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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

 

 

"Wortreiche Landschaft". Fachtagung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen,

Stuttgart,   18.-20. Oktober 2000 (Stefan Sienerth)

 

 

Unter dem Titel "Wortreiche Landschaft" - die in den letzten Jahren im Zusammenhang mit der deutschen Literatur aus Rumänien am häufigsten verwendete Metapher - stand die Fachtagung, die die Kulturstiftung der deutschen Vertreibenen vom 18.-20. Oktober 2000 in Stuttgart-Hohenheim veranstaltete. Nachdem in den vorangegangenen Jahren die literarischen Landschaften der ehemaligen deutschen Ostgebiete von den baltischen Ländern über Ostpreußen bis nach Böhmen und Schlesien abgeschritten und in mehreren Veröffentlichungen literaturhistorisch festgehalten worden waren, wandten sich die Veranstalter diesmal den Regionalliteraturen Südosteuropas zu. Als Referenten hatten Dr. Hans-Jakob Tebarth von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen (Bonn) und Dr. Peter Motzan vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (München), die die Tagung fach- und zielgerecht geplant hatten, durch zahlreiche Buchveröffentlichungen und Studien ausgewiesene Hochschullehrer und Wissenschaftler aus Deutschland, Rumänien, Ungarn und aus der Republik Jugoslawien eingeladen. In den Blick genommen werden sollte das Wechselverhältnis von Literatur und Region, wie es sich in einer beachtlichen Vielfalt künstlerischer Darbietungen in den Werken der aus diesem Raum stammenden Schriftsteller spiegelt. Gefragt werden sollte auch nach den groß- und kleinräumlichen Rahmenbedingungen, in denen sich das literarische Leben vor Ort vollzog, nach Beziehungen zu den Literaturen der mitwohnenden Völker und Volksgruppen, nach Wahrnehmungs- und Austauschformen sowie nach Interferenzerscheinungen in einzelnen Werken. Der äußerst heterogenen südosteuropäischen Literaturszene, die auch in ihren deutschsprachigen Äußerungen recht zersplittert ist, trug Dr. Frank-Lothar Kroll (Universität Erlangen-Nürnberg), der die Tagung kompetent und souverän leitete, vor allem durch regionale Zuordnung der Referate Rechnung.

So galten die ersten beiden Referate der aus Rumänien angereisten Professoren George Guþu (Bukarest) und Andrei Corbea-Hoiºie (Jassy) der Dichtung der Bukowina, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts künstlerisch niveauvollsten und wirkungsreichsten deutschen Regionalliteratur dieses Raumes. George Guþu, ein vor allem durch seine Dissertation über Paul Celan und die Veröffentlichung zehlreicher bis dahin unbekannter Briefe aus dem Nachlaß von Alfred Margul-Sperber bekannt gewordener Literaturwissenschaftler, hatte seinen Beitrag darauf ausgerichtet, zu zeigen, wie die Mehrsprachigkeit in einem durch "heterogene Gesellschaftsgebilde", unterschiedliche historische Überlieferungen und Mentalitäten geprägtes "Vielvölkerland" funktioniert habe. Der interessanteste Teil des Beitrages von George Guþu war nicht die Analyse seiner Meinung nach ethnozentristischer, oft national und ideologisch bestimmter Sichtweisen, die die Fachliteratur aller Bevölkerungsgruppen der Bukowina aufweise, sondern die Aufzählung und Beschreibung einer ganzen Reihe von der Forschung bislang unbekannter rumänischsprachiger Zeitschriften der Zwischenkriegszeit, in denen der deutschen Literatur ein vergleichweise breiter Raum reserviert worden war. Guþus faktenreiche Darstellung wurde durch Andrei Corbea-Hoiºies literatursoziologisch breit abgesichertes Referat ergänzt. Corbea-Hoiºie skizzierte gekonnt den weiten historischen und kulturpolitischen Rahmen, in dem sich die deutschsprachige Literatur der Bukowiner Juden in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen zu entfalten hatte.

Vergleichsweise stark vertreten waren die ungarischen Germanisten, die sich Teilaspekten des in deutscher Sprache verfaßten Schrifttums in Ungarn annahmen. Einen gedrängten, durch zahlreiche Fakten und Zusammenhänge veranschaulichten Überblick über die Hochschulgermanistik in Budapest bot der Doyen der ungarischen Germanistik Prof. Dr. Dr. h.c. Antal Mádl. Nach einem kurzen Hinweis auf die Geschichte des Faches, dessen Gründung in Ungarn auf die Erneuerungsgedanken und Zentralisierungsabsichten Josephs II. zurückgeht und das besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts und in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ein beachtliches Niveau erreichte, nach Auflistung der Namen von Hochschullehrern, die duch Lehre und Forschung den Fortgang der deutschsprachigen Literatur- und Sprachwissenschaft in Ungarn bestimmten, ging der Referent ausführlicher auf die auch für die Germanistik schwierige Zeit nach nach dem Endes des Zweiten Weltkrieges ein. Besonders dieser Teil seiner Ausführungen, in denen sich Mádl auch auf seine eigenen Erfahrungen als Student und später als einflußreicher Professor stützte, sprachen die Interessenten an. Regionale Querverbindungen in der deutschen und ungarischen Literatur am Anfang des 19. Jahrhunderts im Karpatenraum deckte Dr. Andás Balogh (Budapest) auf, und Dr. Horst Lamprecht (Fünfkirchen/Pécs) zeichnete ein differenziertes, letztendlich optimistisches Bild der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur.

Numerisch unterrepräsentiert waren die Referate, die den anderen deutschen Literaturen gewidmet wurden. Für die siebenbürgisch-sächsische Literatur konnten die Organisatoren keinen Referenten verpflichten, das Banat und Bukarest waren bloß in den erkenntnisreichen Beiträgen von Dr. Horst Fassel (Tübingen) und Dr. Peter Motzan präsent. Fassel berichtete über das Temeswarer Theater im 20. Jahrhundert, und Motzan bot eine neue Lesart der Erzählungen von Oskar Walter Cisek an. Auf ein abgegrenztes Themenspektrum - Tod, Sexualität und Gesellschaft - im Werk der jüngeren rumäniendeutschen Dichter (Herta Müller, Richard Wagner, Rolf Bossert) richtete Dr. Thomas Krause (Chemnitz) seine Aufmerksamkeit.

Begrüßenswert war die Tatsache, daß mit Prof. Dr. Slobodan Grubaciæ auch ein Germanist aus Belgrad an der Tagung mit einem der regionalen Literaturhistorie zugehörigen Thema anwesend sein konnte. Prof. Grubaciæ, dessen Veröffentlichungen dem literarischen Kanon der neueren deutschen Literatur gelten, sprach überzeugend über die Darstellung der Siedlungsgeschichte der Donauschwaben in Dichtungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Abgeschlossen wurde die Tagung mit einer Podiumsdiskussion zu Präsenz, Akzeptanz und Perspektive der deutschen Literatur in Südosteuropa, an der sich außer den Veranstaltern und Referenten auch gesprächsfreudige Interessenten mit ergänzenden Berichten, Vorschlägen und Anregungen beteiligten.

Stefan Sienerth

 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

 

 

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