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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 165-170

 

 
PETER HANDKES ZURÜSTUNGEN FÜR DIE UNSTERBLICHKEIT


Mihaela Zaharia




Ja, so verstehe ich den Gedanken der Unsterblichkeit (...)

und daß er erstmals geträumt worden ist

und bezogen allein auf sie selber, und in gewaltiger Angst. (...)

Todesangst, die reinste, und Unsterblichkeitsenergie, noch reiner (1).

 

Bereits 1967 hatte Handke geschrieben:

Ich erwarte von der Literatur ein Zerbrechen aller endgültigen scheinenden Weltbilder.
Das Thema „Wie es dem Schriftsteller gelingt, die Sprache zu durchschauen und ihren Ideologiecharakter zu dekuvrieren“, hat heutzutage Konjunktur. Peter Handke fragt im Motto seiner Zurüstungen für die Unsterblichkeit ebenso wie seinerzeit König Gilgamesch: “Gab es seit dem Laufen und Rennen hin über die Steppe/ Auf der Erde viel Ausruhen?“ und weist schon auf das innere Gesetz hin: “Das Gesetz (...) ist ganz nah bei dir”. (S. 5) Sein Königsdrama, wie er es schon als Untertitel ankündigt, spielt in der Zeit “vom letzten Kriege bis jetzt und darüber hinaus” und hat “eine Enklave zum Beispiel im Bergland von Andalusien” zum Ort der Handlung (S. 6). Inmitten der inneren und äußeren Landschaft der leeren Enklave bewegen sich die Personen: der Großvater oder Ahnherr, dessen zwei Töchter, das Volk, der Idiot, Pablo und Felipe Vega, die Raumverdrängerratte (mit einem Häuptling und drei anderen Raumverdrängern), die schöne junge Wandererzählerin, die Letzten drei Könige, die Flüchtlingin und mehrere Unbekannte.

Diese Enklave wird wortarm beschrieben: sie “ist leer”, hat ein “aufragendes türloses Portal” und “an der Oberschwelle eine arabische Inschrift” (7), was den utopischen Charakter dieses als ein mysteriöses Niemandsland beschriebenen Ortes noch vertieft. Die in dieser Enklave sich bewegenden Personen sind “zwei hochschwangere Frauen mit gewaltigen Bäuchen”, die in der entsprechenden Enklaventracht angezogen sind, und der fast nackte, auf der Kalesche gehockte Großvater, ihr Vater. Dieser Ahnherr der Sippe

ist der erste, der spricht; was er verlangt ist Gerechtigkeit, und was er bedauert ist die Existenz dieser Enklave in der Sprache der anderen, in Fremdsprachen. (7f).

Paradoxerweise aber “hat keiner (von diesen Exilierten) sich in der Enklave je im Exil gefühlt, denn “gerade durchs Getrenntsein vom Mutterland haben (sie sich) hier die Art bewahrt, und eine Art überhaupt erst bekommen.” Der Großvater sehnt sich nach dem “starken hier herrschenden Frieden”, nach der Sonnenzeit, einer “Episode zwischen zwei Kriegen“ (8). Bittere Ironie spricht der alte Großvater aus:

Wir sind eine Sippe von Aufständischen. Aber den Aufstand haben wir immer nur gegen uns selber gerichtet (...). Wir haben uns die eigenen Hände abgebissen. (9)

Früher hießen die Enklavenbewohner “die Ausschauhalter” (34). In einer sterbenden Welt lebend, sieht der Alte um sich nichts mehr von dem, was er erwartet und gehofft hatte, was allein noch zu sehe ist, ist das apokalyptische Bild einer sterbenden Welt:

Ach, es gibt keinen Osten mehr. Und im Norden nur ein Holzpferd im Kunstschnee. Und im Westen nicht einmal Kraut und Rüben. Und im Süden nur noch leere Bierflaschen. (11)

Es gibt bei Handke immer wieder solche entleerte verkünstlichte Landschaften - die Zeit ist bei ihm eine achronologische und ahistorische, sogar urhistorische, und der Ort ein utopischer Topos. Hier geht es nicht mehr um die jenseits der Wörter erratene Üppigkeit der Landschaft. Hier ist alles trocken, licht- und schattenlos, hier muß man doch alles erraten.

Die offenen Grenzen, die neuen Tänze, die Müllabfuhr, die asphaltierten Feldwege, Zähne aus Weißgold, Grabsteine aus Südseemarmor, Fernseher, die uns zugleich die Häuser heizen, Milch aus Feuerland, tibetanischer Speck, Ortsbeleuchtung bis hinaus und hinein in die Fuchslöcher der alten Gemeinde “Dunkelschweig”, und jetzt auch noch die Erlebnissitzbänke in der ehemaligen Enklave – Anwäldern. (34).

