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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 166-168

 



DIE EINSAMKEIT DER PASSANTEN-WELT. ZUM WERK VON BOTHO STRAUSS

Laura-Beatrice Petrescu

 

Botho Strauß’ Name ist vor allem mit dem deutschen Theater verbunden. Er ist einer der Autoren, deren Stücke am meisten gespielt werden. Seine Theaterstücke sprechen von geheimnisvollen Ereignissen, die Zeit und die Handlung sind märchenhaft und widerspiegeln die Lage einer Gesellschaft, deren Phänomene und Selbstbewußtsein aufmerksam registriert werden. Der Träger des Büchner-Preises Botho Strauß ist nur als Dramaturg bekannt. Er hat Gedichte, Aufsätze und Erzählungen geschrieben. Seine (meist Kurz)Erzählungen, beeindrucken durch eine äußerst feine Beobachtung der Umwelt.

Im Februar 1993 veröffentlichte Botho Strauß in der Wochenzeitschrift Der Spiegel einen aufsehenerregenden Aufsatz. Die Debatten im Zusammenhang mit diesem Aufsatz, der den Titel Anschwellender Bocksgesang trägt dauerten lange an. Botho Strauß - ein Mann in den fünfzigern, einer der Teilnehmer an der linksorientierten Studentenbewegung des Jahres 1968 - zieht diese Generation zur Verantwortung und behauptet, daß sie zur Dekadenz der Werte in der Gesellschaft und sogar zum Haß gegen die Fremden beigetragen hat. Während dieser De-batten erschien auch ein neuer Prosabandmit dem Titel Wohnen Dämmern Lügen. Dieser Band hat, was die Argumente pro und dagegen anbelangt, dasselbe Schicksal wie der eben erwähnte Aufsatz gehabt. Er wurde sowohl erbarmungslos kritisiert als auch hochgepriesen. Dieser Band umfaßt Erzählungen, kurze Geschichten und Skizzen, deren Thematik aus dem Alltagsleben inspiriert sind. Sie sind Beschreibungen gewöhnlicher Begebenheiten, Feststellungen, die einer genauen Beobachtung des Milieus entspringen. Wenn manch einem gerade Botho Strauß’ eigenartige Sprache mißfällt, so stellt dieses Buch für andere Kritiker das Beste dar, was der Autor bis jetzt geschaffen hat. Die Fähigkeit des Autors, bei seinen Helden die feinsten seelischen Regungen und deren Gründe in einer scheinbaren Alltagssprache festzuhalten, verleiht seiner Prosa eine beinah mythische Atmosphäre.

Der Titel des älteren Prosabandes Paare, Passanten würde unserer Ansicht nach durchaus auch zum neueren Band Wohnen Dämmern Lügen passen. Man wird immer mehr mit Zeitkritik, mit Überlegungen zur Gegenwartssituation konfrontiert.

Im Verlust eines geliebten Wesens bricht für uns die Welt zusammen und zeigt sich uns, in welch gesellschaftslosem Dasein wir stehen. (PP, 35) (1)

Die skizzenhafte Struktur ermöglicht den thematischen Reichtum sowie eine Reihe von an den Leser gerichteten Provokationen. Aus einer atomisierenden Perspektive erlebt man die Welt als eine “verfluchte Passanten-Welt” (PP, 75). In Paare, Passanten (1981) notiert Strauß in 6 Kapiteln Beobachtungen über “Paare”, “Verkehrsfluß”, “Schrieb”, “Dämmer”, “Einzelne” und den “Gegen-wartsnarren”. Er reflektiert diese Beobachtungen als Produkt einer Zeit, als moderne Schicksale. Er gibt sich mit dem Nachweis sozialer Zwänge nie zufrieden. Dazwischen werden Literaturzitate eingeschoben.

Dieses ... Buch ist ein Ereignis, wie in der deutschen Literatur schon lange keines mehr stattfand (2),

behauptet Joachim Kaiser.

Mir ein unfassliches Gesetz, das so vertraute wieder in Fremde verwandelt (...) Verfluchte Passagen-Welt. (...) Gemeinsam fallen alle Werke der Herrschaft der Geschwindigkeit, der wachsenden Beschleunigung und der totalen Passage zum Opfer (...) Das im Entwischen Erwischte bildet den Kern eines letzten Realismus. (PP, 75, 104)

