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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

 

 

Prä- und Postdetermination in der Sprache. Bemerkungen zur Übersetzung von Substantivkomposita ins Rumänische am Beispiel des ersten Kapitels aus dem Zauberberg von Thomas Mann.

 

Rodica-Ofelia Miclea


 
 

Es ist allgemein bekannt, dass sich das Rumänische und das Deutsche bezüglich der jeweiligen Wortbildungsregeln beträchtlich voneinander unterscheiden; es ist dies eine Erfahrung, die jedem, der von einer dieser Sprachen zur anderen kommt, bereits in der Frühphase des Spracherwerbs zuteil wird.

Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit auch nur annähernd erheben zu können, werden hier einige Aspekte herausgegriffen und anhand von Beispielen vorgeführt, inwiefern unterschiedliche Wortbildungsregeln in der Ausgangssprache und in der Zielsprache für den Übersetzer zum Problem werden können.

Einige Bemerkungen zu der Wortschatz-erweiterung in den beiden Sprachen müssen den weiteren Ausführungen vorangestellt werden: im Vergleich zu anderen Sprachen sind die Möglichkeiten lebendiger Wortbildung in der deutschen besonders vielfältig. Während das Repertoire an Flexionsmorphemen im Deutschen und Rumänischen jeweils in gleicher Weise verwendet wird, fallen zwei Wortbildungsmuster im Deutschen durch sehr große Produktivität auf: 1. Die Zusammensetzung (Komposition), 2. Die Ableitung (Derivation).

 Als besonderer Fall der Zusammensetzung gilt die Zusammenrückung, das ist eine Ad-hoc-Zusammensetzung, häufig eine Spontanreaktion des Sprechers (das Über-den-Dingen-Stehen).

Die Wortbildung als kreative Möglichkeit nimmt im Rumänischen einen vergleichbar geringeren Raum ein; jede Bestandaufnahme der Wortbildungsmöglichkeiten lässt erkennen, dass die Derivation durch Ableitungssuffixe und -präfixe die häufigst angetroffene Alternative zur Wortschatzerweiterung darstellt; der Komposition kommt keine nennenswerte Rolle zu.

Zur Veranschaulichung der Problematik wurde das erste Kapitel aus Thomas Manns “Zauberberg” in der rumänischen Übersetzung von Petru Manoliu, 1964 in der Reihe “Biblioteca pentru toþi”, Editura pentru literaturã, Bukarest erschienen (1999 bei RAO neuverlegt), ausgewählt.

In diesem Kapitel konnten 218 Substantivkomposita unterschiedlicher Struktur, (N+N, V+N, Adj+N, ) identifiziert werden, denen in der rumänischen Fassung nur 3 Komposita gegenübergestellt werden konnten.

Die in diesem Fall zur Diskussion stehende Übersetzungsrichtung AS (Deutsch) ZS (Rumänisch) determiniert schon in der Titelübersetzung Zauberberg - muntele vrajit den zu erwartenden Defizienz-Befund. Mit diesem Hinweis ist gemeint, dass eine umgekehrte Vergleichsrichtung eventuell die gleiche oder gar eine größere Menge an Übersetzungsschwierigkeiten zu Tage fördern würde. Die Feststellung, ein bestimmter Wortbildungstyp verfüge im Rumänischen über keine Entsprechung, enthält also keine Wertung hinsichtlich der in dieser Sprache bestehenden Ausdruckmöglichkeiten, die ja ohnehin keine messbare Größe darstellen. Über die prinzipielle Möglichkeit, etwas auszudrücken, wird also hier nichts gesagt, wohl aber über die unterschiedlichen Konstruktionstechniken, deren sich die beiden Sprachen zum Zweck der Herstellung sinnvoller Einheiten bedienen. Ginge es beim Übersetzen also nur darum, etwas in der anderen Sprache zu sagen, so wäre das Problem gering zu veranschlagen, immer vorausgesetzt, das betreffende Etwas sei in der Zielkultur bekannt und nachvollziehbar. Dass man im Rumänischen recipisã de bagaje sagt und nicht Gepäckschein, stellt keinen Störungsfaktor dar. Die gemeinte Sache ist in beiden Fällen gleichermaßen problemlos benannt; der Übersetzer hat leichtes Spiel, auch wenn die deutschen Kompositionsregeln das determinierte Glied auf den hinteren Platz verweisen, auf das im Rumänischen das determinierende gehört.

