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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 1-2 (13-14) / 1998, S. 120-122

 

 

SPRACHLICHE PROBLEME DER EGMONT-ÜBERSETZUNG VON N. QUINTESCU

Octavian Nicolae



Wir sind hier versammelt, um eine Goethe-Gesellschaft in Rumänien zu gründen. Warum tun wir das? Sind wir schon eine Gemeinde, wenn zwei oder drei von uns in seinem Namen zusammenkommen? Meines Erachtens besteht der Sinn solcher Vereinigungen weniger in Glorifizierung. Wir wollen keinen Tempel für Hohepriester aufbauen, sondern ein Haus, in dem auch die Laien sich wohl fühlen.

Unter diesem Zeichen kann man viel tun, und vielleicht darin besteht Goethes Größe, er wußte es wohl: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“. Auf die Frage nach dem Grund seiner Aktualität könnte ein advocatus diaboli entgegnen: weil sich mit Goethe alles belegen läßt. Das glaubte auch der rumänische Außenminister beim Völkerbund Nicolae Titulescu, der seinen Legationssekretär Blaga um ein Zitat bat, mit dem er eine ebenfalls mit Goethe untermauerte Aussage Goebbels widerlegen wollte. Da aber der spätere Übersetzer Fausts die Stelle nicht sofort fand, blieb die beabsichtigte Antwort aus. Schlecht beraten war dahingegen Ceauºescu, der die atomare Gefahr mit den Geistern verglich, die einer rief und nicht mehr beherrschen konnte. Pech hatte der Redner damit, daß er den Zauberlehrling Faust nannte.

Eine mögliche Antwort auf die Frage, warum wir heute Goethe lesen – das haben heute Literatur- und Theaterwissenschaftler wie Elena Viorel, Ileana Berlogea und George Guþu gezeigt – lautet: weil wir dabei etwas über unsere Vergangenheit erfahren, über die Ideengeschichte, über Mentalitäten, Bildungsstand und vieles mehr.

Mit fünf Übersetzungen, die in den letzten 125 Jahren erschienen sind, bietet Egmont die Möglichkeit, ein Stück Rezeptionsgeschichte zu schreiben. Zwischen Juni 1875 und April 1876 veröffentlichte der Jassyer Professor N. Ch. Quintescu in der Zeitschrift Apãrãtorul legii die erste vollständige Übersetzung. Gleichzeitig erschien die Version D. Sturdzas in der Bukarester Revista literarã ºi ºtiinþificã. Weitere Versionen sind die vom Jassyer Germanisten Traian Bratu, von Laura Dragomirescu und von Al. Philippide.

Im Vorwort zu der ersten Buchausgabe (1876) schneidet Quintescu die Frage an, warum es notwendig ist, „dem rumänischen Publikum die poetischen Schätze eines der zivilisiertesten Völker, der par excellence gelehrten Nation“ bekannt zu machen – ein vielsagendes Bekenntnis für die Imagologie –, und zählt die bedeutendsten Übersetzungen aus dem Deutschen auf. Neben viel Schiller hatte man von Goethe in Iaºi übersetzt: Die Leiden des jungen Werthers (1842). Die Übersetzung D. Vermonts sollte als Fortsetzungsroman erscheinen. V. Pogor hat eine Prosaversion von Faust geliefert, Stella erschien in Corespondenþa provincialã in Piatra Neamþ.

Angesichts der Überflutung durch französische Schriften warnte N. Quintescu:

Versuchen wir Herz und Geist vermittels der Produkte verschiedener zivilisierten Völker zu bilden, damit wir nicht einseitig beeinflußt werden.

Die Frage „Warum Goethe?“ hätte damals gar nicht gestellt werden können, seine Position als „der größte Vertreter der deutschen Dichtung“ war für die literarische Taxonomie unanfechtbar.

Was Egmont betrifft, gibt der Übersetzer zu, daß es nicht zuerst die ästhetischen Qualitäten des Dramas bei seiner Wahl ausschlaggebend waren, denn

Egmont gehört nicht zu den ersten dramatischen Werken Goethes: der Charakter und die Vorgehensweise des Helden sind fehlerhaft gezeichnet und dramatisiert, wie das ganze Stück auch.

