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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 402-403

 

 

Bücher- und Zeitschriftenschau

 

Konrad Kunze, dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet.

München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1999, 2. Auflage, 240 Seiten, 115 Abbildungsseiten in  Farbe. 

 

 

Außer den dtv-Atlanten für deutsche Literatur und deutsche Sprache ist der dtv-Atlas Namenkunde auch für den Auslandsgermanisten begrüßenswert und willkommen.

Der Atlas versteht sich sowohl als Einführung in die Namenkunde, als auch als Namenlexikon und stellt somit eine neue Betrachtungsmöglichkeit innerhalb der Namenkunde dar. Er richtet sich nicht nur an den Fachmann, sondern auch an den Leien. Die Erforschung der ca. 9000 Namen gelingt hervorragend anhand einer systematischen und grafischen Darstellung. Für die Veranschaulichung seiner Ideen fand Konrad Kunze im Grafiker Hans-Joachim Paul einen ausgezeichneten Partner.

Die zweite Auflage (Juni 1999) bringt als Neuerung im Vergleich zur ersten (März 1998) zahlreiche Einzelheiten in Karten und Text und vor allem das Kapitel über Telefonanschlüsse als neue namenkundliche Quelle (hier erstmals umfassend für Deutschland genutzt), die es in Zukunft erlauben wird, Namenforschung auch aus geografischer Perspektive zu betreiben. Somit wird Konrad Kunze zum Wegbereiter der modernen deutschen Namenforschung.

In der Einführung erfahren wir, dass die Eigennamen sich von den anderen Namen dadurch unterscheiden, dass sie Einzelwesen identifizieren, keine lexikalische Bedeutung, sondern nur eine Bedeutsamkeit, eine Ausstrahlung haben, und sich einer grammatischen Sonderstellung erfreuen.

Das Prizip der Zusammensetzung ist im Deutschen und in den germanischen Sprachen sehr alt, es kommt schon in der Rufnamengebung vor, wobei teriphore Namen, die eine Tierbezeichnung als Bestandteil enthalten, sehr beliebt bei den Germanen waren (z. B. Adalbert, Bernhard, Wolfgang u. a.) und theophore Namen (z. B. Astrid, Irmgard, Ortrun, Thorsten) erst seit dem 10. Jh. n. Chr. vorkommen.

Über die Epoche der zweinamigen Vornamen wird der Leser in den Kapiteln zur Geschichte der Ruf- und Vornamen vom Spätmittelalter bis zum 20. Jh. unterrichtet, und zwar beginnt der Brauch, Kindern zwei oder mehr Vornamen zu geben, ab 1500, im Süden, beim Adel und breitet sich dann auf das Stadtbürgertum und andere soziale Schichten aus. Heute spielen bei der Motivation der Namengebung eher der Geschmack, als die Tradition eine Rolle; aparte Namen (nordische, niederdeutsche, slawische, französische, angloamerikanische) sind sehr beliebt und werden zur Mode.

Familiennamen sind aus der Notwendigkeit einer genaueren Identifizierung einer Person entstanden, zuerst in Venedig im 9. Jh., in Deutschland erst Anfang des 12. Jhs. Besonders in Urkunden ist diese Notwendigkeit sichtbar, wo außer dem Rufnamen auch ein Beiname der Person genannt wird, welcher zum Familiennamen werden konnte, sobald er auf die Nachkommen vererbt wurde. Das Fehlen eines Beinamen konnte selbst zum Beinamen werden, so 1361 in Breslau: Heinrich ane czunamen „Heinrich ohne Beinamen“. In Deutschland beginnt der Prozess der Zweinamigkeit im Schrifttum süd- und westdeutscher Städte, breitet sich dann nach Norden und Osten aus und ist Anfang des 15. Jhs. vollendet.

Die Anziehungs- und Überzeugungskraft dieses Buches liegt auch an den zahlreichen grafischen Darstellungen, Tabellen, Zahlenangaben, Prozentsätzen, Karten u. ä.  So erfährt der Leser, dass die häufigsten deutschen Familiennamen in der BRD um 1970 aus der Gruppe der Berufsnamen (Becker, Fischer, Meyer, Müller, Schneider, Schmidt, Wagner, Weber u. a.) stammen, gefolgt von jener aus Übernamen (Fuchs, Klein, Krause, König, Lange, Neumann, Schwarz, Weiß u. a.). Die Vorliebe einiger Rufnamen im Spätmittelalter hat bemerkenswerte Spuren im heutigen Familiennamenschatz hinterlassen. Aus Johannes sind über 300, aus Nikolaus über 400 deutsche Familiennamen (christliche Patronymika) entstanden.