Aber es geht, wenigstens bei dem literarischen Text, um den die Betrachtungen hier kreisen, vielleicht sogar bei allen Texten oder ganz allgemein bei sprachlicher Produktion, um mehr als nur um etwas, es geht auch um die Beschaffenheit der Baugesetze, auf denen das jeweilge Sprechen beruht, also um ein Wie. Der Übersetzer kann sich daher nicht damit zufriedengeben, den inhaltlichen Gegenstand des Textes irgendwie nachzuerzählen, wie der Produzent des Ausgangs-textes sich ja auch nicht damit zufriedengibt, ihn irgendwie zu erzählen (Hellmann 1992: 156).

Die Vielschichtigkeit und semantisch-stilistische Komplexität der Texte von Thomas Mann, die zahlreichen Lesarten, die sie eröffnen, stellt den Übersetzer vor fast unüberbrückbare Schwierigkeiten, was auch  ein Grund dafür sein mag, dass sich rumänische Übersetzer nur mit Vorbehalt, sehr zaghaft an seine Prosa heranwagen.

Einige Aspekte der Wortbildung, und zwar solche, die im “Zauberberg” stilbildend wirken, sollen im Folgenden untersucht werden.

Die Untersuchung erfolgt an den substantivischen Komposita und soll nachweisen, wie diese für das Deutsche charakteristischen sprachlichen Gebilde, in denen komplexe Informationen komprimiert werden, im Rumänischen wiedergegeben werden.

Das erste herausgegriffene Beispiel – es handelt sich dabei um die Einführung und Vorstellung des Hauptprotagonisten, Hans Castorp – zeigt das Funktionsprinzip der substantivischen Prädetermination (vgl. Wandruska 1969: 142ff) bei der Wortzusammensetzung im Deutschen:

Hans Castorp – dies der Name des jungen Mannes – befand sich allein mit seiner krokodilsledernen Handtasche, einem Geschenk seines Onkels und Pflegevaters, Konsul Tienappel, um auch diesen Namen hier gleich zu nennen -, seinem Wintermantel, der an einem Haken schaukelte und seiner Plaidrolle in einem kleinen grau gepolsterten Abteil; er saß bei niedergelassenem Fenster, und da der Nachmittag sich mehr und mehr verkühlte, so hatte er, Familiensöhnchen und Zärtling, den Kragen seines modisch weiten, auf Seide gearbeitetetn Sommerüberziehers aufgeschlagen. (77 Wörter)

Die Komposita veranschaulichen den für die germanischen Sprachen vorliegenden Kompositionstyp der Prädetermination. Jeweils “von links nach rechts” determiniert jedes Element des folgenden, so dass der durch die übrigen Elemente differenzierte Begriff die letzte Position einnimmt. Z. B. ist der Sommerüberzieher ein Überzieher, der im Sommer verwendet wird. Wandruskas (1969: 142f.) Bemerkung in Bezug auf die französische Sprache kann allenfalls auch auf die rumänische angewandt werden:

Die Prädetermination gibt die engere, knappere […], die Postdetermination die losere Fügung, die zwischen Determinatum und Determinans noch Raum lässt für Artikel, Pronomina, Präpositionen […].

Die oben zitierte Eingangspassage aus dem “Zauberberg” wird im Rumänischen folgendermaßen übersetzt.

