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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 408-409

 

 

Bücher- und Zeitschriftenschau

 

Nikolaus Lenau heute gelesen,

hg. von Gudrun Heinecke, Braumüller Verlag, Wien 2000. 151 S.

 

Gudrun Heinecke, Literaturwissenschaftlerin und Herausgeberin dieses Bandes, startete 1960 ein originelles Projekt, sie unternahm nämlich eine Autorenbefragung mit den zwei Hauptfragen – ob Nikolaus Lenau ihnen zusage, und wenn ja, was er für sie bedeute bzw. heute zu sagen habe. Die abenteuerliche Fragereise materialisierte sich in einen regen Briefwechsel mit namhaften Autoren wie H.M. Enzensberger, Peter Härtling, Karl Krolow, Peter Rühmkorff, Martin Walser u.a. Die Reaktionen waren verschiedenartig und nur einige Texte konnten im Auswahlband aufgenommen werden. Der Kreis der Befragten wurde letztlich erweitert, es kamen auch Autoren aus dem Banat zu Wort und auch Literaturwissenschaftler, die als Lenaukenner in der Internationalen Lenau-Gesellschaft sein Werk und Leben erforschen.

Die Befragten artikulierten ihre Antworten in Gedichten, Erzählungen, Preisreden, Bekenntnissen, essayistischen Texten und wählten ein oder mehrere Lieblingsgedichte, die zu ihrer Äußerung hinzugefügt wurden.

Im Geleitwort bestätigt der Literaturwissenschaftler Hartmut Steinecke die Vielseitigkeit des Lyrikers Nikolaus Lenau, den Weltschmerzler, den Melancholiker, den Nihilisten, den politisch engagierten Dichter, den Virtuosen der leisen Töne und den Sprachkünstler.

Wichtige Informationen zur Entstehungsgeschichte dieser originellen Anthologie bietet Gudrun Heinecke im Vorwort. Weiters wird in der ausführlichen und informativen Einleitung ein dokumentierters Lenauporträt in Wort und Bildern präsentiert. Zum einen gewährt sie einen biographischen Einblick in das Leben und Werk, zum anderen bietet sie eine literaturhistorische Einbettung des Dichters in seine Zeit. Die darauffolgende Zusammenfassung, mit dem Titel „Lenau-Bild“, stellt sehr konzis die epochenübergreifende Wirkungsgeschichte der Genialität von Nikolaus Lenau dar, dessen lyrische Werke tiefe Spuren hinterlassen haben. Gudrun Heinecke synthetisiert,  mit kritischer Haltung, die Reaktionen der Literaturhistoriker, die mit Leichtigkeit den Dichter als Weltschmerzler oder Vormärzler ettiketieren, ohne diese Behauptungen zu begründen. Zugleich erwähnt sie die Autoren, deren Romane Nikolaus Lenau als Romanheld fiktionalisieren und somit zu seinem Bekanntheitsgrad beitragen, z.B. Ferdinand Kürnberger, Adam Müller-Guttenbrunn und Peter Härtling. Besondere Sympathie zeigt die Verfasserin der bespreochenen Anthologie den Begründern der Internationalen Lenau-Gesellschaft, die vielen Lenau-Sympathisanten und Fachleuten den Rahmen eines freien Meinungsaustausches innerhalb der Tagungen bietet und durch die diversen Publikationen die Erforschung und Weiterverbreitung seines Werkes ermöglicht.

Die gut gewählten Porträtbilder Lenaus und die Illustrationen, die den Auswahlband begleiten, stammen u.a. von Chris Britz, Jochen Geilen wie auch aus dem Deutschen Literaturarchiv und dem Internationalen Lenau-Archiv.

Zu den wichtigsten Dichterstimmen gehört Peter Härtling, der Verfasser der Suite Niembsch oder Der Stillstand (1964), der in seinem Beitrag die Musikalität der Lenau-Gedichte betont, die er als wahre Lieder einschätzt. Andere Gegenwartsautoren wie Josef Haslinger, Günter Kunert und Günter Herburger stellen für die Anthologie schon früher publizierte Texte zur Verfügung, die sich mit dem Thema Lenau auseinandersetzen. Die Nikolaus Lenau-Preisrede von Matthias Buth beeindruckt den Rezipienten mit dem Bekenntnis zur Dichtung, wie es der Dichter selbst aussagte: „Ich glaube, die Poesie bin ich selber, mein selbstestes Selbst ist die Poesie.“

Die eingehende Analyse des Gedichtes Die drei Zigeuner, das der bewährte Literaturwissenschaftler Hans Mayr bietet, bringt neue Einsichten in die Lesart des zum Kanon der Litertur gehörenden lyrischen Textes.

Die Verfasserin der Anthologie gewährt mehreren Autoren das Wort, die aus dem Banat stammen, aus der Heimat des Dichters Nikolaus Lenau. Die älteren Schriftsteller, Hans Wolfram Hockl und Rudolf Hollinger, identifizieren sich mit dem Werk Lenaus, Hans Dama nimmt eine mittlere Stellung ein, während Werner Söllner und Richard Wagner kritische Distanz zeigen.

Nebst den Dichterstimmen und Äußerungen der Literaturwissenschaftler sind Bekenntnisse von Künstlern anzutreffen, darunter die von Brigitte Fassbaender, Kammersängerin und Intendantin am Landestheater Innsbruck, des Schauspielers Karl Michael Voglauer und des Intendanten der Deutschen Welle, Dieter Weirich.

Bewundernswert ist die Verwirklichung des gewaltigen Projekts, auch wenn nur ein Teil der Befragten auf die einfallsreiche Initiative von Gudrun Heinecke mit textuellen Beiträgen reagiert haben. Die Lenau-Anthologie ist für den heutigen Leser wertvoll, da er aus der Perspektive namhafter Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Künstler einen Einblick auf die Rezeption und Wirkung von Lenaus lyrischem Werk, insbesondere auf der ästhetischen Ebene, gewinnt. Diese Publikation stellt zugleich einen Ansporn dar, Nikolaus Lenaus Gedichte erneut zu lesen, da sie die „Korrosionsbeständigkeit wahrhafter Lyrik“ beweisen, wie es Günter Kunert zutreffend formuliert.

Bei der Buchpräsentation in Heiligenstadt, im Rahmen der Lenautagung vom September 2000, äußerte sich die Herausgeberin über ihr Credo - „Lenau lebt weiter. Seine Verse klingen in den gegenwärtigen Dichterworte nach.“

Eleonora Pascu


 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 408-409

 

 

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