Insbesondere Familiennamen, die beständiger als Vornamen sind, sagen etwas über die Vorfahren einer Person aus: über ihre Verwandten, Herren, Patronen (Claasen =Sohn des Klaus, Hinz < Heinrich, Jüttner < Jutta, Kunz < Konrad, Madlener < Kloster oder Ort St. Magdalena), über ihre Herkunft (Basler, Fries, Hesse, Kölner, Nürnberger, Schwoob), die Stätte an der sie wohnten (Holzer, Kirchhofer, Mo(o)ser, Ried(er), Steger, Sudermann, Westermann), über ihren Beruf (Bauer, Färber, Fleischer, Huber, Lehner, Rebmann, Schmied, Schuhmacher, Wagner, Zimmermann); ihr Aussehen, Verhalten, Besitz u. ä. (Einbein, Faulmann, Fresser, Fröhlich, Grau, Hundertmark – für den Reichen, Kahl(e)mann, Klein, Kraus(s)e, Leisegang, Liebermann, Mager, Sauermann, Schiller, Schwätzer, Siebenhü(h)ner – nach der Leistungspflicht, Teufel, Zenker). Doch ist die Deutung von Namen nicht immer einfach und die Probleme, die sie bei ihrer Erfassung mit sich bringen, benötigen ein solides sprachhistorisches und kulturgeschichtliches Wissen. Die Familiennamen Augstein und Grollmus sind als christliche Patronymika zu deuten, weil sie Kurzformen von Augustin bzw. Hieronymus sind; Abele stellt die friesische Kurzform von Adelburg dar, der Familienname Bellmann, ein germanisches Patronymikum, hat sich als typisch sächsische Form aus dem Rufnamen Balduin entwickelt, derselbe Familienname kann jedoch auch als Herkunftsname, nach dem Ort Belle bei Rothenburg / Hannover interpretiert werden. Windisch und Welscher gehören zu den Herkunftsnamen und bezeichnen die Herkunft oder eine besondere Beziehung zu den Slawen (mhd. wint = Slawe) bzw. Romanen.

Bei der Deutung der Wohnstättennamen, die den Sitz von Einheimischen und nicht die Herkunft von Fremden (Herkunftsnamen) bezeichnen, ist ein detailiertes Kennen der Standard- aber auch der mundartlichen Varianten der Bezeichnungen für die Oberflächengestalt der Landschaft und allgemein für den Bereich der Flurnamen unentbehrlich. Nur so können Familiennamen wie: Bultmeier (niederdt. Bülte = Bodenerhebung), Gufler (in den Alpen Kofel = Bergkopf), Knipers (rhein. Knipp = Hügel), Stützel, Halter, Hinterleutner und Knigge, die alle auf alte regionale Bezeichnungen für das Wort „Hang“ zurückzuführen sind (oberdt. Stutz, westdt. Halde, (süd)ostdt. Leite, niederdt. Knick), Zurfluh (Fluh = Felswand) gedeutet werden.

Familiennamen können in sich alte, inzwischen untergegangene Berufe und Bezeichnungen konservieren, so: Felgenhauer (Felge = der komplizierteste Radteil), Gürtler (= Gürtelmacher), Göckelmann, Gompelmann, Schirmmeister (= Unterhaltungskünstler: Gaukler, Akrobat, Fechter), Kandelgießer (= Zinnkannengießer), Lass(er)mann (bezieht sich auf das Aderlassen, eine der Heilpraktiken des Baders), Lebkuchner, M(a)user (= Maus- oder Maulwurfsfänger), Meier (= herrschaftlicher Verwalter des Fronhofes), Nonnenmacher und Bierschneider (= Tierkastrator eines weiblichen bzw. männlichen Schweines), Plattner (= Harnischmacher), Schultz(e) (= Schultheiß), Zistler (= Korbflechter).

Die Bedeutungskonkurrenzen und die lautliche  Vielfalt vieler Familiennamen müssen bei ihrer Deutung besonders berücksichtigt werden. Die Grenzen des nieder-, mittel- und oberdeutschen Sprachraumes können musterhaft anhand der geografischen Verbreitung der Familiennamenvarianten: Niemann, Naumann, Neumann beschrieben werden.

Der Atlas enthält auch einige Kuriositäten; beispielsweise wurden in einer Untersuchung (1980) Männer namens Schmidt und Schneider nach Größe und Gewicht verglichen, wobei sich herausstellte, dass die Schmidt im Durchschnitt 2,4 kg schwerer und 0,7 cm größer als die Schneider waren. In der Tat ergibt sich heute, dass Spitzensportler namens Schmidt eher in der Schwerathletik vertreten sind, wo das körperliche Anforderungsprofil nach Größe, Gewicht und Stämmigkeit dem des Schmiedeberufs entspricht, während Spitzensportler namens Schneider eher in der Leichtathletik anzutreffen sind. Auf diese Weise läßt sich mit Familiennamen beweisen, wie sich Sozialstrukturen (Berufsfindungsmechanismen, Heiratskreise) auch nach Jahrhunderten auf das Geninventar auswirken.

Der dtv-Atlas Namenkunde liefert dem Leser nicht nur Informationen über die Entstehung, Bildung, Geschichte, Bedeutungsvielfalt und lautliche Vielfalt der Namen, sondern auch solche über die jüdischen und fremdsprachlichen  Namen, über Namenschreibung, Namenrecht, Spitznamen, Schimpfwörter aus Personennamen, Namenmantik, Namenhäufigkeit, Vermarktung von Namen und vieles andere mehr und ist somit ein praktisches Namenbuch für jedermann.

Adina-Lucia Nistor


 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 402-403

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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