Hans Castorp – cãci acesta este numele tânãrului – stãtea singur într-un mic compartiment capitonat în cenuºiu, cu valiza din piele de crocodil, un dar din partea unchiului ºi tutorelui sãu, consulul Tienappel – ca sã-l prezentãm de pe acum pe numele lui – cu paltonul ce se legãna agãþat de un cârlig, ºi cu pãtura fãcutã sul; stãtea la fereastrã cu geamul coborât ºi cum rãcoarea dupã-amiezii se simþea din ce în ce mai tare, îºi ridicã, asemenea unui copil rãsfãþat ºi plãpând ce era, gulerul pardesiului de o croialã largã ºi modernã, cãptuºit cu mãtase. (93 Wörter)

Ein semantischer oder stilistischer Verlust bei der Wiedergabe von Komposita wie Pflegevater durch tutore, oder Sommerüberzieher durch pardesiu dürfte schwer nachweisbar sein. Es handelt sich um habitualisierte, eingeführte Bezeichnungen, die jeweils für ein Konzept stehen, unabhängig davon, ob das Druckbild Lücken zwischen den Komponenten aufweist oder nicht. Die Behauptung Pflegevater “löse” bei Sprechern des Deutschen “etwas anderes aus” al tutore wäre bloße Spekulation. Es lässt sich jedoch nicht abstreiten, dass die von Thomas Mann gewählten Bezeichnungen Pflegevater statt des stilistisch unmarkierten Vormund textuelle Vernetzungen schafft (zu Familiensöhnchen und Zärtling), das Kontrastpaar Wintermantel – Sommerüberzieher intendierte Anspielungen, die in der Übersetzung durch die Wahl des fast fachsprachlichen tutore, bzw. palton – pardesiu, das im Originaltext mitgemeinte “Grundwasser” der Assoziationen und Verweise in gewissem Maße einebnet.

Obwohl in der rumänischen Fassung auffällt, dass oft Komposita durch Simplizia wiedergegeben werden, kann man nicht umhin zu vermerken, dass die Anzahl der Wörter viel höher ist. Denn die krokodilslederne Handtasche (prädeterminiert ) erhält einen größeren Umfang bei der Postdetermination - valiza din piele de crocodil. Gleichfalls wird das niedergelassene Fenster mit fereastra cu geamul coborât übersetzt oder Familiensöhnchen und Zärtling mit copil rãsfãþat ºi plãpând ce era oder gar (den Kragen seines) modisch weiten, auf Seide gearbeiteten Sommerüberziehers mit (gulerul) pardesiului de o croialã largã ºi modernã, cãptuºit cu mãtase.

Im Falle von Familiensöhnchen und Zärtling gehen in der rumänischen Fassung Konnotationen verloren, denn der vom Autor durch die Wahl der Wörter beabsichtigte Hinweis auf den sozialen Hintergrund Hans Castorps verblasst, wird zur – meinen wir - wichtigen Informationslücke. Die elliptische Formulierung in der das Verb eingespart wird, erhält in der rumänischen Übertragung eine verbale Dimension.

Die Wahl des Wortes Plaidrolle ist ein feiner Hinweis auf Hans Castorps Kosmopolitismus, der vom Übersetzer durch das neutrale pãturã fãcutã sul schlechthin verloren geht und überhaupt nicht die vom Autor intendierte Konnotation beachtet.

Zusatzinformationen werden in der Formulierung bei croialã largã ºi modernã, cãptuºit cu mãtase eingeführt, die explizit wirkt, dort wo der deutsche Text mit impliziten Elementen operiert.

Dass in der rumänischen Version postdeterminierendes sprachliches Material einerseits eingeführt, andererseits ausgespart wird, ist weiter nicht verwunderlich, darf doch die im Deutschen prädeterminierend formulierte Aussage im Rumänischen nicht zu einer Überbelastung der Satzökonomie führen, sondern im Gegenteil, darum bemüht sein, ein gewisses Gleichgewicht zu schaffen.

Die „Straffung und Verdichtung“ (Wan-druszka 1969: 136) als Möglichkeit der deutschen Wortzusammensetzung wäre die Voraussetzung für eine Tendenz zur Aufnahme allenfalls auch verzichtbaren Materials, während - umgekehrt - die Postdetermination einen Zwang zur Einsparung nach sich zöge, die dann im sprachlichen Sonderfall der Übersetzung zu Konflikten zwischen ZS-Norm und „Fidelität“ führen könnte. In der Tat lassen sich einige Belege für eine solche Vermutung anführen.

