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Gesellschaft der Germanisten Rumaniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 13-14 / 1998, S. 426-427

 

 

DIE LESEPROBE

 

ELISABETH HAUER

Ein geistlicher Herr erinnert sich an einen Tag seiner Kindheit



Das liegt so weit zurück. Siebenunddreißig Jahre müssen seither vergangen sein, rechnet er nach. Damals war er ein fünfjähriges Kind. Aber jener Tag, jener seltsame Tag sitzt noch immer in seinem Kopf. Die Zeit konnte ihn nicht verdrängen.

Eben hat es noch geregnet, seit Tagen regnete es, Unmassen von Wasser ließ der Himmel auf Dorf und Felder niederfallen. Die Bauern fürchten, daß die Wiesen in diesem Jahr nicht mehr trocken werden, daß das Korn am Halm verfault.

Er hat im Haus herumgetrödelt, sich am Heuboden versteckt, um dem mißgelaunten Vater nicht beim Holzmachenhelfen zu müssen, hat dann der Mutter, um sie zu versöhnen, zwei Eier aus einem heimlichen Hühnernest in die Küche gebracht, über die Eier hat sie das Verfügungsrecht. Auf der gemauerten Kochstelle steht der Hirsebrei, die Flamme wird durch das Auflegen schwacher Holzspäne klein gehalten, der Brei wogt, träge Blasen werfend, in der eisernen Pfanne auf und ab. Er mag den Geruch des Hirsebreis nicht, er rollt diesen Brei, den er fast täglich essen muß, zu kleinen Klumpen geformt von einer Backe in die andere und schluckt ihn erst, wenn ihn den finstere Blick des Vaters trifft. Er weiß heute nicht mehr, ob er nun diesem Breigeruch entkommen wollte, oder ob ihn das plötzliche Aufhören des Regens dazu ermunterte, jedenfalls läuft er plötzlich hinaus in den Hof, barfuß wie immer, das lose Hemd flattert hinter ihm her, feuchte Luft schleicht seinen Rücken hinauf. Er läuft weiter in den schlecht gepflegten Garten mit seinen alten Kohl- und Kraut-strünken, der zur kleinen Taffa hin steil abfällt, sieht den sonst harmlosen, schmalen Wasserlauf hochangeschwollen und schmutzig, kehrt um und verläßt das Gehöft über den hinteren Zaun. Lehm und nasse Erde drängen sich zwischen seinen Zehen, springend versucht er den riesigen Pfützen auszuweichen, da er aber nicht sehr geschickt ist, patscht er mitten in die Pfützen heinein. Hose und Hems sind bereits von zahllosen Schmutzspritzern befleckt. Er erreicht den Ortausgang, hier ist das Ziel seiner Neugierde, die sogenannten Alte Taffa, ein Sumpfgebiet, das jeder versuchten Trockenlegung bisher widerstand. Umgeben von Weidenbäume und Büschen, von Schilf und hohem Gras, ist es die Heimat unzähliger Kröten und Frösche und der Tummelplatz der Dorfkinder für ihre grausamen Spiele. Unter Schreien und Johlen fangen sie das glitschige Gatier und spießen es an Stöcken auf. An diesen Spielen nimmt er nie teil, sie stoßen ihn ab, man hat ihn deshalb verspottet und verlacht, manchmal auch grob verdroschen. Da er stark und kräftig ist, hat er sich dagegen gewährt, aber irgendwann hat er aufgehört, zur Alten Taffa zu gehen, wenn die anderen dort waren. Heute ist er aber überzeugt, daß niemand außer ihm kommt.

Der Sumpf ist von einer Schicht bräunlichen Wasser bedeckt, fast sieht er aus wie ein kleiner See. Der Fünfjährige hat schon oft versucht, auf der kleinen Taffa Schiffchen treiben zu lassen, Schiffchen aus Rindenstücken, denn Papier gibt es kaum im Bauernhaus. Die Wellen des kleinen Flusses aber sind rasch, auch wenn man sich bis ans Knie ins kalte Wasser wagt und mit einem Ast das Schiffchen zu lenken versucht, wird es meistens von der Strömung mitgenommen, bis es schließlich, schon weit entfernt, an einem Uferbusche hängen bleibt.