Aus diesem utopischen Land - das eine utopische, scheinbare Geschichte erlebte - stammen auch die Verschollenen:

Keine Sagen hier, keine Geschichte, kein großer Mann. (21)

Was dieses Volk nun brauche, ist einer, der seine Geschichte einprägsam festhalten soll:

Ich, als das Volk, brauche zwar einen Erzähler, um zu sehen und zu spüren, wie es weitergeht - aber einen, der, statt alles durcheinanderzubringen, es im Gegenteil schön auseinanderhält. (23)

Der verpönte Idiotentyp ist aber in Wirklichkeit eine sehr komplexe Gestalt, die seinen Heimatort liebt:

Nur über unserm Land fliegen die Vögel mit ausgebreitetem Schwingen, nur hier noch lassen sie sich in Ruhe nieder zum Fressen und Spielen, nur hier noch sieht man die sonst lufthöchsten Vögel unten durchs Gras trippeln in wunderbarer Sorglosigkeit. (22f)

Handke ist stets ein Meister der Parodie, die ihm zu relativieren erlaubt so auch in der Darstellung der vier Geschwister.

Handke orientiert sich lieber zum “kultischen Hintergrund jedes einfachen Berufes” - von dem Ernst Jünger in seinen Strahlungen sprach (2), den er den heutigen Institutionen der Politik und Kirche vorzieht. Um so mehr, daß das Spiralmuster zum Symbol der Zyklizität der Geschichte und des Lebens geworden ist.

Bei Gérard Genette ist die Parodie keine imitative Form - wie die Pastiche -, sondern eine transformative, d. h. die Parodie erhält noch ein paar Züge “par-dessus le marché”. Deswegen stellt die Erste Schwester ihren Sohn wie folgt vor:

Er hat im Grund Ähnlichkeit mit niemandem. Seine Art ist neu, und nicht nur für unser beschränktes Gebiet. Neu? Unheimlich bist du mir, Sohn (...). Für die hiesigen Leute bist du entweder der neue Einstein oder der wiedergeborene Averroës, der wiedergeborene Manolete oder der neue Marlon Brando, oder der wiedergeborene Dschingis Khan ode der neue Salomo. (38)

So gelungen ist dieser Sohn und so beliebt, daß er immer siegt, selbst auch wenn er nicht siegen will, daß er alle bezaubert, auch ohne den Mund aufzutun.

Pablo gehört einem dem Unglück gewidmeten Volk, d. h. sein Glück wäre aber woanders zu suchen als im Abseits. Um Vater, Söhne und Brüder dreht sich immer alles und das wirkt ermüdend auf die zwei Schwestern. Das Weibliche hat eine geringe Rolle zu spielen und dann nur durch das stille Wesen der Mütter und ihrem mit großer Geduld ertragenen Leiden.

Die Erste Schwester ist eine streng umrissenen Figur, die nach einer Lösung einzig und allein für sich selbst sucht. Die zweideutige Äußerung der Ersten Schwester ihrem Sohn Pablo gegenüber teilt auch der Häuptling. Er wirft Pablo vor, “diese sei schlimmer als die Raumverdränger” (99f). Das war auch die Absicht des Autors, mit verwechselten Rollen zu spielen, denn im Spiel ist alles möglich oder erlaubt.

Der Tod der beiden Mütter kann im Herzen ihrer Söhne kein Echo finden. Felipe meint sogar: “Ja, von allen Ereignissen bisher war das Sterben meiner Mutter mir das freudigste” (86). Handkes “Helden” sind in dieser Hinsicht unbeholfene arme Leute, bei denen der Freudsche Oedipus-Komplex tragische Akzente bekommt. Sie ironisieren und parodieren den Tod. “Für mich sind die Sterbenden Spielverderber” - sagt Pablo (87) -, um den Tod überwinden zu können.

Warum verläßt Pablo seine sterbende Mutter? Aus Angst, Vorwürfe zu bekommen (wie es im Text steht)? Oder aus Angst, vor dem Tod noch keine Zurüstungen vorbereitet zu haben? Denn der Gadanke der Unsterblichkeit wird zu einer Obsession und deswegen denkt Pablo wieder und immer wieder an den starken und energischen König Gilgamesch und gesteht (offensichtlich geniert, seiner Zeit - der jetzigen - anzugehören):

Die jetzige Art Zeit ist eine durch und durch despotische und läßt es nicht zu, daß wir ihre Genossen oder Mitspieler werden. (...) Die jetzige Zeit, so wie wir sie erleben, ist nicht mehr unsere Zeit. Wenn ich an eine Unsterblichkeit denke, dann drängt es mich nach einer neuen Weise von Zeit, und zu deren Begründung eben nach einem neuen Gesetz. (90)

Der Sohn der Zweiten Schwester ist für das Volk ein kontrastvolles Wesen: “Ich freue mich auf meinen Tod”, gesteht er und so gilt Felipe Vega für sein Volk als ein Opfer des wilden Schicksals. Er selber meint:

Ich bin der gegenwärtig weltgrößte Versager und Taugenichts. (79)