Auf der Fahrt nach Davos, bei Betrachtung der Gebirgslandschaft erfährt Hans Castorp widersprüchliche seelische Zustände, die rumänisch nur annähernde Entsprechungen finden:

Noch gestern war er völlig in dem gewohnten Gedankenkreise befangen gewesen, hatte sich mit dem jüngst Zurückliegenden, seinem Examen, und dem unmittelbar Bevorstehenden, seinem Eintritt in die Praxis bei Tunder & Wilms (Schiffswerft, Maschinenfabrik und Kesselschmiede) beschäftigt…

Ieri încã era absorbit în întregime de lumea gândurilor sale obiºnuite, cu alte cuvinte se ocupase atât de trecutul cel mai apropiat, deci de examenul dat, cât ºi de viitorul imediat, adicã debutul în practicã, la Tunder & Wilms (“ªantier de constructii navale, fabrici de maºini ºi siderurgie)…

Thomas Mann lässt in dieser Passage auf sehr raffinierte Weise das Haupthema des Romans – die Zeit – anklingen, indem er zwei zusammengesetzte Deverbativa wählt, die komplexe Vorstellungsinhalte suggerieren : das jüngst Zurückliegende; das unmittelbar Bevorstehende. Das „Fließen“ in der Zeit wird durch die selbst in der Substantivierung bewahrte verbale Färbung der beiden Präsenspartizipien gesichert. Hier bleibt dem Übersetzer kaum eine Wahl als zu trecutul apropiat und viitorul imediat zu greifen, denn eine Umschreibung von der Art, ceea ce rãmãsese în urmã de curând und ceea ce îl aºtepta în curând hätte schwerfällig und stilistisch plump geklungen. Es wird wiederum sichtbar welch‘ unwahrscheinliche Vorteile die durch die Nominalkomposition mögliche Konzentration ganzer Gedanken bieten kann:

 […] das bequeme Verfahren der Nominalkomposition im Deutschen und Englischen ermöglicht eine Art der Informationsausbreitung, die von anderen Sprachen, denen dieses Instrument überhaupt nicht oder nur in beschränktem Umfang zur Verfügung steht, nur dann nachgeahmt wird, wenn eine gewisse ‚Wichtigkeitsschwelle‘ überschritten wird, […] (Albrecht 1970: 102).

 Diese Bemerkung trifft auf die rumänische Sprache ohne Einschränkung zu.

Weiter unten in dem Fragment heißt es :

Dieses Emporgehobenwerden in Regionen, wo er noch nie geatmet und wo, wie er wusste, völlig ungewohnte, eigentümlich dünne und spärliche Lebensbedingungen herrschten - es fing an, ihn zu erregen, ihn mit einer gewissen Ängstlichkeit zu erfüllen.

Începu sã-l frãmânte ºi sã-i stârneascã o oarecare îngrijorare simþãmântul de a fi ajuns în regiuni înalte, al cãror aer nu-l respirase încã niciodatã, ºi unde, dupã cum ºtia, domneau condiþii de viaþã neobiºnuit de modeste, ba chiar sãrãcãcioase, firave ºi neîndestulãtoare.

ieHie

Thomas Manns „Emporgehobenwerden in Regionen“ schließt jedwelche Entscheidungsfreiheit des Helden aus: Hans Castorps Schicksal scheint von höherer Instanz schon beschlossen zu sein, ein mystisch-religiöser Unterton deutet schon die immer größere Distanz zwischen der realen und der Davos- Welt an, die Einweihung hat ihren Lauf genommen. Eine gewisse, wenn auch „seraphisch“ determinierte Dynamik klingt mit der Wortwahl mit.

In der rumänischen Fassung gerät der Übersetzer in große Verlegenheit: denn wollte er das Syntagma verbal formulieren, müsste er zu umständlichen Konstruktionen greifen; so wählt er das statische „simþãmântul de a fi ajuns în regiuni înalte” und annulliert damit eine entscheidende, sinnmäßig wichtige Konnotation: in der rumänischen Version befindet sich Hans Castorp schon in Regionen, die er in der deutschen dabei ist zu erfahren und zu erreichen.

