Gervinus, Geschichte der Deutschen Dichtung, Bd. V, Leipzig 1853, S. 667.

[24] Wilhelm Scherer: An Karl Müllenhoff, in: Materialien zur Ideologiegeschichte der deutschen Literaturwissenschaft, hg. v. Gunter Reiss, Bd. I, Tübingen 1973, S. 1f.

[25] Vgl. Jürgen Sternsdorff: Wissenschaftskonstitution und Reichsgründung. Die Entwicklung der Germanistik bei Wilhelm Scherer, Frankfurt a.M. ff. 1979, S. 183.

26 Wilhelm Dilthey: Wilhelm Scherer zum persönlichen Gedächtnis (1886), in: G. Reiss (Anm. 18) S. 12.

 

[27] Wilhelm Scherer: An Karl Müllenhoff, in: Materialien zur Ideologiegeschichte der deutschen Literaturwissenschaft, hg. v. Gunter Reiss, Bd. I, Tübingen 1973, S. 1f.


 

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