Die Stärke des Werks sieht er anderswo:

Dennoch weist Egmont (wie alles, was von dem Geist der Genies galvanisiert ist) unwiderruflich schöne Details auf, Bemerkungen, über deren Richtigkeit wir staunen, psychologische Wahrheiten, die den Dichter auch hier als einen tiefen Kenner des menschlichen Herzens aufweisen. Trotz seiner zögernden Darstellung erweckt der Held unsere Bewunderung, durch sein edles und enthusiastisches Herz, so daß wir unwillkürlich unsere ganze Sympathie dem Opfer der Freiheit und der Unabhängigkeit seines Landes schenken.

Als ein Kind des Proletkultismus müßte ich auch die Stellen herausgreifen, wo Goethe über den Geist der Revolution in der Zeit der Entstehung seines Dramas spricht, über die allgemeine Sympathie für die Sache der Amerikanischen Revolution. Auch die Stelle, wo er betont, daß ihn diese Episode aus der Geschichte der Niederlande als ein wichtiger Wendepunkt der Weltgeschichte beschäftigt. Zu dem Ideengehalt, noch einmal Quintescu:

Das Geheimnis, warum sich Egmont eines Gunstes erfreut, der seine dramatischen Qualitäten übersteigt, besteht darin, daß es die empfindlichsten Seiten, die teuersten Herzenswünsche der Völker berührt.

In diesem Kontext kann man spekulieren, ob Egmont zufällig ein Jahr vor der Französischen Revolution erschien, dennoch dürfen wir annehmen, daß die von Quintescu benutzten Schlagworte Freiheit und Unabhängigkeit, schon in der Luft lagen. Dies trifft auch für Quintescus Rumänien, ein Jahr vor der Unabhängigkeitserklärung. Und es ist ebensowenig kein Zufall, daß der neugegründete Bukarester Verlag „Editura de Stat“ im Jubiläumsjahr 1949 ebenfalls mit dem von Franz Mehring und dem vom damals noch nicht in Ungnade gefallenen Georg Lukács geschätzten Drama aufwartete.

Die Lektüre der Übersetzungen von N. Quintescu bis Al. Philippide zeigt, daß die Beschäftigung mit Goethe auch für Rumänisten ersprießlich ist. Es geht dabei um die rumänische Sprachgeschichte: alle dieser Versionen veranschaulichen die Entwicklung des Rumänischen in einer entscheidenden Phase. Es ist ein glücklicher Zufall, daß ein und derselbe Inhalt fünffach sprachlich gestaltet wurde. Warum jedesmal anders? Was sagen uns heute die Unterschiede und die Ähnlichkeiten? Warum tauchen einige Termini nach 75 Jahren wieder auf?

Der erste Übersetzer weist auf sprachliche Schwierigkeiten hin:

… unsere Sprache ist noch weit nicht so reich, gleichzeitig hat der Übersetzer mit den Schwierigkeiten zu kämpfen, die Gedanken einer so originellen Persönlichkeit wie Goethe wiederzugeben.

Man vergegenwärtige sich den Sprachwirrwarr, die Vielschichtigkeit der Sprache, wo slawische, neugriechische, türkische und französische Begriffe miteinander und mit Neubildungen auf dem Terrain des Rumänischen konkurrierten. Man denke an den Kampf der „Etymologisten“ und der „Phonetiker“ um die Orthographie, noch immer ein Zankapfel in Rumänien. Die bedeutendste Persönlichkeit der rumänischen Literatur von damals, Vasile Alecsandri, ließ seine Chiriþa sich durch das verräterische Syntagma definieren: „Metaharisim evropeneºte”. Das griechische Verb und die russische Benennung Europas verdeutlichen den Gegensatz zwischen den von der Personen verteidigten balkanesischen Gepflogenheiten und dem Wunsch nach einer reellen Westintegration.

Die lexikalische Analyse weist auf Lücken, auf Unsicherheiten, nicht nur in der Sprache hin; moderne Institutionen waren noch im Entstehen begriffen. So besaß das Rumänische kein Wort für Bürger, der Begriff gab es noch nicht. Was wir bei Soziologen wie ªtefan Zeletin und bei Historikern über die Entstehung des Bürgertums in Rumänien lesen, hatten schon die Dichter gesagt. Von Caragiale wissen wir: „La Iaºi, nu avem nici un negustor român” [In Jassy haben wir keinen rumänischen Händler (rum.)]. Es ist also kein Wunder, daß Quintescu den Barbarismus burghesi benutzt. Philippide nennt die Bürger noch tîrgoveþi, waren doch die rumänischen Städte lange Zeit lediglich Marktflecken, keine befestigten Burgen.