Wie in den früheren Werken sieht Strauß hier das Individuum als “gesellschaftlich ab-gedrängt, philosophisch unbedeutend, nur noch in der Gestalt des Künstlers überdauernd.” (PP, 120). Die kurzen Szenen handeln von stets wechselnden, meist nicht näher gekennzeichneten Figuren. So spürt Strauß den Hintergründen der überhörten Gespräche an Nebentischen nach, oder er beschreibt das lächerliche Verhalten der Gäste, die mit einer Glastür zusammenstossen. Seine Erzählperspektive gleicht der einer skizzierten Figur, die teilnahmslos am Straßenrand steht und beobachtet: “der Traum des überheblichen Zuschauers” (PP, 84). Er beschreibt die Alltags-Tragik eines Trinker-Ehepaares, die Zukunftlosigkeit einer Drogensüchtigen und erkennt die Sucht als radikalste Form der menschlichen Verarmung zur Eindimensionalität: “kein Lächeln, keine Lüge, kein Handschlag, die nicht der Sucht dienten”.(PP, 147)

Die skizzenhafte Erzählperspektive verhindert eine mehrdimensionale Darstellung der meisten Figuren, sie werden demzufolge eindimensional nachgezeichnet, so daß der Leser “das Drahtgespinst der Psycho-Puppe” (PP, 71) durchblicken kann.

Strauß beschreibt eine Konfrontation zwischen einem Betrunkenen mit einer schmutzigen Hose und zwei Reinigungsangestellten, die ihm ohne Interesse mitteilen, er müsse die Hose lassen, also ohne Hose gehen, wenn er diese gesäubert haben will, und daraus schließt er:

Außer den Kräften der Ausbeutung und der Angst scheinen nur noch die der Nachlässigkeit und des Desinteresses die Verhältnisse der Menschen untereinander zu regeln. Und nimmt man den Leuten das tiefe Desinteresse aneinander, so vermehrt man wohl bloß ihre Angriffslust. (PP, 150).

Desinteresse oder Aggression sind Alternativen zwischenmenschlicher Beziehungen in einer heillosen Gegenwart. Das in Strauß’ Gedicht Unüberwindliche Nähe wiedergegebene Bild zwischenmenschlicher Begegnung im Museum entspricht seiner Konzeption eines ewigen Näherkommens und Sich-Entfernens der Menschen:

Ausgang ins Museum, Treffpunkt zur/Trennung
Seite an Seite, unüberwindliche Nähe
Das Zimmer ihres Sehens, jeder Blick
ein gerade noch vermiedener Anblick (...) (3)

“Die Atmosphäre einer Ausstellung ist doch merkwürdig: die Menschen gehen aneinander vorbei, treffen und trennen sich” (4) - lautet eine Äußerung Strauß’ in einem Gespräch mit Katrin Kazubko, das diese im Oktober 1982 mit ihm führte. Der dominante Zug der Prosastücke von Strauß ist ihr Erlebnischarakter, sie scheinen authentische Erfahrungen in der Form des Tagebuchs zu sein. Paare Passanten beschreibt “die kulturelle Physiognomie dieser Zeit”:

Während so viele Generationen und besonders die letzte, im Laufschritt der Geschichte gelebt haben, in der euphorischen oder katastrophischen Perspektive einer Revolution - hat man heute den Eindruck, dass die Geschichte sich zurückgezogen hat, einen Nebel der Indifferenz hinter sich zurücklassend (...) (PP, 201).

Strauß führt hier physiognomisch das Ethische und das Ästhetische zusammen. Vom Äußeren her erschließt sich der Inhalt eines Menschen. Dem anderen Gesicht, “dem externen Geheimnis” begegnet die physiognomische Wahrnehmung mit “unermüdlichem Wissens- und Urteilsdrang” (PP, 66).

Merkwürdig, ja unangenehm, wie man das Wesentliche eines flüchtig berührten Menschen, je älter man wird, fast zwanghaft auf Anhieb erfaßt. Das Fluidum der Fingerstellung, das Antlitz eines Ganges, und sogleich wird das “erfahrene Vermuten” (Heidegger) tätig, durch das wir mit Hilfe weniger Blicke, weniger Sinnesdaten den gesamten Verhaltensraum eines Menschen plötzlich hochberechnen können (...) (PP, S. 68).

Die erzählerische Faktur von Paare, Passanten hält am physiognomischen Erklärungsmodell fest. Das Straußsche Denken charakterisiert sich durch Ordnung und zeitlose Größe:

Daß die hymnische Schönheit (...) zu jeder Zeit das Ziel der Dichtung sei, davon möchte man sich immer aufs neue überzeugen (...) (PP, 119).

Seine Kulturkritik verfährt physiognomisch. Ihr Verfahren ist das der Literaturkritik: Die Vermischung von Ästhetik und Moral, wie sie dem Blick des Physiognomikers typisch ist. Man stellt fest, daß keine Geschehenseinheit, kein Zusammenhang die zweihundert Seiten verbindet außer dem Bewußtsein des Autors. Die Improvisation wird nur vorgetäuscht, das Buch ist komponiert in allen kleinen Stücken. Ein flüchtiges Notieren mobilisiert das Denken gegen die Passagen-Welt. Strauß schlüpft in anonyme Passantenexistenzen und baut keine Diachronität.