Er steht am Rand dieses so unverhofft entstandenen Sees, hier gibt es keine Bewegung, ruhig liegt die braune Wasserfläche, und verlockend leuchtet ein Stück schwarz glänzender Rinde aus dem Schiff. Langsam trabt er hin, zieht das Rindenstück heraus, es hat die Form eines kleinen Nachens, glücklich betrachtet er es ein paar Sekunden lang. Dann setzt er vorsichtig, Schritt für Schritt, die Füße in den See, noch voller Angst, auf den Körper einer warzenbedeckten Kröte zu treten. Aber schon gleitet das Rindenstück aus seinen Händen, und der kleine Nachen tümpelt lustig auf dem glatten Wasser dahin, man braucht nichts anderes zu tun, als ihm zuzuschauen und langsam nachzugehen, immer nur ein kurzes Stück. Er merkt nicht, daß er schon bis an die Waden im Schlamm steckt, er spürt nicht, wie es ihn ganz sanft hineinzieht in die geschmeidige, drängende, sumpfige Masse. Erst als sie seine Füsse nicht mehr freigibt, als er keinen einzigen Schritt mehr machen kann, um den kleinen Nachen zu folgen, beginnt er zu schreien, er schreit und schreit, aber niemand hört ihn.

Er ist nicht weit eingesunken, denn der Sumpf ist nicht tief. Auch das braune Regenwasser, das in seine Hose dringt, ist nicht kalt. Aber er weiß heute, siebenunddreißig Jahre später, daß er niemals wieder in seinem Leben solche Angst empfunden hat wie damals. Irgendwann, als seine kleine Gestalt keine Bewegung mehr zu machen wagt, sich in sich selbst verkrümmt, kommt jemand vorbei, zieht ihn heraus und bringt ihn zur Mutter. Er ist lang krank, fieber hoch. Die Mutter legt ihm abwechselnd heiße und kalte Tücher auf, die sie mit einem Kräuterabsud tränkt. Nächtelang sitzt sie an seinem Bett und verläßt ihn auch nicht, wenn der Vater zornig verlangt, sie möge endlich schlafen gehen, sie würde sonst ihre Arbeit nicht weiter bringen am nächsten Tag.

Daran erinnerte sich Willibald Palt, als sein Bruder Johann gegangen war. Johann hatte ihm, außer der verlegen vorgebrachten Bitte, er möge die Patenschaft für seinen Sohn übernehmen, wenig zu sagen. Ja, die Wirtschaft gehe weder gut noch schlecht. Ja, die Frau arbeite bereits wieder. Er forderte Johann auf, sich zu setzen, aber Johann blieb lieber stehen, erklärte, er müsse wieder heim. Es gab nichts, was Willibald mit ihm verband. Kein Wort, keine Geste. Trotzdem erklärte er sich bereit, der Pate dieses Kindes zu werden.

Das noch junge, im Licht der Unschlittkerze über sein Bett gebeugte Gesicht der Mutter verließ Willibald Palt an diesem Sonntag lange nicht. Die erbauliche Lektüre blieb ungelesen. Bei dem Glas Wein, das er sich vergönnte, wurde ihm klar, daß er sich später nie um seine Mutter gekümmert, ihre schüchternen Annäherungsversuche bei seinen seltenen Besuchen stets abgelehnt, ihrem Leben, ihren Sorgen kein Interesse entgegengebracht hatte. Seit seinem zehnten Lebensjahr gab es keine Familie mehr für ihn. Sein Beruf verlangte von ihm, sich aller persönlichen Bindungen zu entleidigen. Aber einem Kind, einem neugeborenen, unschuldigen Kind, dachte Willibald Palt, durfte man erbetenen Schutz und Beistand nicht versagen.
 

Anmerkung: Den Text stellte uns die Autorin freundlicherweise zur Verfügung.

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