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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens (ZGR), 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 412

 

 

Bücher- und Zeitschriftenschau

 

Ioana Crãciun, Die Politisierung des antiken Mythos in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur,

Niemeyer, Tübingen 2000. 349 S.

 

Im Zuge ihres zweijährigen Aufenthalts als Stipendiatin der Humboldt-Stiftung brachte die Bukarester Germanistin Ioana Crãciun-Fischer es fertig, eine ebenso anregende Untersuchung zustandezubringen wie ihre Tübinger Dissertation über Christian Morgensterns "Galgenlieder". Mehrere Aufsätze, darunter auch die in der "Zeitschrift der Germanisten Rumäniens" veröffentlichten, deuteten seit Jahren auf eine intensive Beschäftigung Crãciuns mit den Fragen des Mythos im allgemeinen, der Wiederaufnahme des antiken Mythos in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts insbesondere hin. So daß die Literarisierung und die Rezeption des Mythos im Einklang mit neueren Einsichten der Literatur- und Kulturwissenschaften in den Mittelpunkt der Untersuchung gestellt werden konnten, die den Standpunkt und die Heragehensweise des literarischen Hermeneuten an den Tag legt. Der Abstand der Verfasserin von einer pauschalen Gleichstellung von Mythos und literarischem Stoff schlägt sich in der prioritären Berücksichtigung der produktions- und rezeptionsästhetischen Spezifizität literarisierender Verarbeitung, Prä-Textierung von Mythen in einem Konglomerat systematisch gefügter literarischer Texte nieder. Daher die Entstehung eines heuristischen Modells, das im Mythos eine erst so literaturwissenschaftlich und poietisch operationale Intertextualität erblickt. Die Verfasserin entwickelt somit eine kommunikativ begründete Entstehungs- und Rezeptionsästhetik zur axiologischen Erörterung der produktiven Aufnahme antiker Mythen in die - hauptsächlich politisch gefärbte oder motivierte - literarische Produktion der deutschen Genewartsliteratur. Die mythopoetischen Werke führen den Mythos zu dseinen ursprünglichen, von Giambatista Vico bereits postulierten politischen Ausprägungen zurück: "Der politisierte Mythos ist und bleibt eine ästhetische Realität par excellence, die mit den Mitteln der lietarischen Hermeneutik erschlossen werden kann." (S. 15)

Die auf den Mythos rekurrierenden Werke der deutschen Genewartsliteratur werden dann auf ihre Herkunft aus Mythencollagen, die sie als der Postmoderne zugehörend ausweisen. Diese Werke wurzeln in der klassischen Antike in der Sicht eines Winckelmann, der eine aufklärerische Absicht sowie absolute Ästhetizität anhaften.

Zur Debatte gestellt werden ästhetisch begründete Strategien wie Historisierung, Ästhetisierung, Polemisierung, Allegorisierung und Metaphorisierung, die in den Werken von Rolf Hochhuth (Die Berliner Antigone), Günter Kunert (Ikarus 64), Volker Braun (Iphigenie in Freiheit), Botho Strauß (Ithaka. Schauspiel nach den Heimkehr-gesängen der Odyssee) und Friedrich Dürrenmatt (Minotaurus. Eine Ballade) geortet und analisiert werden. Differenzierungen zu den äußeren politischen Konstellationen in der DDR und der BRD sowie Kontinuitätslinien und Brüche in der literarischen Bewältigung dieser Wirklichkeiten stellen die Frage nach der Identität der deutschen Literatur der Gegenwart und leisten einen gewichtigen Beitrag zur Diskussion über postmoderne Symptome sowie über den spezifischen Umgang deutschsprachiger Autoren mit den Auswüchsen  postmoderner Koketterie mit dem antiken Mythos. Damit gelingt es der Bukarester Germanistik, bislang wenig oder überhaupt nicht gesehene und untersuchte Zusammenhänge und Selbstfindungsmomente in die aktuelle Debatte einzubringen. Ihre akribische philologische Sorgfalt und der rigorose Duktus ihrer scharfsichtigen Analysen machen grundlegende Merkmale dieser äußerst interessanten Untersuchung aus.

George Guþu

 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens (ZGR), 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 412

 

 

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