Schwierigkeiten bereiten nicht nur die archaischen Titel- und Funktionsbezeichnungen. So schwanken die Übersetzer zwischen secretar, scriitor, scrib, conþopist, wenn es um den aufwieglerischen Schreiber geht. Die unterschiedlichen Lösungen für Einrichtungen wie Heer = oaste, trupe, armatã oder für Berufe wie Krämer = negustor de mãrunþiºuri, mãmular, marchitan liefern wichtige Auskünfte über die Entwicklung der rumänischen Gesellschaft und damit auch der rumänischen Sprache in einer Übergangsphase (noch immer sprechen wir von Transition).

Goethe hatte Egmont gegen Ende des 18. Jahrhunderts geschrieben; die darin abgebildeten Ereignisse lagen lange zurück. Wie behält man den Zeitkolorit, wie drückt man die noch immer aktuelle Thematik aus, den Konflikt zwischen Absolutismus, religiöser Intoleranz (man ist versucht, Mode-Vokabeln wie Fundamentalismus zu gebrauchen) aus? Mit Recht strebt Quintescu eine Sprache an, die er beschreibt als

eine Mischung zwischen der korrekten Volkssprache, veredelt und angereichert mit den durch die Kultur der letzten Jahrzehnten eingeführten Ausdrücken, die Allgemeingut geworden sind.

Das war ein echtes Problem, deswegen bringt er auf vier Seiten Reflexionen über die Situation des Rumänischen zu einem Zeitpunkt, wo einige (nicht zuletzt Eminescu) die Rückbesinnung auf die Sprache der alten Kirchen- und Gesetzbücher forderten. Der Altphilologe Quintescu weiß aber um die Vergänglichkeit der Vokabeln, er bekämpft einen sprachlichen Rückfall in die Zeit des „organischen Reglements“ (Anfang des 19. Jahrhunderts) und schreckt nicht vor Modernismen zurück, wobei er freilich den Latinismen den Vorzug gibt. Er ist sich dessen bewußt, daß er sowohl die einfache Sprache der zechenden Handwerker als auch die hohen Gedankenflüge treffen muß - in den staatspolitischen Reflexionen der Regentin, des Grafen von Orania und vor allem in dem Streitgespräch zwischen Egmont, dem Verfechter aufklärerischer Ideen, und dem finsteren Grafen von Alba. Dafür war er gezwungen,

den Kreis der Ortssprache zu verlassen, diese im Lichte eines umfassenderen Sprachregisters zu betrachten, das einzige, das für diese Art von Werken paßt.

Zu der Zeit mußte er für Termini lateinischer Herkunft gebrauchen, die aber nach wenigen Jahrzehnten veraltet klingen sollten. Seine Nachfolger konnten diese durch alte rumänische Ausdrücke wiedergeben, was aber an dem Zeitgeist, an der Gnade der späten Geburt lag: a adora = a se ruga; arbitrariu = domnia bunului plac; virtute = putere, vlagã; fidelitate = credinþã; în detrimentul = în dauna; siguranþã = chezãºie.

Oft verwenden Laura Dragomirescu und Al. Philippide Vokabel slawischer Herkunft, die Quintescu absichtlich vermieden hatte. Im 20. Jh. dürfen sie das tun, weil sich inzwischen die Sprache stabilisiert hatte: a glorifica = a slãbi; impunintate = nepedepsit; imputare = învinuire; în serviciul = în slujba; a profana sanctuarul = a pîngãri sfinþenia; etern = veºnic.

Interessanterweise greift Philippide auf die inzwischen alt gewordenen Latinismen zurück, die infolge der Reromanisierung der Sprache nicht mehr als Fremdkörper empfunden werden.

Ich möchte diese Ausführungen mit dem Gedanken abschließen, der gestern zur Sprache kam: Eine Übersetzung mag für den Zeitpunkt ihrer Entstehung sehr gut sein, dennoch ist es unverzichtbar, daß sich jede Epoche ihr eigenes Bild von den Meisterwerken der Weltliteratur macht.

In diesem Sinne war und bleibt Goethe eine Herausforderung.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 1-2 (13-14) / 1998, S. 120-122

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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