Ein Verrat an den Originaltext, den man mit Bedauern registrieren muss!

Gleichwohl konnte festgestellt werden, dass der Übersetzer in den meisten Fällen bestrebt ist, bei Wortzusammensetzung alle Bestandteile in irgendeiner Form in die Übersetzung zu „retten“. Da ist zunächst die direkte Nachbildung des „fugenlosen“ Kompositums durch eine Nomen + adj. Attribut – oder, weit öfter, die Nomen + präpositional angeschlossenes Attribut-Sequenz:

…die[…] braune, grüne und schwarze Rauchmassen ausstieß…

…zvârlind valuri de fum brun, verde ºi negru…

…zwischen Felsblöcken..

…dintre blocuri de stânci

…mit Schneeresten

…cu rãmãºiþe de zãpadã

 

… der Singvögel…

pãsãri cântãtoare

 

Schiebetür

uºã glisantã

 

Jugendkraft…

…forþã tinereascã…

 Hierzu wäre zu vermerken, dass die rumänische Postdetermination die in der deutschen Komposition formal eingeebnete semantische Beziehung zwischen Determinatum und Determinans verdeutlicht; denn die Postattribuierung mit Hilfe der Präposition de erleichtert die Zuweisung des Attributs, das in der Komposition als bestimmendes Glied fungiert, als Stoffbezeichnung.

Die deutschen Komposita der Form V+N werden im Rumänischen insofern abgewandelt, dass das verbale Bestimmungswort der Zusammensetzung als postpositioniertes adjektivisches Attribut erscheint.

Zusammengesetzte Wörter werden aber in der ZS auch durch Simplizia übersetzt:

Wintermantel – palton

Sommerüberzieher – pardesiu

Konversationsräume – saloanele

Käseplatte – brânzeturi

Hausgenosse – oaspete

Halskragen- guler

oder – dort wo keine Alternative vorhanden zu sein scheint – durch Paraphrasen und deskriptive Erklärungen:

 Passhöhe - punctul cel mai înalt al defileului

 Selbstachtung - respect pentru el însuºi

(wie ein) Wasserloch - (ca o) bãltoacã cu apã stãtutã

Die letzten Beispiele zeigen, im Gegensatz zum übersetzerisch unproblematischen Verhältnis von Felsblöcke – blocuri de stânci, dass häufig eben doch die Auflösung des Kompositums zu einer Fügung geringerer Kohäsion führen kann, von der es fraglich ist, ob bei ihr noch eine mentale Repräsentation von entsprechender monolithischer Beschaffenheit beim Rezipienten erzeugt wird. Ein Konzept wie Selbstachtung wird durch die deutsche prädeterminierende Nominalkomposition begünstigt.

Vor allem ist hervorzuheben, dass die deutsche Nominalkomposition Wörter bildet, die ihre partielle morphologisch-semantische Transparenz (Naumann 1986, 37) der Zusammensetzung jeweils für sich lexikalisierter Elemente verdankt, welche so zu neuen Signifikanten summiert werden. Darin lässt sich wohl eine gegenstrebige Tendenz zur prinzipiellen Arbitrarität der Zeichen erblicken. Da der Übersetzer nun aber gelegentlich für ein deutsches Kompositum ein opakes rumänisches Simplex einsetzen kann, ist nicht jedes Kompositum zwangsläufig entweder semantisch zu verkürzen oder durch komplexe, satzbelastende Mittel zu „retten“: ein Hausgenosse ist un oaspete, ein Wiesenplateau - un podiº und die Gemütsruhe – calm. Transparenzverlust ist auch dort zu verzeichnen, wo in der rumänischen Variante Fremdwörter und medizinische Fachtermini gewählt werden, weil die rumänische Sprache hier standardsprachlich semantische Defizite aufweist: die Blutstürze werden zu hemoptozii, die Seelenzergliederung zu disecþia sufletelor.