Felipe und Pablo Vega, die an demselben Tage geborenen Söhne der an demselben Tage gestorbenen zwei Schwestern werden von Handke als Helden eines Märchens dargestellt. Pablo Vega ist dabei der Prototyp des Siegers, während Felipe seinen Vater vermißt:

Mein Vater lebt in einem großen Land. Eines Tages wird er kommen und mich heimholen (...). Er hat das Buch “Krieg und Frieden” geschrieben und den Apfel der Mona Lisa gemalt und den Schneewalzer komponiert (...). Und er wird endlich die kaputte Birne auswechseln. Und er wird uns vor unseren Feinden schützen. Nun hat er gerade den Zug versäumt, wie gestern, wie vorgestern, wie vorvorgestern. (30)

Handkes Helden wenden sich an ein absolutes Ich oder an sich selbst und setzen diesen dialogisierten Monolog immer wieder fort.

Der Untergang des Königtums wird bedauert - der starke Pablo Vega könnte sein Volk retten. Er könnte mit der Zeit König werden. Dazu könnte ihr eine „Erzählerin“ behilflich sein, die viele Schulen besucht habe. So vermochte sie eine freie Erzählerin werden:

nirgends fest, ohne Sitz oder Residenz, auf eigene Faust. (46f)

Die Erzählerin hat jetzt das Vorgefühl einer nahenden Katastrophe. Die Zeichen dafür sind die “zeitgenössische Phantasielosigkeit oder Schädelverengung, oder Blutstockung, oder Traumschwäche, oder Bildungsfähigkeit” (46). Die Rolle der Erzählerin ist für das Volk ausschlaggebend: “Aufgepaßt, Volk. Erst mit mir wirst du geboren.” (48). Für Pablo ist sie die Quintessenz des Ewig Weiblichen: “Du warst die junge Witwe von Valparaiso, im Hafen von Marseille” (69). Wird aber die schöne junge Wandererzählerin imstande sein, die von innen und von außen bedrohte Enklave zu retten?

Ernster als Pablo, für den “die Weltfarben (nur) die Spielfarben sind” (68) - d. h., daß Spiel und Gesetz für ihn als Synonyme gelten -, betrachtet die Erzählerin ihren Anteil am Glück des Volkes. Sie ist bewußt, daß “der Weg zum Volk nicht ein Weg zurück ist, sondern voraus” (69). Sie erzählt ständig, ihrem Credo gemäß: “Definier nicht. Erzähl”(82), “Frag nicht. Erzähl” (84).

Pablos Ausgangspunkt und Grundlage sind Sehnsucht und Gerechtigkeit. Sein Ziel für das ganze Land wird unmißverständnlich artikuliert:

Traum und Arbeit. Arbeit und Traum. Sueño y Trabajo. Trabajo y Sueño. (79f)

Wer außer ihren Bewohnern bedroht die Enklave? Das ist die mehr als eine heterogene Masse dargestellt und die Unfähigen angreifende Raumverdrängerratte. Sie besteht aus einem eleganten Häuptling - der aber auch “steif und steinschwer wirkt” (52) - und drei Verdrängern. Sie steht für die moderne Variante der Invasoren.

Wie kann der Krieg anders definiert werden als:

Unbekannt an der Seite von Unbekannt im Kampf gegen Unbekannt in einem unbekannten Land. (9)

So bleibt Hitler in Ewigkeit eine Erinnerung aus der Zukunft oder eine aus der Zukunft der Vergangenheit, er ist aber auf keinem Fall eine geschlossene Geschichte (120).

Pablo relativiert angesichts der „raumverdrängenden“ Tätigkeit der Feinde alles glaubt

an den Frieden. Ja, es ist ein Glaube. Und Großer Friede wird sein bis zu den letzten Monden. (178)

Voraussetzung ist allerdings die Erfüllung von Handkes ausdrücklicher Bitte: “Bedenkt von jedem Fremden die eigene Fremde mit.” Sonst bleiben die Menschen - wie Julia Kristeva einmal davor warnte - “étrangers á nous-mêmes”.

Das ist die beste „Zurüstung“ für die Ewigkeit.

Literatur:

1. Peter Handke: Zurüstungen für die Unsterblichkeit, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997, S. 89.

2. Dietrich Harth (Hg.): Fiktion des Fremden, Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1994.

3. Ernst Jünger: Strahlungen I-II, Stuttgart: dtv Klett, II. Bd., S. 45.

4. Julia Kristeva: Etrangers á nous-mêmes, Paris: Librairie Arthéme Fayard 1988.
 


ANMERKUNGEN:
 

(1) Peter Handke: Zurüstungen für die Unsterblichkeit. Ein Königsdrama, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997. Fortan wird aus dieser Ausgabe zitiert. Die in Klammern gesetzte Zahl gibt die jeweilige Seite an.

(2) Ernst Jünger: Strahlungen I-II, Stuttgart: dtv, Klett, II. Bd., S. 45.
 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 165-170

 

 

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