Hier entstand nichts. Hier ward etwas als wesentlich erwischt, was mich nicht müde werden ließ, es wieder und wieder zu erwischen. Mein einziges wahres Erlebnis von Zeit ist das einer schwankenden Synchronität (PP, 97).

Die heutigen Menschen besitzen Informationen,

die sich überlagern, spalten und durchqueren. Ein Gedächtnis aus Rissen, Bruchstücken, Temperamenten, fehlenden Verbindungsgliedern, Unkenntnissen und der medialen Vorspiegelung der Totalität. (PP, 120)

Die Kraft des Heterogenen zersprengt den Bau des Ganzen und zerstört kollektives Erinnern. Die Partikularisierung des Ganzen kann das vereinzelte Ich nicht rekonstruieren. Ein Modell solcher Rekonstituierung von Ganzheit ist für Strauß das “Centre Pompidou”, die “Beaubourg” in Paris, die einen Passagenbau birgt:

die Retotalisierung aller verstreuten Funktionen des gesellschaftlichen Körpers und Lebens (Arbeit, Freizeit, Medien, Kultur) in einem homogenen Zeitraum. (PP, 196)

Die Technik der Paare, Passanten ist der Architektur der “Beaubourg” vergleichbar; beide versuchen in ihrer Organisation einen homogenen Zeit- und Bildraum zu schaffen. Wie

die Geschichtlichkeit in einem großen Bild, die uns für eine Weile erlöst (...) von de Qualen einer illusionären Optik, die uns die totale zeitliche Eindimensionlität des fotografischen Abzugs aufgezwungen hat. (PP, 113),

soll die Konstruktion des Buches “en passant”, wie schlendernd in “Beaubourg” vom Mangel der Wirklichkeit erlösen und mobilisieren, nicht einverstanden zu sein und den Mangel zu erkennen, um dagegen schöpferisch tätig zu werden. (PP, 52)

Baudelaires “spleen et ideal”, die melancholische Disposition der zu spät Geborenen ist für Strauß “Grundfeste des Lebens”: “Trübsinn und Sammlung” (PP, 192):

Hätte Mörike einmal zwischen sechs TV-Kanälen hin und her geschaltet, immer auf der Suche nach was Neuem!, die Skala der Kurzwellensender auf- und abgefahren, nie wäre ihm eine entwickelte Form geglückt. (...). Dagegen, mag sich, wer jetzt schreibt, künstlich abschließen und es anders haben wollen, die Wahrheit seiner Schreibbedingungen bleibt es aber doch. Die Tüchtigkeit der Moden, der Blicke, der Räusche und wie es sich beschleunigt, wie’s sich überschlägt, aussichtslos steht da der Wunschbeladene, gegen Sucht und Sog und möchte den eiligen Nebeln noch einmal die Gestalt abringen, die aller Sehnsucht wert. (PP, 179)

Der Spätgeborene Strauß erkennt, daß die ganze Dialektik eigentlich Quatsch ist. Das dialektische Denken kann das Heterogene nicht mehr entziffern:

Die scheinbar für immer unbekannte, undeutbare Assoziation: das einander Entlegendste in der vollkommenen Reinheit seiner Divergenz: von diesem zu jenem führt kein Weg. (PP, 196)

Die großen Romane, Systeme, die nicht vollendet wurden, konnten nicht vollendet werden, weil die eigene Konzeption sie erdrückte:

Alles zu Ende Geschriebene offenbart dem Autor, daß er über eine (während des Schreibens) ungeanhte Naivität verfügte (PP, 118); Man kann doch nicht soviel denken und so abstrakt sich ausstrecken, wie wir es getan haben im wissenschaftlichen Zeitalter, ohne dass am Ende wieder etwas Ganzes, ein Balg, ein neuer Leib aus der Idee, aus Nebel und Licht sich uns entgegenwölbte. (PP, 193)
 

ANMERKUNGEN:

(1) Botho Strauß, Paare Passanten (weiterhin als PP angeführt), Carl Hanser Verlag, München/Wien 1981. Nachstehende Zahlen beziehen sich auf diese Ausgabe.

(2) Joachim Kaiser, Eerlebte Literatur, München 1988, S. 417.

(3) Zit. nach Katrin Kazubko, der alltägliche Wahnsinn. In : Text und Kritik, Heft 81, Januar 1984.

(4) Ebd.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 6. Jg., 1-2 (11-12) / 1997, S. 166-168

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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