Ein weiteres Problem: das bereits erwähnte Familiensöhnchen findet sich in der Übersetzung als copil rãsfãþat, d.h. Möglichkeiten der spielerischen Vagheit werden durch die sachliche Aneinanderreihung notgedrungen disambiguiert, der ironische Unterton geht dabei unter. Auch das bereits im ersten Kapitel eingeführte Totenbett hat dasselbe Schicksal, weil die mit diesem Wort mitschwingenden Andeutungen in der neutralen Übertragung pat de moarte verschwinden. Das deutsche Kompositum eröffnet – je nach Kontext - mehrere Interpretationsmöglichkeiten, die in der rumänischen Übertragung zu einer einzigen reduziert werden.

Die selektiv angeführten Beispiele belegen auf ihre Weise recht deutlich die Möglichkeiten des Deutschen zur andeutenden, nichts endgültig festlegenden, dabei aber unerwartete Bezüge herstellenden Wortverknüpfung. Die Komposition gehört dabei zu den häufigst verwendeten Mitteln, denn im Kompositum werden formal semantische Bezüge eingeschmolzen und die Paraphrase mag manchmal mehr Fragen aufwerfen als klären.

Als Sprache, in der die Postdetermination strukturelles Charakteristikum zu gelten hat, in der die Komposition quasi inexistent ist, ein recht selten gebrauchtes Wortbildungsmittel, ist das Rumänische weit expliziter und muss die mangelnden strukturellen Gegenbenheiten durch alternative Konstruktionen wettmachen. Das Ergebnis ist oft Versachlichung, Disambiguierung, erklärende Beschreibung und Paraphrase, was zumindest im literarischen Text als bedauerliches Defizit einzustufen ist.

Die hier bloß angedeutete Problematik der Übersetzung von typisch deutschen Wortbildungsstrukturen in die rumänische Sprache konnte nur auf die substantivischen Komposita aus einem Kapitel eines Auswahltextes begrenzt werden.

Es bleibt zweifelsohne Aufgabe der kontrastiv-linguistischen Forschung aber auch der Übersetzungskritik zu analysieren, wie die unterschiedlichen „Kommunikationsstrategien“ der beiden Sprachen literarisch angeglichen werden können, damit das Prinzip der „Fidelität“ in der Übersetzung bewahrt wird.

Primärliteratur:

Der Übersetzungsvergleich stützt sich auf folgende Ausgaben des Primärtextes:

1.     Thomas Mann (1956): Gesammelte Werke. Zweiter Band. Der Zauberberg. Aufbau-Verlag Berlin.

2.     Thomas Mann (1969): Muntele vrãjit. Traducere de Petru Manoliu. Editura pentru literaturã. Seria Biblioteca pentru toþi. Bucureºti

Literatur (eine Auswahl):

1.     Albrecht, J (1973): Linguistik und Übersetzung. Tübingen.

2.     Albrecht, J. (1979): Le français langue abstraite?. Tübingen.

3.     Bassnett, S. (1991): Translation Studies: London & New York.

4.     Hellmann, J. (1992): Die französiche Version des ‚Zauberberg‘ von Thomas Mann. Hamburg.

5.     Hönig, H.G. /Kussmaul, P (1982): Strategie der Übersetzung. Ein Lehr-und Arbeitsbuch. Tübingen.

6.     Kittel, H. (Hg.) (1988): Die literarische Übersetzung. Stand und Perspektiven ihrer Forschung. Berlin.

7.     Kolde, G. (1996): Nominaldetermination im Deutschen und Französischen. Beobachtungen an zwei modernen Gedichten und ihren Übersetzungen. In: Stadler, U. (Hg.) Theorie und Geschichte des Übersetzens. Stuttgart, Weimar.

8.     Nauman. B. (1986): Einführung in die Worbildungslehre des deutschen . 2., neuberab. Aufl. , Tübingen 11972.

9.     Snell-Hornby M. (Hg.) (1986): Übersetzungswissenschaft – eine Neuorientierung. Zur Integrierung von Theorie und Praxis. Tübingen.

10.  Wandruska, M. (1969): Sprachen. Vergleichbar und unvergleichlich. München


 

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